Modethemen in Deutschland

Wider die Massenware: die Renaissance des Handgemachten

Betty Bats, Copyright: Diana Buss

Häkeln, Copyright: Diana Buss

Notizbücher, Copyright: Kathrin-Sarah Amend

Fächermappe, Copyright: Kathrin-Sarah Amend


Skull, Copyright: Anne Struck


Handytasche 'mango chutney', Copyright: Anne Struck


Blumenkinder Leder-Schuhe bei mutterparty.de, Copyright: mutterparty

Manschettenknöpfe, Copyright: mutterparty

Wärmflasche, Copyright: loma-ist-einzigartig

Tasche, Copyright: loma-ist-einzigartig

Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt das Besondere an Wert. In Deutschland wird wieder genäht und gestrickt – und handgemachte Unikate oder Produkte aus Kleinserien sind sehr gefragt.

Zu größeren Fertigkeiten im Häkeln kam Diana Buß vor drei Jahren, als sie einem Freund zum Geburtstag einen Frosch schenken wollte. Sie durchforschte das Internet und stieß dabei auf Amigurumis, angeboten auf etsy, der US-amerikanischen Verkaufsplattform für Handarbeiten.
Amigurumi heißt auf Japanisch die Kunst, Puppen zu häkeln oder zu stricken. „Ich habe gleich die Geometrie hinter den Figuren gesehen, die Kegel, Kreise und Kugeln“, erzählt Diana Buß. Ihr wissenschaftlicher Hintergrund hat der Biologin, die gerade ihre Doktorarbeit schreibt, beim Häkeln mehr geholfen als der Handarbeitsunterricht in der Schule. Ihr Frosch wurde zwar doppelt so groß wie geplant, sah aber froschartig aus.
Die neue Handarbeitsgeneration
Seither entwirft die Rostockerin, Jahrgang 1979, unter dem Namen mygurumi Meerjungfrauen, Seepferdchen, Hasen und Skorpione und verkauft sie über etsy sowie das deutsche Pendant DaWanda. Viel Geld verdient sie damit nicht. Biologin ist ihr Hauptberuf, die Figuren fertigt sie in ihrer Freizeit, auch als Ausgleich zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit. „Es macht mir großen Spaß“, sagt sie. Wenn ihr dann noch eine Oma mailt, wie sehr sich die Enkelin über die Puppe gefreut hat, dann kann sich Diana Buß richtig mitfreuen.

Sie ist jung, weiblich, hat einem interessanten Beruf, noch nicht so lange den Spaß am Selbermachen entdeckt und ihre Fähigkeiten zunächst im Freundeskreis ausprobiert. Damit ist Diana Buß typisch für die neue Handarbeitsgeneration. „Unsere Anbieter sind hauptsächlich Frauen zwischen 25 und 45 Jahren, die das häufig neben ihrem Studium oder ihrer Arbeit machen“, erklärt Claudia Helming. Sie hat mit Michael Pütz im Dezember 2006 DaWanda gegründet, inzwischen mit Abstand die größte deutsche Verkaufsplattform für handgefertigte Produkte. Bei DaWanda kann jeder seine Werke anbieten. Die Kreativen laden selbständig ihr Angebot mit Fotos und Beschreibungen hoch, fügen ihre Kurzbiografie samt Bild dazu, beantworten Kundenfragen und wickeln den Verkauf ab. DaWanda stellt die Funktionen zur Verfügung und nimmt dafür pro Artikel Einstellgebühren zwischen zehn und dreißig Cent sowie bei Erfolg fünf Prozent des Verkaufspreises.
Viel positive Energie
Für die Anbieter sind die Unkosten, um auszuprobieren, ob es für die selbst entworfenen Eiswaffel-Ohrringe einen Markt gibt, gering. Ihre Labels heißen colorurlife, Miss Mollipolli oder Peppina Morgenschön.

