Panorama: Architektur in Deutschland

Frappierende Erfolgsgeschichte – die Museumsinsel in Berlin

Die milliardenteure Sanierung der Berliner Museumsinsel schreitet voran. Drei der fünf historischen Bauten erstrahlen bereits in neuem Glanz. Der Masterplan für die Sanierung verrät einen langen Atem.

Der Zuspruch übersteigt alle Erwartungen. In den zehn Wochen nach der Eröffnung Mitte Oktober 2009 besuchten 250.000 Besucher das Neue Museum, die neue „Residenz“ Nofretetes. Vermutlich wird es das bislang populärste Berliner Museum spielend überrunden, denn im benachbarten Pergamonmuseum empfängt man pro Jahr eine Million Besucher. Der Erfolg lässt mittlerweile die Kritiker verstummen, die den Milliardenaufwand für die Museumsinsel als einseitige Förderung eines elitären bürgerlichen Kunstbetriebs geißelten.

Museumsinsel Berlin (Blick in die Zukunft, 3D-Modell); Copyright: Stiftung Preußischer Kulturbesitz/ART+COM

Der Masterplan

Peter Klaus Schuster, bis Oktober 2009 Generaldirektor der Staatlichen Museen, hatte die Sanierung und Neugestaltung der im Krieg schwer getroffenen und zu DDR-Zeiten mangelhaft unterhaltenen, seit 1999 zum Weltkulturerbe zählenden Museumsinsel in Schwung gebracht, mit Geld, viel Geld, mit beherzten Entscheidungen, wo bis dahin Gezänk geherrscht hatte, und mit wohldosierter Öffentlichkeit, wo zuvor Geheimplanung üblich war.

Der Masterplan verrät einen langen Atem. 2013 will man mit der Sanierung des Pergamonmuseums beginnen und sich für die Arbeit in mehreren Bauabschnitten bis 2028 Zeit lassen. Für die Renovierung von Schinkels Altem Museum gibt es noch nicht einmal ein Zieldatum. Antiquarischer sei der Masterplan als frühere Pläne (weil er von der weitest möglichen Restaurierung der historischen Architekturen ausgeht), und ein wenig schien Schuster den fulminanten Kopfgeburten von Frank O. Gehrys Vorschlägen für die Museumsinsel nachzutrauern, die nicht mehrheitsfähig gewesen waren. Stattdessen wurden die von David Chipperfield in Zusammenarbeit mit den anderen beteiligten Architekten ausgeklügelten, denkmalgerechteren Pläne unter freundlich zustimmendem Geraune des Publikums abgenickt.

Brücke zwischen Klassizismus und Jetztzeit

Links: Entwurf der James Simon-Galerie von David Chipperfield Architects, Museumsinsel Berlin, 2008 (Blick vom Lustgarten). Copyright: Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Imaging Atelier; Rechts: Alte Nationalgalerie, Museumsinsel Berlin-Mitte. Copyright: Staatliche Museen zu Berlin/Foto: F. Friedrich, Berlin

Zunächst ist der klassizistische Tempelbau der Alten Nationalgalerie in frischem Glanz erstanden, 2006 dann das Bode-Museum mit Skulpturensammlung und Münzkabinett, gefolgt von der noch großartiger inszenierten Einweihung des Neuen Museums Ende 2009.

Nachdem der Bundestag 73 Millionen Euro vorzeitig zur Verfügung stellte, darf man sich als Nächstes auf David Chipperfields James Simon-Galerie freuen, benannt nach dem Stifter und Mäzen, der den Staatlichen Museen vor hundert Jahren seine Sammlung unter anderem mit der Nofretete überantwortete. Als zentrales Eingangsgebäude mit Kassenhalle, Garderoben, Shop und Café wird es die erwarteten Besucherströme besser aufnehmen und verteilen können. Ein Auditorium, das Medienzentrum und Sonderausstellungsräume ergänzen das Angebot der Museen. Chipperfield hatte nach vernichtenden Urteilen über seinen Vorentwurf seine Pläne geändert und eine zu den Bestandsbauten kongeniale Architektur gezeichnet, die die Brücke zwischen den Klassizismen der Museumsinsel und der Jetztzeit zu schlagen vermag. Der Bau mit seiner Pfeilerhalle, der an die Propyläen der Akropolis erinnert, wird ab 2013 die Besucher empfangen und sie auf das Kulturerlebnis einstimmen.

