Designthemen in Deutschland

„Man ist so, wie man sich zeigt, und man zeigt sich so, wie man ist“ – der umfassende Gestaltungsversuch Otl Aichers für Deutschland

Olympia-Gelände München, 1972, Foto: Otl Aicher, Copyright © Florian Aicher, Rotis

Olympia 1972: Plan des Verkehrsnetzes, 1968 - 1972, Entwurf: Otl Aicher, Copyright © Florian Aicher, Rotis


Das Design der Olympischen Spiele von 1972 ähnelt in vielerlei Hinsicht dem, was wir heute Corporate Design nennen. Es ist Corporate Design. Die Firma war die Bundesrepublik Deutschland. Die Botschaft hieß: Läuterung. Liberalität. Postnationalismus.

„Modell Deutschland“

1972, erst 27 Jahre nach dem Krieg und 36 Jahre nach den letzten Olympischen Spielen in Deutschland, musste die Bundesrepublik aus gutem Grund immer noch um ihr Image kämpfen. Sie musste und sie wollte – fast krampfhaft – beweisen, dass sie ein modernes, pluralistisches Land ist. „Modell Deutschland“ hieß das später in einem SPD-Wahlkampf. Dieser unbedingte Wille, sich nach außen modern darzustellen, die einmalige Möglichkeit einer globalen Dauerwerbesendung vor Milliarden Fernsehzuschauern, schuf für Gestalter den Raum, den sie vielleicht sonst nie bekommen hätten.

100 verschiedene Gestaltungsbereiche

Der entscheidende Mann war Otl Aicher, Leiter der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm. Die HfG war der Ort, an dem aus den Trümmern des Krieges erstes modernes Design in der Bundesrepublik entstanden war. Aicher hatte vorher vor allem Firmendesign entworfen: Das Lufthansa-Erscheinungsbild stammte aus seinem Büro. Und genauso wie mit einer Firma ging er nun auch mit den Olympischen Spielen um.

Der Leitsatz des Designers lautete: „Man ist so, wie man sich zeigt, und man zeigt sich so, wie man ist.“
Olympia Sportplakate „Turnen“, „Hürdenlauf“ & „Ringen“, 1968 - 1972, Entwurf: Otl Aicher, Copyright © Florian Aicher, Rotis

Olympia Kulturplakat „Internationales Folklore Festival“, 1968 - 1972, Entwurf: Otl Aicher, Copyright © Florian Aicher, Rotis

Olympia-Fahnen und Piktogramm, 1972, Foto: Otl Aicher, Copyright © Florian Aicher, Rotis

Aicher hatte einen umfassenden Anspruch: Alles sollte gestaltet werden, von den Uniformen der Ordnungskräfte über Programmhefte und Plakate bis zu den Parkscheinen. 100 verschiedene Gestaltungsbereiche machte Aicher aus.

Sogar der Müll sollte bestimmten Gestaltungsanforderungen genügen, mit „München 1972“ konkurrierende Logos (zum Beispiel Coca-Cola) sollten verdeckt bleiben – Aicher scheiterte hier letztlich an der Macht der Marken, die in München einen ersten Höhepunkt erlebte: Wer genau hinsieht, wird sehr häufig auf zeitgenössischen Bildern die drei Streifen von Adidas sehen.

Olympiade der Regenbogenpalette

Aicher wollte „mit Farben Politik machen“, ihnen galt seine erste Aufmerksamkeit. Sie sollten unpathetisch, nicht-national sein, leicht statt schwer. Rot und Gold schieden gleich aus – das war der Bombast, mit dem die Nazis die Spiele von 1936 versehen hatten. Aicher entschied sich für Silber und Hellblau als Grundfarben: In seiner ganzen internationalen Ausrichtung stellte dies eine Reminiszenz an Bayern dar. Silber für die Berge, blau für den Himmel. Wer heute an einem schönen Tag vor dem Münchner Zeltdach des Olympiastadions steht, im Hintergrund die Berge, ist immer noch fasziniert davon, wie diese Farbkombination technizistisch und natürlich zugleich ist, wie sie zitiert was ist und gleichzeitig künstlich ist. Neben Hellblau und Silber suchte Aicher ein supranationales Designelement: Nationalismus war in München verpönt. Er entschied sich – frappierend einfach – für die Regenbogenpalette, als inoffizielle Fahne des auch als „Regenbogen-Spiele“ in die Geschichte eingegangenen Münchner Treffens der „Jugend der Welt“.