Die Namen zeigen, dass es auch um Lebensfreude geht. 25.000 Verkäufer gibt es inzwischen bei DaWanda Deutschland (außerdem hat die Plattform Ableger in England und Frankreich). Auch die Kunden werden immer mehr, weil die es bei DaWanda nur Waren gibt, die Unikate sind oder in Kleinserien hergestellt werden. „Dadurch entsteht eine neue Art von Wert“, sagt Claudia Helming. „Was diese Bewegung ausmacht, ist, dass dabei wahnsinnig viel positive Energie rüberkommt. Es macht mehr Spaß, ein T-Shirt aus dem Regal zu nehmen, wenn ich weiß, wer es gemacht hat, und dass es einzigartig ist“.
Jenseits der globalen Massenproduktion
Wer dieses Shirt trägt, wird selber einzigartig und erfährt einen „Distinktionsgewinn“. So nennen es die Autoren Holm Friebe und Thomas Ramge, die das Phänomen der neuen Handarbeitsbewegung in ihrem Buch Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion beschrieben haben. Ein Gewinn für Anbieter wie Konsumenten gleichermaßen. Die Macher haben wieder den Spaß an ihrer Arbeit, der ihnen in ihrem fremdbestimmten Angestelltendasein abhanden gekommen ist. Und die Käufer bekommen mit der Spezialmarke oder dem Unikat endlich wieder das Besondere, das ihnen die globalisierte Massen-
produktion nicht mehr geben kann.
Wie bei den handgemachten Fächermappen und Notizbüchern von Kathrin-Sarah Amend. Die Kölnerin, ebenfalls Jahrgang 1979 und hauptberuflich Projektmanagerin bei einer Internetagentur, hat sich selbst das Buchbinden beigebracht und fertigt unter dem Namen paperama wunderschöne Bücher mit floralen, grafischen oder klassischen Umschlagmustern. Doch obwohl die Nachfrage größer ist als ihr Angebot, bleibt paperama für sie ein Hobby: „Ich möchte über meine Freizeit bestimmen, und nicht Aufträge abarbeiten.“ Sie ist selber Kundin auf etsy und DaWanda, weil ihr die modernen Handarbeiten so gut gefallen.
Alte Techniken, zeitgemäßer Stil
Die Techniken sind zwar alt, doch der Stil der neuen Bewegung ist zeitgemäß. Jetzt werden Topflappen mit Totenkopfmotiven gehäkelt.
„Handarbeit hatte in Deutschland lange einen altbackenen Ruf, doch mittlerweile hat sich das geändert“, erklärt Anne Struck. Die Journalistin, ebenfalls Jahrgang 1979, hat das Nähen vor nicht allzu langer Zeit von ihrer Oma gelernt und bietet unter dem Label bozontee Taschen an, deren bunte Muster gute Laune machen. „Ich habe sehr gutes Feedback und darüber schon einige Leute kennengelernt, die ich sonst nie kennengelernt hätte.“
Anne Struck, 30, wohnt in Berlin, eine der Zentralen der neuen Handarbeitsbewegung, denn gerade in den Großstädten leben viele Kreative. Wobei man den Sammelbegriff differenziert betrachten muss.
Unter den Kreativen sind viele Autodidakten, die in der Handarbeit ein Hobby sehen. Das ist die Masse der 25.000 DaWanda-Anbieter, wobei einige von ihnen das Hobby zum Beruf machen wollen. Dann gibt es die studierten Designer, die sich professionell mit einem Label selbstständig machen, gar nicht unbedingt ihre Waren selber herstellen, sondern häufig mit lokalen Firmen zusammenarbeiten. Und nicht zu vergessen die Kunsthandwerker, die unabhängig von Trends die traditionellen Techniken hochhalten. Ihre Werke findet man nicht auf DaWanda, sondern weiterhin in Galerien und Ateliers, manchmal auch auf spezialisierten Verkaufsplattformen wie kunst-ver-bunt von Margot Werner und Ursula Kost-Schlief. Wobei die beiden Koblenzerinnen die Arbeiten gezielt auswählen.
Erfolgreiche Geschäftsideen
Das macht auch Nina Neef, nach einem ungewöhnlichen Kriterium für Qualität. Was auf MutterParty.de angeboten wird, muss den Kindertest bestanden haben. Die Berlinerin, selbst zweifache Mutter, hat ihre Plattform im Mai 2006 gegründet. Auch die über 40 Anbieterinnen sind in aller Regel Mütter, die nicht wieder Vollzeit in den Beruf einsteigen wollten, aber durch die Kindergartensprache unterfordert sind. „Es geht auch um die Bestätigung, die man im Job bekommt“, sagt Nina Neef. Und weil Mütter wissen, was Familien wollen, sind ihre Geschäftsideen erfolgreich. So wie bei Tanja Rößle aus München, Mutter zweier Söhne. Sie fing vor fünf Jahren mit personifizierten Geschenken wie Namensarmbändern an und führt inzwischen mit loma-ist-einzigartig.de ein kleines, aber expandierendes Unternehmen. Besonders die individuell mit Namen bestickten Taschen laufen gut, auch auf MutterParty.

Eine, die den Trend zum Handgemachten schon vor Jahren prognostiziert hat, ist Schnuppe von Gwinner. „Alles ist auf den Massenkonsum ausgerichtet gewesen, da war eine Sättigung absehbar“, sagt sie. Die Kunsthistorikerin, Journalistin und Kuratorin präsentiert und verkauft auf ihrer Plattform Craft2eu.net „zeitgemäßes Kunsthandhandwerk“ aus ganz Europa, also die Arbeiten solcher Designer, die einen modernen Stil und handwerkliche Meisterschaft verbinden.

„Animal on Wheels“, Mixed Media, Julie Arkell, Copyright: craft2eu

„Kanne und Becher“ Steinzeug, Elke Sada, Copyright: craft2eu

„Cooks“, Mixed Media, Lucy Casson, Copyright: craft2eu

„Für unsere Kunden spielen Familie und Freundschaft eine große Rolle“, sagt die Hamburgerin, „und für sie gehört es zur Wertschätzung, anderen oder sich selbst etwas Schönes zu schenken.“ Auch wenn sie den Trend schon länger kommen sah: „Jetzt kriegt die Sache richtig Fahrt.“


Literatur zum Thema
Friebe, Holm; Ramge, Thomas: Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion, Frankfurt, Campus, September 2008
Stefanie Dörre
ist Redakteurin beim Berliner Stadtmagazin „tip“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2009

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