Archäologische Promenade

Überwiegend mit Kritik und zum Teil mit viel Häme wurde der Masterplan im Hinblick auf die „Archäologische Promenade“ bedacht, auf der die Besuchermassen in den Untergrund geschickt werden sollen. In vier der fünf Museen werden die Sockelgeschosse zusätzlich als Schauräume gewonnen und durch unterirdische Gänge miteinander verbunden. Damit will man eine „fächerübergreifende Darstellung“ der Sammlungen erreichen. Dieser „Hauptrundgang“ soll es den eiligen Bustouristen ermöglichen, zwischen Checkpoint Charlie und Brandenburger Tor noch eben in 40 Minuten die Highlights der Museumsinsel, den Pergamonaltar, das Ischtar-Tor und die Nofretete abzuhaken. Ob man tatsächlich zwei Millionen Besucher jährlich durch den Rundgang treiben oder den Zugang vielleicht doch einschränken sollte, wird zu Recht gefragt. Man habe eben diese Nachfrage, der man sich nicht verschließen könne ...“, so Florian Mausbach, bis vor kurzem Chef der Bundesbaudirektion vielsagend, das seien eben die „Sachzwänge“.

Visualisierung Kolonnadenhof, Museumsinsel Berlin; Copyright: Levin Monsigny Landschaftsarchitekten

Großartiger Architekturpark

Aus der Maulwurfsperspektive wird man freilich die Museumsinsel nicht mehr als das Ensemble solitärer Museumsarchitekturen verschiedener Epochen erleben können. Es empfiehlt sich also, beim Wechsel von einem Museum zum anderen die Häuser zu verlassen, Friedrich August Stühlers instand gesetzte Kolonnadenhöfe von 1841 zu durchstreifen und den großartigen Architekturpark zu erleben. Die Berliner Landschaftsarchitekten Levin Monsigny gestalteten die Freiräume im Geist Friedrich Wilhelms IV., die damit erstmals vollständig der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Nach und nach entsteht jenseits des Kupfergrabens das Verwaltungs- und Forschungszentrum der Museumsinsel. In den „Museumshöfen“ arbeiten die Kuratoren und Restauratoren, Forscher und Studierenden. Neben den Museumsverwaltungen sind dort Bibliotheken, Archive und Studiendepots untergebracht, all die peripheren Einrichtungen, die für einen Museumsbetrieb von Weltrang unverzichtbar sind. So konnten die Räumlichkeiten in den Häusern selbst vom Untergeschoss bis zum Dach für den Publikumsbetrieb genutzt werden.

Mit den glanzvoll wieder gewonnenen Häusern wird der „deutsche Louvre“ seine Besucherzahlen von zuletzt 3 Millionen deutlich steigern, wenngleich man die 8,5 Millionen des wahren Louvre in Paris nicht wird erreichen können. Aber die Ambitionen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind andere. Berlin setzt auf Qualität statt auf massenhafte Besucherströme. Aber wie lange noch?, das bleibt die Frage.



Die Museumsinsel in Berlin

Die Museumsinsel liegt im Zentrum Berlins zwischen Spree und Kupfergraben. Das im Jahr 1830 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Alte Museum war der erste Bau auf der Museumsinsel und das erste öffentliche Museum Preußens. Ihm folgten 1859 das Neue Museum, 1876 die Alte Nationalgalerie, 1904 das Bode-Museum und 1930 das Pergamonmuseum. Die Museen beherbergen vor allem die archäologischen Sammlungen und die Kunst des 19. Jahrhunderts.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Museen zu bis zu 70 Prozent zerstört. Der 1999 beschlossene Masterplan Museumsinsel sieht die Sanierung der Gebäude sowie die Zusammenführung und Neuordnung der nach dem Krieg in Ost und West geteilten Sammlungen vor. Seit 1999 gehört die Museumsinsel zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010

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