Modedesigner in Deutschland

Nur Experimente! Bei Bless ist alles immer anders

Hair Brush, © Bless

Cable jewellery, silver elements, © Bless

Chairwear B, © Bless

In eine Schublade dürfen nur ihre Pullover gepackt werden, ihr Label Bless auf gar keinen Fall. Ines Kaag und Desiree Heiss machen Kleider, Möbel, Accessoires – und wollen sich nicht festlegen lassen, auch nicht auf eine Berufsbezeichnung.

Ines Kaag, der eine Teil von Bless, sitzt in Berlin. Desiree Heiss, der andere, in Paris. Gemeinsam machen sie dieses Label, und dafür sind zwei verschiedene Standorte offenbar kein Hindernis. „Wir schicken E-Mails, telefonieren, treffen uns ständig. Wir kennen das nicht anders. Wahrscheinlich würde es nicht mehr funktionieren, wenn wir auf einmal am selben Ort wären“, sagt Ines Kaag. Und da sie in Italien produzieren lassen, müssen sie sowieso reisen, um die Herstellung ihrer Kollektionen im Auge zu haben.
Es begann mit der Pelzperücke
Viele Orte und Reisen, das geht schon so, seit sie sich 1993 bei einem Studentenwettbewerb in Paris kennengelernt haben. Beide studierten damals Modedesign, die in Freiburg geborene Österreicherin Desiree Heiss in Wien, und Ines Kaag, gebürtig in Fürth, in Hannover. Sie blieben in Kontakt, gründeten 1995 Bless und wurden schon im Jahr darauf schlagartig bekannt. Für ihre Pelzperücken hatten sie in Magazinen wie i-D und purple fashion Anzeigen samt Telefonnummer geschaltet. Einer der Anrufer war der berühmte Modemacher Martin Margiela, und ihre Pelzperücken kamen mit seinen Schauen auf die internationalen Laufstege.

Das war N° 00 furwig. Jedes Produkt und jede Aktion, die Bless macht, bekommt eine Nummer. Da sind sie sehr systematisch. In welche Richtung die nächste Idee geht, das können und wollen sie dagegen nicht voraussagen. Mal sind es Ketten aus bunten Kabeln und Perlen (Cable Jewellery). Mal Anzüge für Stühle Chairwear. Mal transparente Schaukästen (staircase boxes) für die Mode-Präsentation, die sie im Sommer 2008 im Ausstellungsraum Ludlow 38 des Goethe-Instituts New York gezeigt haben. Oder hängende Möbelstücke mit automatischer Diebstahlsicherung, denn sie klappen zusammen, sobald man ein Teil – beispielsweise ein Glas - aus ihnen entfernt.
Cable jewellery, © Bless
Customized Sneakers, a co-production with ADIDAS, © Bless
Hängende Möbelstücke, © Bless

No. 00 Fur Wig, © Bless

Fat Knit Hammock, © Bless

Ein Konzept gibt es nicht
Häufig sind es aber auch Kleidungs-Basics wie ein Shirt, ein Kleid oder ein Schal. Und einige Klassiker, einen bestimmten Mantel und eine bestimmte Brille, haben sie schon viele Jahre im Sortiment. Aktuell, im November 2008, sind sie bei N° 34 Eprfect verything angekommen. Als Models für die Fotos ihrer Kollektionen dienen Freunde. Nur eine der vielen Ideen, die inzwischen Nachahmer gefunden haben.
Was ist Bless? Das ist bei der Unterschiedlichkeit der Produkte kaum zu definieren. „Ein Konzept gibt es nicht, das ist eher eine Lebenshaltung“, sagt Ines Kaag. „Wir machen einfach nur, was wir wollen. Wenn wir etwas ausprobieren möchten, probieren wir es aus.“ Noch nicht einmal auf eine Berufsbezeichnung wie Modedesignerinnen möchte sie sich festlegen. „Wir machen neben Mode auch Objekte und Möbel, und vielleicht bauen wir ja auch mal ein Haus. Wir wollen uns da nicht einschränken.“
Völlig neue Strategien der Interaktion
Eine Freundin der Bless-Macherinnen und Unterstützerin der ersten Stunde ist Yasmine Gauster. Sie besitzt selbst viele Bless-Stücke. „Mich hat von Anfang an der ganze Ansatz fasziniert“, erklärt sie. „Das System, Mode am Markt zu platzieren, wurde schon mit der Anzeigenkampagne für die Perücke aufgebrochen. Bless ist ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und hat völlig neue Strategien der Interaktion entwickelt.“ Dazu gehören die temporären Shops, die Kollaborationen mit großen Marken wie Adidas und Wrangler, die Multifunktionalität von Produkten. Als Bless begann, zweimal pro Jahr eine Kollektion zu entwerfen, hat Gauster 2003 den Bless Shop in Berlin-Mitte gegründet.

