Neue Architektur in Deutschland

Geheimnisvoll leuchtender Büchertempel – die neue Stadtbibliothek in Stuttgart

Das Bibliotheksgebäude des koreanischen Architekten Eun Young Yi in Stuttgart polarisiert die Bürger.

Stadtbibliothek Stuttgart, Foto: Kraufmann/Hörner, Rechte LHS

















Die Signale stehen auf grün. „Stuttgart 21“, das milliardenschwere Verkehrs- und Städtebauprogramm, hat die politischen Hürden genommen und wird realisiert werden, wenn sich nicht noch unüberbrückbare finanzielle Löcher auftun. Kompromisse und Sparversionen sind nicht möglich, wenn geplant wird, das Stuttgarter Eisenbahnsystem um 90 Grad zu drehen, aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof zu machen, die Gleise unter die Erde zu legen und das oberirdische Gleisareal mit 150 Hektar in einen neuen Stadtteil umzuwandeln. Ein Anfang ist gemacht, denn auf dem benachbarten Güterbahnhofsgelände wächst bereits ein neues Stück City heran.

Kaaba im Büroquartier

Stadtbibliothek Stuttgart, Foto: Kraufmann/Hörner, Rechte LHS


















Mit unguten Gefühlen allerdings beobachten die Stuttgarter die Entwicklung, denn das Banken- und Büroquartier verspricht nicht gerade die gewünschte lebendige Erweiterung der Stuttgarter Innenstadt zu werden. Langweilige Stein- und Glasfassaden machen sich breit, nichts, an dem das Auge verweilen würde – wäre da nicht diese eigenartige Kaaba, dieser mächtige würfelförmige Bau, der etwas unvermittelt in der Gegend steht, derzeit umso mehr, als noch umgebende Bebauung fehlt. Um eine bedeutende öffentliche Funktion in das neue Viertel zu bringen, hat die Stadt Stuttgart den anstehenden Neubau der Stadtbibliothek hier positioniert. Mit ihrem Publikumsverkehr soll die Bücherei Bürger aus anderen Stadtteilen ins Quartier locken und einen Nukleus für das urbane Leben bilden.

Nach allen Himmelsrichtungen geöffnet

Stadtbibliothek Stuttgart, Eingang, Foto: Kraufmann/Manu Harms, Rechte LHSOb ihr das gelingt, bleibt ungewiss. Denn der unnahbar und in sich gekehrt wirkende Bau scheint sich nur unwillig in die städtische Struktur einfügen zu wollen. Immerhin, und das ist ungewöhnlich, öffnet das Gebäude in alle vier Himmelsrichtungen seine Pforten. Seit den späten Sechzigerjahren, als der Terrorismus in Deutschland begann, das öffentliche Leben zu bestimmen, haben öffentliche Bauten und größere Firmen nurmehr einen kontrollierten Zugang. Die Trutzburg-Mentalität der auf Sicherheit bedachten Gesellschaft bildet sich nur sehr langsam zurück. Die Bibliothek befreit sich von diesen Zwängen, vernetzt sich durch die vier Zugänge mit den Fußwegbeziehungen im Quartier und ist auch mit dem öffentlichen Nahverkehr gut zu erreichen.

Archaischer Würfel im blauen Licht

Stadtbibliothek Stuttgart, Foto: Uwe Ditz, Rechte LHSVielleicht verleiht sie ja auch architektonische Impulse. Denn der vom koreanischen Architekten Eun Young Yi entworfene Bau ist geprägt von einer selten gewordenen architektonischen Kraft. Diese offenbart sich vor allem am Abend, wenn die Fassadenfelder mit ihren Glasbausteinen und hochrechteckigen Fensteröffnungen von innen blau hinterleuchtet werden. Blaues Licht ist ungewöhnlich in der Stadt, es wirkt kühl und geheimnisvoll. Die Passanten reagieren begeistert bis schroff ablehnend. Büchertempel sagen die einen, Bücherknast die anderen. Das blaue Licht, zwischen der äußeren Hülle und der inneren eigentlichen Fensterfassade montiert, wirkt am Abend auch ins Innere und beeinflusst hier die Atmosphäre.

Derart archaische, symbolbefrachtete Formen wie dieser Würfel sind in unserer Baukunst selten geworden. Es waren zuletzt Oswalt Mathias Ungers und Josef Paul Kleihues, die in den achtziger Jahren mit solchen geometrischen Archetypen an die historische Baukunst anzuknüpfen suchten.

„Nutzloser Raum“ im Zentrum

Doch was Eun Young Yi den beiden voraushat, ist das Gespür für Raum und Atmosphäre. Im Zentrum des Kubus trifft der Besucher, nachdem er eine umlaufende Foyerzone durchschritten hat, auf einen leeren, „nutzlosen“ Raum, den der Architekt einen „negativen Monolithen“ nennt. Der quadratische, vier Geschosse hohe Raum mit kleinen Fensteröffnungen in die umlaufenden Bibliotheksgeschosse und einem zentralen Oberlicht hat fast sakralen, jedenfalls meditativen Charakter. Tröstlich, wenn sich eine profit- und rentabilitätsorientierte Gesellschaft doch noch solche Räume leisten will.

Gleißend weißer Bibliothekssaal

Stadtbibliothek Stuttgart, Galerie 2, Foto: Kraufmann/Manu Harms, Rechte LHS



















Fast noch eindrücklicher präsentiert sich der darüber liegende, nach oben bis zur Oberlichtdecke trichterförmig erweiternde Bibliothekssaal. Hell, strahlend weiß, mit vier umlaufenden Galerien und zahlreichen, die Geschosse verbindenden Treppenläufen, bietet er ein verblüffendes Architekturerlebnis, wie es in Stuttgart kein zweites Mal anzutreffen ist. Man beobachtet Kinder, die treppauf, treppab und entlang der Galerien ziellos umherstreifen, den Raum erkunden und unbewusst, aber ganz offenkundig diesem Faszinosum erliegen. Kritiker haben das gleißende Weiß wegen seiner kühlen Wirkung bemängelt. Immerhin bringt es die Buchregalwände zum Leuchten, die den Raum umfangen. Berühmte Beispiele kommen in den Sinn wie Asplunds Büchertempel in Stockholm, die Klosterbibliothek Geistingen oder die British Library mit ihren mehrgeschossigen Bücherwänden.

Dachterrasse mit Rundumsicht

Stadtbibliothek Stuttgart, Zwischen den Fassaden, Foto: Kraufmann/Manu Harms, Rechte LHS


















Die gestalterische Konsequenz ist frappierend; dass sie aber nicht zum Selbstzweck werden darf, zeigt die Cafeteria „LesBar“ im obersten Geschoss, deren Atmosphäre zum Frösteln ist und nicht gerade zum gemütlichen Plausch einlädt. Bei schönem Wetter wird man ohnehin in die Loggiazone zwischen den beiden Fassaden ausweichen oder gleich die Dachterrasse aufsuchen, die eine Rundumsicht auf die Jahrzehntbaustelle Stuttgart 21, auf die City und auf Wald und Reben des Stuttgarter Talkessels bietet.

Man wird die neue Stadtbibliothek in das erste Dutzend der Stuttgarter Attraktionen der modernen Architektur einreihen dürfen.

Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.

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Februar 2012

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