Aus alt wird neu – Recycling-Mode

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Einige Modemacher haben sich dem Konzept der Wiederverwertung verschrieben. Sie recyceln alte Klamotten und kreieren daraus Unikate: Kinderkleider, Kapuzenpullis, Damenjacken, Abendroben. Mit Taschen fing es zwar nicht an, aber sie haben dem Konzept Recycling in der Mode einen entscheidenden Impuls gegeben. Es war im Jahr 1993, als die Brüder Markus und Daniel Freitag in Zürich aus einer alten Lkw-Plane und einem gebrauchten Sicherheitsgurt eine Kuriertasche schneiderten. Irgendwann waren die Lkw-Planentaschen aus der Schweiz dann total angesagt und zogen eine regelrechte Welle von Taschen und Täschchen aus wiederverwerteten Materialen nach sich: Geldbörsen, die einmal Milchtüten waren. Einkaufstaschen aus Fruchtsaftpackungen. Unikate aus recycelten Stoffen
Wesentlich verfeinert hat die Idee das Label Affentor in Frankfurt am Main. Hier heißen die Hand-, Umhänge- und Notebooktaschen Lily, Agatha oder Emma, und sie werden sowohl als limitierte Edition als auch als Einzelstücke angeboten. Und diese Unikate sind aus recycelten Stoffen, beispielsweise aus ehemaligen Vorhängen. „Rund 30 Prozent unserer Kollektion“, schätzt Projektleiterin Nana Agic, „ist aus Alttextilien“. Genäht werden die Taschen in einem Berufsbildungsprojekt für Frauen, der Affentor-Manufaktur.Dort lässt auch die Janina Meyer arbeiten, die mit ihrem Label Ketchup & Majo Flugzeugdecken oder Bettwäsche in Röcke, Shirts und Kleider verwandelt. Denn was bei Taschen funktioniert, klappt auch bei Klamotten. Die Geschichte des Kleider-Recyclings ist uralt, jahrhundertelang wurden abgelegte Stücke umgearbeitet, aus finanziellen Gründen. Heute wird der Kleidermarkt von billiger Ware überschwemmt. Wer heute aus alten Stücken Neues kreiert, hat dafür andere als ökonomische Motive. Mode mit einem nachhaltigen Konzept
„Nachhaltigkeit war bei mir ein Hauptgedanke. Ich bin Idealistin“, sagt Claudia Weiler. 2001 hat sie in Berlin-Kreuzberg, einem Stadtteil mit vielen Öko-Aktivisten, ihren Laden Killerbeast mit dem gleichnamigen Label eröffnet. Der gelernten Damenscheiderin war die ganze Modeszene eigentlich „zu blöd“, doch sie wollte ein eigenes Geschäft haben. Also machte sie Mode mit einem nachhaltigen Konzept: alte Teile umarbeiten. Als Claudia Weiler mit Killerbeast anfing, kam ihre Recycling-Kollektion zunächst nicht so gut an. Inzwischen ist Wiederverwertung in der Mode ein großes Thema, doch jetzt sind bei der 43-Jährigen, die sich nie an Trends orientiert hat, nur noch rund 40 Prozent der Kollektion aus alten Teilen, oft im Mix mit dazugekauften Stoffen. Und unter dem Namen Schnullerbiest hat sie ihre Kollektion um Kinderkleidung erweitert.
Recyclingmode für Kinder
Ausschließlich auf Kinderkleidung ist das in Berlin-Friedrichshain ansässige Label Dollyrocker spezialisiert. Die Modedesignerinnen Gabi Hartkopp und Ina Langenbruch haben seit fünf Jahren einen eigenen Laden, in dem sie Recyclingmode für Menschen im Alter zwischen null und sieben verkaufen. Kleidchen, Röcke, Jacken und Shirts im vielfarbigen Stoff- und Mustermix: geblümt, gestreift, gepunktet, aus Jersey, Nicki oder Baumwolle. „Dass die Stoffe getragen sind, hat den Vorteil, dass die Chemikalien schon ausgewaschen und ausgedünstet sind“, sagt Ina Langenbruch. Die Ausgangsmaterialien kommen aus dem Secondhand-Shop oder vom Flohmarkt und müssen bunt, bequem, strapazierfähig und zu mindestens 80 Prozent aus Naturfaser sein, um als Stofflieferanten in Frage zu kommen. Die Designerinnen arbeiten mit Basisschnitten, auf deren Grundlage sie Unikate gestalten: Für die einzelnen Schnittteile wie Vorderteil, Ärmel, Rücken und Taschen nehmen sie unterschiedliche Stoffe, und die Mischung macht jedes Stück unverwechselbar.