„Bless hat einen Weg eingeschlagen, der mutig und visionär ist, und damit repräsentativ für einen Generationswechsel in der deutschen Bekleidungskultur.“ Deshalb hat Yasmine Gauster mit viel Engagement den Bless Shop vorangebracht. Er führt das Avantgardistischste, was die modisch sehr angesagte Mulackstraße zu bieten hat. Manchmal stolpern Leute rein und völlig befremdet wieder raus. Doch inzwischen gibt es eine Stammkundschaft – in Berlin wie auch in den vielen Geschäften zwischen Tokio, Kopenhagen und New York, die das Label führen.
Weltweite Fan-Gemeinde
„Es hat gedauert, aber Bless hat inzwischen eine weltweite Fangemeinde“, sagt Yasmine Gauster. Manche Produkte, wie die Strickschuhe, gefallen sowohl jungen japanischen Männern wie älteren wohlhabenden Damen in Hamburg.
Duofringeglasses, © Bless
No. 36 Puffsandals, © Bless
Perpetual home motion machines, © Bless

„Fits every style“ – passt zu jedem Stil – ist ein Satz, mit dem Bless schon lange wirbt. Das stimmt. Wenn man im Laden steht, die Pullover oder Hosen anschaut, hat man keine bestimmten Käufer vor Augen. „Bless-Kunden sind Menschen, die im Leben stehen und das Besondere an den Sachen schätzen können“, so Gauster. Das Label ist eine Herausforderung für den Kopf, appelliert aber auch ans Gefühl, denn gemacht sind die Stücke mit großer Liebe zum Detail und zu hochwertigen Stoffen.

Viele der Kunden kommen aus dem Kunstbereich. Und viele der Temporary Shops und Aktionen von Bless finden in Galerien oder Museen statt. Doch die Frage, ob Bless im Grenzbereich zwischen Kunst und Mode arbeite, ist schon wieder eine dieser vielen Zuschreibungen, von denen Ines Kaag nichts wissen will: „Wir werden immer wieder als Künstlerinnen wahrgenommen, aber das hat für uns keine Bedeutung.“
Lösung für Problemstellungen
Doch zumindest zu ihrer Arbeitsmethode lässt Kaag sich dann doch auf eine Feststellung ein. „Viele Dinge, die wir machen, sind die Lösung für Problemstellungen.“ Beispielsweise die Haarbürste mit echten Haaren.
Modell Feride, © Bless

© Bless


No. 36 Levelbox, © Bless

Ein Pariser Salon hatte Künstler eingeladen, einen „haircut of the month“ zu entwerfen. Die Bless-Macherinnen überlegten lange, und fertigten dann Haarbürsten mit den Haaren, die beim Schneiden auf den Boden fielen.
Und, das ist Ines Kaag auch noch wichtig, sie entlassen keines ihrer Projekte in die Öffentlichkeit, wenn sie nicht beide völlig überzeugt davon sind. „Wir tun nur Dinge, die wir zu hundert Prozent gut finden. Ist eine nicht zufrieden, machen wir es nicht.“
Stefanie Dörre
ist Redakteurin beim Berliner Stadtmagazin „tip“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2008

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Mode aus Deutschland

Junge deutsche Modefotografen

Markus Ebner, Chefredakteur des Modemagazins Achtung, stellt zehn junge Fotografen und Fotografinnen vor.