Hintergrund: Architektur in Deutschland

Architektur in Deutschland

Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, Foto: Marlies KrossDeutschland, das Land der Dichter und Denker, war im zwanzigsten Jahrhundert auch das Land der Architekten und Bauingenieure. Und es exportierte seine revolutionäre Architektur: das „Neue Bauen“ der Zwanzigerjahre, die „Neue Sachlichkeit“, den „Funktionalismus“.

Neben dem Schweizer Le Corbusier waren es vor allem die Bauhaus-Lehrer Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius, aber auch Bruno Taut und Erich Mendelsohn, die den Internationalen Stil prägten, der über Amerika die Welt eroberte.

Einflüsse aus aller Welt

Am Ende des Jahrhunderts, als die Architekten sich anschickten, die langweilig gewordene Moderne zu verabschieden und wieder bunt und dekorativ zu bauen, öffnete sich das Land im Gegenzug für Einflüsse aus aller Welt. Die Großmeister der Postmoderne, James Stirling aus London, Hans Hollein aus Wien, Rob Krier aus Luxemburg, Arata Isozaki aus Tokio, Richard Meier aus New York und viele andere wurden eingeladen, in Deutschland zu bauen. Vor allem die Internationale Bauausstellung IBA 1987 brachte die Stars der Baukunst alle nach Berlin und beflügelte auf diese Weise auch die deutschen Architekten. So wurde die damals noch geteilte deutsche Hauptstadt zum Treffpunkt der Architekturfreunde aus aller Herren Länder und ließ andere Metropolen in Bezug auf die Architektur weit hinter sich.
Die ausländischen Architekten schätzen in Deutschland vor allem die Qualität der Bautechnik, denn nirgendwo wird dauerhafter und solider gebaut, wenngleich die strengen Bauvorschriften manchmal von den Baukünstlern als Einschränkung beklagt werden.

Blick auf das Bundeskanzleramt mit Chillida-Skulptur „Berlin“, Copyright: Bundesbildstelle/Bernd KühlerAls es ab 1990 nach der Wiedervereinigung galt, die Infrastruktur in der ehemaligen DDR wieder aufzubauen und aus Berlin wieder eine Hauptstadt und Metropole zu machen, zahlte sich die Weltoffenheit wiederum aus. Lord Norman Foster baute den ehemaligen Reichstag zum neuen deutschen Parlament um. Renzo Piano, Richard Rogers, Daniel Libeskind, Rafael Moneo, Helmut Jahn und viele andere kamen in die Stadt und verschafften ihr mit ihren Bauten ein internationales Fluidum. Deutsche Architekten wie Stephan Braunfels, von Gerkan Marg und Partner, Hans Kollhoff und Josef Paul Kleihues trugen ihren Teil zur neuen Hauptstadt bei. Sinnbild für die neue deutsche Architektur, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein halbes Jahrhundert in Bescheidenheit übte und nun wieder selbstbewusster auftritt, ist das von Axel Schultes und Charlotte Frank erbaute Bundeskanzleramt, dessen expressive, unverwechselbare Architektur inzwischen den Fernsehzuschauern in aller Welt fast so bekannt sein dürfte wie das Weiße Haus in Washington.

Vielgestaltige Szene

Literaturmuseum Marbach, Copyright: Valentin Wormbs, StuttgartDie Architekturszene in Deutschland ist vielgestaltig, mit einem Schwerpunkt in der Hauptstadt, doch aufgrund des föderalen Systems mit vielen Regionalzentren und unterschiedlichen Strömungen. Die Architektenkammern, die offizielle Standesvertretung, wie auch die freien Architektenverbände sind ebenfalls föderal organisiert. Zehn Universitäten und einige Dutzend Fachhochschulen und Akademien bilden 20.000 Architekturstudenten aus. Das Deutsche Architekturmuseum steht nicht in Berlin, sondern in Frankfurt am Main und hat 2002 mit dem Architekturmuseum in München Konkurrenz bekommen.

Wenn auch die architektonischen Moden rasch wechseln, der Fokus der Aufmerksamkeit in den letzten Jahren mal nach Österreich, mal nach Holland, mal nach Los Angeles, London oder Basel wanderte, so sind in jüngerer Zeit international beachtete Leitbauten von ausländischen Stararchitekten auch in Deutschland entstanden, etwa das Science Center Phaeno in Wolfsburg und der BMW-Fabrikbau in Leipzig von Zaha Hadid, das epochale Mercedes Museum in Stuttgart von Ben van Berkel, die eindrucksvolle BMW-Welt in München von Coop Himmelb(l)au, das kontemplative Kunstmuseum des Erzbistums Köln, Kolumba, von Peter Zumthor oder das großartige Literaturmuseum in Marbach von David Chipperfield.



Aber auch deutsche Architekten haben mit Bauten im Weltmaßstab punkten können, Gottfried Böhm mit seinem Theater in Potsdam, Claus Anderhalten mit dem Kunstmuseum Cottbus, Sauerbruch Hutton mit dem Umweltbundesamt in Dessau oder Meinhard von Gerkan mit dem Hauptbahnhof in Berlin. Wichtiger noch als diese Highlights ist die Qualität in der Breite der Alltagsarchitektur, die sich Jahr für Jahr in den Wettbewerben von über fünfzig Architekturpreisen in Deutschland zeigt.

Ökologisches Bauen

Holzhaus e3 der Architekten Kaden-Klingbeil; Cop: Kaden Klingbeil ArchitektenEine bedeutende, ja die wohl wichtigste Entwicklung der Gegenwartsarchitektur wird vor allem in Deutschland vorangetrieben, das ökologische Bauen, die Erforschung von nachhaltigen Bauweisen mit nachwachsenden und recycelbaren Rohstoffen, von Wärmedämmung und von regenerativen Energien für das Bauwesen. Elektrizität wird inzwischen in großem Stil mit Fotovoltaikzellen auf Solardächern gewonnen, Wärme mit hocheffizienten Wärmepumpen aus Sonnenstrahlung, aus Luft und per Erdsonden aus Grundwasser. Schon werden Häuser gebaut, die keine Energie verbrauchen sondern, im Gegenteil, Plus-Energie-Häuser, die Solarenergie in Form von Elektrizität ins Netz abgeben.

Neue Methoden der Holzverarbeitung und raffinierte Konstruktionsweisen machen den nachwachsenden und klimaneutralen Rohstoff Holz konkurrenzfähig und helfen energieintensive und umweltfeindliche Bauweisen zu vermeiden. Aus Holz entstehen Plus-Energie-Häuser und sogar siebengeschossige Wohnhäuser in der Innenstadt, Industriehallen und Sportstätten.

Auf diesem zukunftsträchtigen Weg ist die deutsche Bauwirtschaft derzeit führend und feiert mehr und mehr Exporterfolge, vor allem am Persischen Golf, in China und in den USA. So ist Deutschland nach wie vor ein wichtiger Ort für die Weltarchitektur, den zu besuchen es sich in mehrfacher Hinsicht lohnt.
Prof. Dr. Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2003
Aktualisiert Juni 2008

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