Gegen die Wegwerfmentalität
Ebenfalls mit Grundschnitten, aus denen durch die Kombination verschiedener recycelter Stoffe neue Kleider, Röcke, Shirts oder Kapuzenpullis entstehen, arbeiten Simone Graber und Jasmina Frank in München. Ihre Käufer sind jedoch junge Erwachsene, und sie kreieren zweimal im Jahr eine Kollektion, die dem Bereich Streetwear zuzuordnen ist. 2004 hat die Kommunikationsdesignerin Simone Graber das Label luxusbaba – ein Kunstwort – gegründet, als Teil ihrer Diplomarbeit. „Mode ist ungeheuer schnelllebig, und der Gedanke war: Wir greifen da ein, gegen die Wegwerfmentalität, indem wir den riesigen Rohstoffberg nehmen und daraus Neues machen.“ Einige der Stücke werden durch Siebdrucke veredelt. In der „Special Feature Line“ arbeitet sie jede Saison mit einem anderen Künstler, Musiker, Schauspieler oder Sportler zusammen, aktuell mit dem Freeskier Sven Kueenle. Teile seiner Skianzüge stecken jetzt in einigen Männer-Hoodies und geben dem Kleidungsstück eine unverwechselbare Geschichte. Drei Münchner Geschäfte führen luxusbaba mittlerweile.
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Verwandelte Uniformen
„Jedes Teil bringt eine Geschichte mit“, der Gedanke ist auch Christine Mayer wichtig. „Und ich unterziehe es einem Transformationsprozess“, ergänzt sie. Edel und funktional sind die Jacken ihres Labels MAYER., mit denen sie bekannt wurde. Die Oberteile waren allerdings noch funktionaler, bevor Christine Mayer sie in die Finger bekam, denn die Modedesignerin verwandelt alte Uniformjacken in feminin geschnittene, lässige Jacken für Frauen. „Der Stoff ist aus sehr guter Baumwolle und so robust, die kriegt man nicht kaputt“, sagt sie. Christine Mayer drapiert die Uniformjacke an der Schneiderpuppe und kreiert so die taillenbetonte Silhouette. „Das ist eine japanische Technik“, erklärt sie. Alles ist Einzelzuschnitt, jede Jacke am Ende ein Unikat. Einige werden opulent mit Perlen bestickt. „Uniformen haben ein negatives kriegerisches Moment, ich verwandle sie und mache etwas Schönes daraus.“Christine Mayer hat ein Geschäft in Berlin-Mitte und verkauft in rund 80 Shops weltweit. Janet Jackson und Susan Sarandon gehören zu ihren Kundinnen. Sie produziert zwei Kollektionen pro Jahr, die zu 80 Prozent aus Recycling-Materialien sind. So verwendet sie in der aktuellen Herbst- und Winter Kollektion alte holländische Seesäcke und macht Jacken und Röcke daraus, auf denen noch Gebrauchsspuren wie Nummern, Ösen und die Aufdrucke der Königlichen Schifffahrt zu sehen sind. Radikal persönlicher Ansatz
Auch Susanne Wagner fertigt an der Schneiderpuppe, doch ihre Kleider basieren auf alten Sportsachen: Jerseyjacken, Hightech-Materialien, Trainingshosen. Die Wahlberlinerin hat neben Modedesign auch Kunst und Philosophie studiert und gestaltet an der Schnittstelle von Mode und Kunst. „Ich arbeite mit alten Sportsachen, weil sie kosmopolitische und demokratische Kleidungsstücke sind. Ob Superstar oder bolzende Kinder, der Kodex wird von jedem überall verstanden“, erklärt sie. Ihr Label heißt Frau Wagner, doch jedes Kleidungsstück bekommt den Namen der Kundin, zum Beispiel Frau Krüger. Ein radikal persönlicher Ansatz. Jede Trägerin wird zudem in ihrem Kleid fotografiert und das Bild künstlerisch bearbeitet. Daraus entsteht ein Kunstprojekt.Susanne Wagner arbeitet mit Materialmix, Überlagerung, Zitaten aus der Kostümgeschichte und einer modernen Formensprache. So wird aus einer alten Trainingsjacke, Teilen eines Herrensakkos und eines Morgenrocks aus chinesischer Seide ein Kleid. „Wenn ich die alten Sachen auf den Flohmärkten kaufe, sind sie am Ende der Verwertungskette angekommen. Ich gebe ihnen eine neue Wertigkeit.“ Aktuell arbeitet sie an zwei Ballkleidern für den prestigeträchtigen Bundespresseball, ihr Spiel mit der Wertigkeit katapultiert die ausgemusterten Sportklamotten wieder in die erste Liga: „Ich orientiere mich an der Haute Couture“, sagt sie. Das irritiert zunächst, wenn man an Wiederverwertung denkt, ist aber zutreffend, denn Susanne Wagner macht ausschließlich handgearbeitete, außergewöhnliche und speziell auf die Trägerin zugeschnittene Einzelstücke. Stefanie Dörre
ist Redakteurin beim Berliner Stadtmagazin „tip“. Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns! online-redaktion@goethe.de
Oktober 2008 |



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