Stadtumbau: Schrumpfen – gewusst wie

Die Internationale Bauausstellung (IBA) Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010 entwickelt Zukunftsstrategien für Städte mit Bevölkerungsschwund.
Der demografische Wandel verändert Deutschlands Städte. Neben Wachstumsregionen gibt es Gebiete mit einem erheblichen Bevölkerungsrückgang. Dazu gehört das Bundesland Sachsen-Anhalt: 200.000 Wohnungen stehen dort dauerhaft leer. Seit der Wiedervereinigung 1990 ist die Bevölkerung von 2,9 Millionen auf knapp 2,4 Millionen zurückgegangen, und nach einer Prognose des Statistischen Bundesamtes werden es in 50 Jahren nur noch 1,3 Millionen sein. Politiker und Planer stehen somit vor der Herausforderung, das Schrumpfen zu organisieren. Seit 2002 entwickelt die „Internationale Bauausstellung (IBA) Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010“ Strategien gegen Leerstand und Verfall. 19 Städte haben sich an der IBA beteiligt und präsentieren nun im IBA-Abschlussjahr 2010 ihre Lösungsansätze unter dem Motto „Weniger ist Zukunft“.
Kluge Balance
Mit der Konzentration auf ihre spezifischen Potenziale, einer klugen Balance zwischen Abriss, Verdichtung und Vernetzung sowie einem offensiven Planungs- und Flächenmanagement, das die Kompetenz der Anwohner und künstlerische Interventionen mit einbezieht, versuchen die schrumpfenden Städte in Sachsen-Anhalt, lebens- und zukunftsfähig zu bleiben.
Dessau-Roßlau zum Beispiel setzt auf einen radikalen Stadtumbau. Das Konzept: Stadtinseln, verdichtete urbane Kerne, liegen in einem großflächigen Landschaftszug, der nach und nach durch leerstandsbedingte Abrisse entsteht. Die vorhandenen Brachflächen, die perspektivisch zu diesem großen Grünzug zusammenwachsen sollen, sind zu 400 Quadratmeter großen „Claims“ abgesteckt, die die Stadt Bewohnern, Initiativen und Vereinen unentgeltlich zur Nutzung überlässt. 19 Claims werden zurzeit bewirtschaftet: Eine Apothekerin hat einen Garten mit Heilpflanzen angelegt, der Dessauer Energietisch experimentiert mit nachwachsenden Rohstoffen, Vereine verlegen ihre Grillabende und geselligen Zusammenkünfte auf ihre Claims. So entsteht nicht nur ein neuer Typus von Freiraum. „Auch das Bild von Stadt beginnt zu oszillieren, zwischen bebautem und unbebautem Raum“, sagt die Landschaftsarchitektin Heike Brückner, die das Projekt im Auftrag der Stiftung Bauhaus Dessau begleitet.
Profilierung und Vernetzung
Mit der konsequenten Konzentration auf den sanierten historischen Stadtkern versucht dagegen die Stadt Aschersleben, Schrumpfung sinnvoll zu gestalten. Abgerissen wird am Ortsrand, Einrichtungen wie Schulen und Behörden zogen ins Zentrum. Der lärmbelastete Innenstadtring, die Schnittstelle zwischen innen und außen, verwandelte sich zur „Drive Thru Gallery“: Wechselnde Ausstellungen mit großformatigen Werken, die vom Auto aus wahrnehmbar sind, tragen zur Aufwertung der Ortsdurchfahrt bei.
Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, öffentlicher Nahverkehr, Ämter, Theater: In Regionen mit drastischem Bevölkerungsschwund ist teure städtische Infrastruktur nicht mehr an jedem Ort zu finanzieren. Ein Problem, dem die IBA-Städte programmatisch mit Profilierung und Vernetzung begegnen. Stendal etwa, in der am dünnsten besiedelten Region Sachsen-Anhalts gelegen, bietet in gut sanierten Schulgebäuden vielfältige Bildungsangebote und ergänzt sich so mit dem benachbarten Wirtschaftsstandort Arneburg.
Homöopathie als Entwicklungskraft
Dass die IBA-Städte unter der Herausarbeitung ihrer Potenziale weit mehr verstehen als übliche Stadtmarketingstrategien, zeigt auch das Beispiel Köthen, wo im 19. Jahrhundert der Homöopathie-Begründer Samuel Hahnemann lebte und forschte. Daran anknüpfend folgt der Stadtumbau dem Leitmotiv „Homöopathie als Entwicklungskraft“ und setzt auf die Gesundheitsbranche als Wirtschaftsfaktor. Mit Erfolg: Das sanierte Spitalgebäude in Köthen beherbergt inzwischen die (aus Hamburg übersiedelte) Europäische Bibliothek für Homöopathie und hat sich zum gut gebuchten Tagungs- und Fortbildungszentrum entwickelt. Die Universität Magdeburg wird hier vom kommenden Jahr an einen Masterstudiengang für Homöopathie anbieten. Außerdem experimentierten die Stadtplaner in ihrem Kampf gegen Leerstand und Verfall mit Werkzeugen aus dem Instrumentenkasten der Homöopathen. Konkret ging es um die Ludwigstraße, in der 17 Häuser abgerissen werden sollten. Gemäß der homöopathischen Lehre hörten sich die Planer zunächst die Klagen der Bewohner genau an und setzten dann zur Therapie auf das Mittel der Symptomverschlimmerung: Sie drehten der Ludwigstraße eines Abends das Licht ab und luden die irritierten, wütenden Anwohner anschließend zur Versammlung ein. Am Ende der lautstarken Debatte standen Engagement, Verantwortungsgefühl und Handlungsbereitschaft: Einige der ehemals leer stehenden Häuser sind inzwischen saniert und neu vermietet.
Kleiner und trotzdem schöner
„Eine ganz wichtige Erfahrung für die Planer war, wie viel es bringt, gezielt vorurteilsfrei an die Sache heranzugehen, genau zu beobachten, sich überraschen zu lassen von den Impulsen, die von den Anwohnern kommen,“ sagt die für Köthen zuständige IBA-Projektleiterin Sonja Beeck.
Nachdem Politiker und Planer jahrzehntelang damit beschäftigt waren, neue Straßen zu bauen, größere Wohnviertel zu erschließen und Gewerbeflächen auszuweiten, ist das Paradigma des Wachstums inzwischen gebrochen. Die IBA-Städte zeigen exemplarische Lösungsansätze für den Versuch, kleiner und trotzdem schöner zu werden. Diese neuen Wege bei der Planung und Gestaltung müssen nun weiter erprobt werden. Denn die IBA geht zu Ende, der Stadtumbau in schrumpfenden Regionen fängt erst richtig an.
Bis zum 16. Oktober 2010 werden in jeder der 19 IBA-Städte Sachsen-Anhalts die lokalen Ergebnisse präsentiert – in Ausstellungen, Touren, Aktionen. Einen Überblick über den gesamten Prozess gibt die zentrale Ausstellung im Bauhausgebäude in 06846 Dessau-Roßlau, Gropiusallee 38.
Die IBA Stadtumbau 2010 ist ein Projekt des Landes Sachsen-Anhalt, gemeinsam durchgeführt von der SALEG Sachsen-Anhaltinischen Landesentwicklungsgesellschaft und der Stiftung Bauhaus Dessau.
ist freie Journalistin in Berlin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2010
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