Olympiade 1972: Broschüren „Basketball“, „Bogenschießen“ & „Turnen“, 1968 - 1972, Entwurf: Otl Aicher, Copyright © Florian Aicher, Rotis

Olympia 1972: „Sportpiktogramme“, 1968 - 1972, Entwurf: Otl Aicher, Copyright © Florian Aicher, Rotis

Olympiade 1972: „Waldi“, 1968 - 1972, Entwurf: Otl Aicher, Copyright © Florian Aicher, Rotis

Diese Idee lebt seither fort: die südafrikanische und amerikanische „Rainbow Nation“ gab sich den Regenbogen als Symbol der Vielfältigkeit. Zuletzt tauchte die Regenbogenfahne als Symbol einer neuen Friedensbewegung auf, die sie mit dem Slogan „Pace“ versah. Auch – und vor allem – die Schwulenbewegung versammelt sich unter diesen Farben. Erfinder des politischen Regenbogens: Otl Aicher. Otl Aichers Piktogrammsystem ist bis heute wegweisend. Er hatte die kleinen Figuren, die zur Orientierung dienen sollten, nicht erfunden – es gab sie sogar schon 1936 in Berlin – aber keiner hatte sie so umfassend eingesetzt und so reduziert, so modern gestaltet.

Untergang der Designutopie

Die Geiselnahme und das Massaker von 1972 werden immer als eine deutsch-jüdische Geschichte, als fatale Wiederholung dessen erzählt „was Juden auf deutschem Boden einmal angetan wurde“, so sagte Hans-Dietrich Genscher, damaliger Außenminister, zu einem Entführer. Und das ist wahr. Für Otl Aicher, der obsessiv alles kontrollieren wollte, was mit dem „Erscheinungsbild“ – ein Aicher-Schlüsselbegriff – von München 1972 zusammenhing, war es vor allem eins: der totale Kontrollverlust.

München 1972, bis dato eine bunte Pop-Utopie, ein Utopia der Moderne für 14 Tage, wurde nun dominiert von einem Design, das von vorgestern stammte: Kübelwagen der Polizei, Stahlhelme, Maschinenpistolen, Kriegsgerät.

Ein unfassbarer Bruch. Ein Albtraum. Genau das, was keiner gewollt hatte. In den Schüssen vom 5. und 6. September 1972 ging diese Design-Utopie, die mit gestalterischen Mitteln einen besseren Menschen miterschaffen wollte, unter. Oder muss man sagen: Sie ging nicht unter, weil es sie nie gegeben hatte, man das aber für ein paar Tage der Menschheit vorgaukeln wollte?

Es bleibt festzuhalten: Nie wieder ist für ein Sport-Ereignis ein so umfassender Gestaltungsversuch gestartet worden.

Im Jahr 2012 feiern nicht nur die olympischen Sommerspiele der Neuzeit ihr 30. Jubiläum, am 13. Mai dieses Jahres wäre auch der Ulmer Gestalter Otl Aicher 90 Jahre alt geworden. Das HfG-Archiv, das seit 1996 den Werknachlass Otl Aichers verwahrt, zeigt vom 13. Mai bis 14. Oktober 2012 das Ausstellungsprojekt „Otl Aicher – Die Regenbogenspiele: Das visuelle Erscheinungsbild der XX. Olympischen Spiele, München 1972“.
Jost Kaiser
war Blogger bei „Vanity Fair“ und kommentierte das politische Geschehen im In- und Ausland. Er ist zudem Autor für verschiedene deutsche Tageszeitungen und Textchef beim Männermagazin GQ.

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Oktober 2012

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