„Copy-Culture“ – Kopieren ausnahmsweise erwünscht

|
Für ein Universitätsprojekt durften Berliner Designstudenten alle Grundsätze über Bord werfen. Kopieren – das hat unter Kreativen keinen guten Ruf, schon gar nicht in der westlichen Welt. Allein bei dem Gedanken an Kopien tauchen vor dem inneren Designerauge dunkle Hallen auf, in denen Plagiate der eigenen Entwürfe in schlechtester Qualität vom Fließband fallen. „Dabei“, sagt der Industriedesigner und Hochschullehrer Lucas Verweij „war Kopieren jahrhundertelang die absolut gängigste Methode um zu lernen und in der asiatischen Kultur ist es das bis heute.“ Und genau so, mit dem Anspruch von den Besten zu lernen, ist auch Verweijs Projekt „Copy Culture“ mit Produktdesign-Studenten der Kunsthochschule Weißensee und der Universität der Künste entstanden. Dabei ging es ihm und den acht mitwirkenden Studenten aber nicht nur um reines Nachbauen von geschätzten Designklassikern: „Man beschäftigt sich mit einem Objekt das man kopieren will sehr intensiv. Und wie gut es ist, sieht man erst, wenn man es dann nachbauen will.“ |
|
| ||
|
Erst dann, so Verweij, würden die Feinheiten zutage treten. „Man steht nicht nur vor dem fertigen Produkt, sondern kann auch die Entwurfsprobleme nachvollziehen – und die Lösungen bewundern, die der Designer gefunden hat.“ Danach sollte als zweiter Teil der Aufgabe das kopierte Werk in etwas Neues verwandelt werden.
Seine Studenten suchten sich zunächst von ihnen geschätzte Arbeiten aus. Darunter die „Tree-Trunk-Bench“ von Jurgen Bey oder der „Crinoline“-Rattan-Stuhl von Patricia Urquiola. Wenn es sich dabei um Werke lebender Gestalter handelte, bat ihr Professor um Erlaubnis, wenn es um die Urheberrechte bereits verstorbener Designer ging, informierte er deren Verwalter. Der Slowake Tomas Libertiny zum Beispiel gab der Studentin Johanna Keimeyer sofort das Einverständnis seine „Honeycomb Vase“ zu kopieren. Allerdings war er skeptisch, wie schnell sie das Projekt würde umsetzen können – immerhin sei sie auf die Unterstützung der Bienen als Baumeister angewiesen. Keimeyer warf sich trotzdem beherzt in das Projekt – und hatte auch Glück: „Ich hatte den richtigen Zeitpunkt erwischt, im April/Mai bauen die Bienenvölker.“ Das bedeutete, dass die von ihr vorbereiteten Vasenprofile schnell von den Bienen mit Wachs ausgefüllt wurden, „sie bauten meine zweidimensionale Vorlage in 3-D aus.“ Danach machte sich Keimeyer an die zweite Aufgabe – die Weiterentwicklung. Sie entwarf eine Löffelvorlage aus Wachs, die die Bienen wiederum in 3-D ausfüllten. Danach wurde der Löffel in Silber galvanisiert – und damit kann sich die Studentin jetzt Honig aufs Brot tropfen lassen. Sie habe viel gelernt bei dem Projekt, so Keimeyer. Und von ihrer neu entwickelten Art, Honigobjekte zu galvanisieren, war auch Tomas Libertiny begeistert. In diesem Fall hat auch der Kopierte von der Weiterentwicklung lernen können. Das alte „Meister-Schüler-Prinzip“ wiederentdecken
Wenn die Handwerksmeister des Biedermeiers noch leben würden, wären sie wahrscheinlich auch angetan von dem, was Student Hannes Simon aus einem Stuhl ihrer Zeit gemacht hat. Der gelernte Tischler hatte dabei einen großen Vorteil: Aus der handwerklichen Tradition heraus war ihm das „Meister-Schüler-Prinzip“, bei dem man durch Abschauen lernt, nicht fremd. Der Biedermeier-Stil war dann allerdings eine Herausforderung. Die wuchtigen und zugleich schlichten Möbel, die sich das Bürgertum ab 1810 in die Wohnungen stellte, waren aus sehr massivem Holz gebaut. Simon musste zunächst Holz zusammenleimen, um diese Dichte zu kopieren. Ein weiteres Problem war die Zeit – bis zu zwei Wochen saß ein Tischler damals daran. Der Student schaffte es nach drei Prototypen den Arbeitsprozess so zu optimieren, dass er in anderthalb Tagen einen Stuhl gebaut hatte.
|
|
| ||
|
„Wichtig war mir dabei, nicht computerunterstützt zu arbeiten, sondern alles handwerklich zu optimieren“ und so Biedermeier zu modernisieren. Bei der Beschäftigung mit den Epochen Barock und Biedermeier im Bezug auf Copyright wurde Simon klar, dass es dieses Problem damals nicht gab: „Thomas Chippendale hat seine Entwürfe für Stühle in Buchform auf den Markt gebracht. Kopieren war kein Problem, jeder durfte das.“ Die Meister des Barock hätten im Gegenteil die Verbreitung ihrer Ideen gefördert.
Das ist heute anders. Einem einzigen guten Entwurf können, wie früher, immer noch Jahre harter Arbeit vorausgehen. Aber die Kopie dieses Entwurfs schafft es vielleicht, dank industrieller Produktion, innerhalb kürzester Zeit ein Welterfolg zu werden. Daher überrascht die Scheu westlicher Designer, als parasitäre Kopierer zu gelten, nicht. Manchmal stoppt die Angst zu kopieren aber auch den kreativen Prozess. „Denn das Teilen einer Idee kann ja auch zu einer gelungenen Weiterführung führen“, wie Projektleiter Verweij sagt. Allerdings wäre er der Letzte, der Plagiieren zum Selbstzweck oder zur Bereicherung befürworten würde. Aber er und einige andere Designtheoretiker beschäftigen sich mit Alternativen zum Urheberrecht. „Open Design“ heißt zum Beispiel eine radikale Version des israelischen Designers Ronen Kadushin, der seine Entwurfsmodelle im Netz für nicht-kommerzielle Reproduktion freigibt. „Auch wenn das sicher nicht die eleganteste Lösung ist, so zeigt es, dass durch das Netz die Diskussion um Urheberrechte neu startet“, so Verweij. Und eines sollte nicht vergessen werden: „So gut wie alles war im Design schon einmal da. Nur wer es schafft, so etwas wie Seele in seine Entwürfe zu bringen, wird letztlich Erfolg haben.“
|
|




internet-redaktion@goethe.de








