In Schönheit lesen – die neue Zentralbibliothek der Berliner Humboldt-Universität
Die Totalität und die Einheit der Wissenschaften hatte den Brüdern Humboldt als Ideal vorgeschwebt. Diesen Zustand sieht der Präsident der Berliner Humboldt-Universität Christoph Markschies nun in der Vereinigung der Bibliotheken der geisteswissenschaftlichen Fakultäten seiner Alma Mater unter einem Dach verwirklicht. Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen
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Konzept/Schnitt: Andreas Christoph Schmidt, Kamera: Lutz Reimann, Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH im Auftrag des Goethe-Instituts, 2010
„Wenn ich mich mit Homer beschäftige, kann ich hier den Originaltext lesen, nebenan die Rezeptionsgeschichte zur Renaissancezeit und ein Stockwerk höher zeitgenössische Bearbeitungen studieren, ohne in andere Fakultätsbibliotheken wechseln zu müssen.“
Die Kunde von einem Bibliotheksneubau mag überraschen und als unzeitgemäß empfunden werden, denn das Bibliothekswesen befindet sich im größten Umbruch seiner Geschichte. Dass sich die Informationsvermittlung ins Internet verlagert, ist ein unaufhaltsamer Prozess, der die herkömmliche Institution Bibliothek mit Katalog, Ausleihe und Lesesaal mit Präsenzbeständen offenkundig infrage stellt.
Lese- und Arbeitsplätze in großem Stil
Deshalb wird die neue Humboldt-Zentralbibliothek sicherlich der letzte große Neubau in Berlin sein, der in großem Stil Lese- und Arbeitsplätze anzubieten hat. Hundert Jahre lang war der Bücherhort der Humboldt-Universität Untermieter der Staatsbibliothek Unter den Linden. Nun kann sie den stattlichen Neubau beziehen, der direkt am Stadtbahnviadukt in idealer Nähe zum Campus liegt.
Den Architektenwettbewerb im Jahr 2004 konnte der Schweizer Architekt Max Dudler für sich entscheiden. Für das nach den Germanisten und Sprachforschern (und Märchensammlern) Jacob und Wilhelm Grimm benannte Haus hatte Dudler eine blockhafte Baukörperkomposition vorgeschlagen, die sich entlang der S-Bahn zehngeschossig weit über die Berliner Traufkante erhebt, sich aber mit niedrigeren Bauteilen an die Nachbarbebauung anpasst. Gestalterische Einheit
Das Äußere des Hauses zeigt nichts als eine strenge Natursteinwand aus einem gelblichen, travertinähnlichen Juramarmor mit präzise ausgestanzten Öffnungen. Die hochrechteckigen Fenster von drei unterschiedlichen Breiten ziehen sich in scheinbar endloser Taktung an den Fassaden entlang. Es ist die Abstraktion einer mit Fenstern durchsetzten Hauswand, die ohne Details, ohne Gliederungen, ohne Gesimse und Fensterrahmen auskommt. Wenn das Auge dennoch nicht lustlos an der monotonen Reihung abgleitet, so wegen der Rhythmisierung durch unterschiedliche Fensterformate. Hinter den schmalen Schlitzen verbergen sich Magazine, in denen die Fülle des Tageslichts eher nicht erwünscht ist. Die breiteren Fenster belichten die Leseplätze und die noch größeren die Sonderflächen.Die Innenausstattung bildet mit der Architektur eine gestalterische Einheit. Wände, Regale, Studiertische und Sitzgruppen sind am großen Raster des Baus ausgerichtet. Die Tische sind exakt so breit wie die Fensterzwischenräume, die Sitzbereiche so breit wie die Fenster. So ergeben sich von allen Arbeitsplätzen aus freie Ausblicke mal in den Saal, mal in die Umgebung, in die Straßen und über die Dächer der Stadt.
Atmosphärisch hinreißender Hauptlesesaal
Funktionales und geistiges Zentrum des Hauses und geschützt vom Straßen- und Eisenbahnlärm ist der beeindruckende große Lesesaal mit 252 Studierplätzen. Er zieht sich terrassenförmig vom Erdgeschoss bis ins vierte Obergeschoss hinauf, Oberlichter sorgen für Tageslicht. Die Terrassen sind den verschiedenen Abteilungen der auf mehreren Geschossen untergebrachten Freihandbibliothek zugeordnet. Neben dem atmosphärisch hinreißenden Hauptlesesaal gibt es Gruppenarbeitsräume und 54 erstaunlich großzügige Einzelarbeitszellen. Die weiteren der insgesamt über tausend Arbeitsplätze sind überall im Haus verteilt.
Ein Eltern-Kind-Bereich im siebten Stock ist mit Spielzimmer und Kinderbücherei ausgestattet und gibt den Eltern die Möglichkeit, in Ruhe zu studieren, während die Kinder beschäftigt sind. Die Juraböden und die mit amerikanischer Kirsche gefertigten Einbauten und furnierverkleideten Wände sowie die sorgfältige und handwerklich makellos ausgeführte Detaillierung sind von einem erstaunlich hohen Standard, der ohne Budgetüberschreitungen mit den angesetzten 75 Millionen Euro realisiert werden konnte. Man kann verstehen, wenn Bibliotheksdirektor Milan Bulaty von seinem schönen Haus schwärmt. Selten genug wird der Begriff Schönheit in Zusammenhang mit zeitgenössischer Architektur verwendet.
Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.
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Oktober 2009
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