Die Eigenschaften des analogen Mediums – Buchgestaltung

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Der kriselnde Buchmarkt differenziert sich immer weiter aus. Nischen wie das Self-Publishing wachsen, der Trend zum E-Book schockiert und beflügelt die Branche. Wie reagieren die Grafikdesigner auf diese Trends? Ein Überblick über aktuelle Tendenzen der Buchgestaltung.
Seit einiger Zeit kursiert im Internet ein Video, in dem ein junger Spanier erklärt, was das überhaupt ist, ein Buch, so als wüsste keiner seiner Zuschauer mehr, was er damit überhaupt anfangen soll. Er führt vor, wie es funktioniert, wie man blättert, wie die Seiten zusammengehalten werden, was ein Inhaltsverzeichnis ist und was ein Lesezeichen. Ein neues Gerät, eine Wissensmaschine sei das, erzählt er strahlend, für die man kein Kabel, kein Funknetz, keine Batterie benötigt: „Und man muss sie nicht neu starten!“ Elektronische KonkurrenzIn Wirklichkeit gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen, dass es einmal so weit kommen wird. „Gedruckte Bücher wird es immer geben“, meint Markus Dreßen, Professor für Grafikdesign an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Digitale Publikationsformen, speziell das E-Book, hält er nicht für eine drohende Konkurrenz, eher für „eine Erweiterung“. Bis jetzt spielt das E-Book ohnehin keine große Rolle auf dem deutschen Buchmarkt, 2011 lag sein Marktanteil bei 1,2 Prozent. Die Verlage rechnen allenfalls damit, dass das digitale Buch im Taschenbuch-Segment und bei wissenschaftlichen Neuveröffentlichungen irgendwann das analoge verdrängen wird. Das Potenzial, das in der Verschränkung von Text, Bild und Ton und in interaktiven Elementen liegt, wird noch längst nicht ausgeschöpft. Das betrifft auch die Gestaltung: E-Books sehen immer noch so aus wie direkte Übertragungen gedruckter Bücher. |
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Experimentierfeld BuchDoch hat die vermeintlich drohende Dematerialisierung des papierenen Buches umgekehrt auch Auswirkungen auf seine Gestaltung? Wie reagieren die Grafikdesigner darauf? Seit ein paar Jahren lässt sich feststellen, dass sie die spezifischen Eigenschaften des analogen Mediums besonders herausstellen – die Materialität, das Objekthafte des Buchblocks – und damit das Buch als optisches und haptisches Erlebnis inszenieren. Sie verwenden außergewöhnliche Papiere, oft mehrere verschiedene in einem Buch, experimentelle Buchbindungen und Druckveredelungen wie Prägungen, Stanzungen, glänzende Effektlacke und Farbschnitte, also eingefärbte Schnittkanten. Buchgestaltung ist gerade für junge Grafikdesigner ein neues Experimentierfeld geworden. „Es wurde sehr viel über das Buch nachgedacht“, sagt Markus Dreßen, „sehr intensiv, fast exzessiv.“ So sehr, dass man meinen könnte, dies sei „das letzte Aufbäumen“ gewesen.Zahlreiche Grafikdesigner, auch Dreßen selbst, haben dabei vom Boom des Kunstmarkts profitiert, der viel in das Buch als Repräsentationsmedium investierte und interessante Aufträge vergab und vergibt. Auf dem Massenmarkt jedoch und bei den großen Verlagen sind solche experimentellen Buchentwürfe nach wie vor kaum zu finden. Wer etwa eine Filiale der Ketten Hugendubel und Thalia betritt, trifft vor allem bei der Belletristik auf austauschbare Fotografien oder Illustrationen auf den Bucheinbänden, die viel Spielraum für Assoziationen lassen, um möglichst viele Kunden anzusprechen, damit aber auch wenig aussagen. Fragen der Gestaltung spielen in diesem Segment keine besondere Rolle, weshalb freie Grafikdesigner auch nicht zum Zug kommen. |
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Independent PublishingSo verwundert es nicht, dass immer mehr von ihnen die Sache selbst Hand nehmen – sie generieren die Inhalte ihrer Bücher, gestalten, drucken, binden und verlegen sie selbst. DasGegentrendsJenseits all dieser Trends gibt es aber auch Grafikdesigner, die einen Gegentrend setzen, indem sie sich auf das Wesentliche beschränken: Sie versuchen, das Thema eines Buches auf den Kern zu reduzieren und davon ausgehend auch zu gestalten. „Nicht modisch zu sein, ist für mich zeitgenössisch“, sagt etwa der Münchner Thomas Mayfried. „Es geht mir um Angemessenheit.“ Seine Kataloggestaltungen für das Haus der Kunst und Künstler wie Jonathan Meese und Florian Süssmayr mag man auf den ersten Blick als puristisch empfinden, sie erweisen sich aber als virtuoses, rhythmisch strukturiertes Spiel von Leere und Dichte. Das Wichtigste in der Buchgestaltung, so Mayfried, sei die Dramaturgie, „eine Art Spannungsbogen, der sich durch Weglassen und Hinzufügen ergibt“. Und das kann im Moment und wohl noch länger kein E-Book bieten.Markus Zehentbauer
ist Kunsthistoriker und arbeitet als freier Journalist und Lektor in München. Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion Juli 2012 Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns! internet-redaktion@goethe.de |
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