Weltweit im Einsatz – die Schaufensterfiguren des Kölner Unternehmens Moch

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Das Kölner Unternehmen Moch Figuren GmbH ist der älteste noch existierende Hersteller von Schaufensterpuppen in Europa. Moch-Figuren beleben die Schaufenster internationaler Designer und namhafter Warenhäuser ebenso wie die Verkaufsstände großer Modemessen.
Auch bei exklusiven Kunstausstellungen oder Theaterausstattungen werden sie eingesetzt. Was 1907 in einer kleinen Werkstatt für Schaufensterpuppen des Restaurators Franz Moch in Düsseldorf begann, konnte dank eines von Moch entwickelten, widerstandsfähigen Materials aus Gips, Kreide und Leim, das die Holz-, Draht- oder Stofffiguren mit den fragilen Wachsköpfen ersetzte, in den 1920er-Jahren beachtlich expandieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang die Wiederherstellung des Betriebs in Köln, der seit 1980 vom Enkel Dr. Josef Moch jr. laufend an die zeitgemäßen Herstellungsbedingungen angepasst wird. So wird heute der Großteil der aus Fiberglas bestehenden Figuren-Rohlinge in Taiwan hergestellt, während die Entwicklung von Prototypen sowie die Fertigstellung der Rohlinge nach wie vor im Kölner Betrieb erfolgen. Hoch spezialisierte Modellbautechniker, Kunstmaler, Visagisten und Perückenmacher verleihen hier den leblosen Gliederpuppen Ausdrucksstärke. In den Werkstätten hängen Dutzende frisch gefärbter Arme und Beine zum Trocknen, Köpfe aus Plastilin warten auf Retusche. Manchmal werden die Puppen nach lebenden Modellen, häufiger nach Fotovorlagen modelliert. In die fertig modellierte Produktionsform legen die Modelleure in Polyesterharz getränkte Glasfasermatten, setzen sie zusammen und verkleben sie. In der Regel werden Körperteile getrennt produziert und durch Steckverschlüsse miteinander verbunden, der Kopf wird verklebt und glattpoliert. |
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Anpassungsfähig
Diese Konstruktion erlaubt, dass Moch-Figuren in Haltung, Ausdruck, Make-up und Frisur immer wieder dem zeitgemäßen Modetypus angepasst werden können, denn für gewöhnlich lebt eine Puppe 20 bis 30 Jahre und überdauert damit so manche Modestrecke.Jung, mit makellosen Gesichtszügen und wohlproportioniertem Körper, in kühler oder provokanter Pose ziehen Schaufensterpuppen begehrliche Blicke der eilig Vorbeigehenden auf sich. Ihre realistische, weil körperbezogene Präsentation von Bekleidung verleitet den Konsumenten eher zu einer spontanen Kaufentscheidung als ein zweidimensional arrangiertes Warendisplay. Egal, ob als Massenprodukt, oder – immer seltener – als kunsthandwerklich individuell gefertigte Puppen, ist es für eine einprägsame Werbung wichtig, dass Schaufensterfiguren den Stil des Modelabels unterstreichen. Puppen in puristischem Weiß oder kühlem Silber präsentieren eine klassisch-minimalistische Mode, die möglichst wenig Ablenkung wünscht. Ausdrucksstarke Schönheiten mit knallroten Lippen, Kajal geschwärzten Augen, langen Nerzwimpern und lässigen Posen bieten die gehobene Konfektionsware für die kommende Saison an. Jugendliche Figuren mit schwarzem Kraushaar, Dreadlocks, Irokesenfrisur, mit Wollmützen oder Caps verkörpern Afro-Look, Rastafari-, Punk- oder Hip-Hop-Stil. |
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Berühmte Ahnen
Seit Ende des 14. Jahrhunderts war beim Hochadel Europas der Austausch kleiner Püppchen aus Wachs, Stoff oder Holz, sogenannter „poupées de mode“, deren Miniaturgarderobe modische Variationen wiedergab, üblich. Im Paris des 17. Jahrhunderts erhielten hölzerne Gliederpuppen, seit dem 18. Jahrhundert Mannequins (von niederländisch mannekijn: Männchen) genannt, den Namen „Pandora“. Sie wurden von Damen der französischen Hofgesellschaft bekleidet, mit modischen Accessoires und der neuesten Coiffure als Perücke versehen. Ihre Aufgabe war ausschließlich aus französischen Stoffen hergestellte Mode „international“ bekannt zu machen. Der Siegeszug der Schaufensterpuppe begann allerdings erst nach Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Entstehung großer Warenhäuser und deren breiten Schaufenstern, die den Mannequins eine angemessene Bühne bereiteten. Noch waren die weiblichen Figuren infolge der bodenlangen Kleider Frauen ohne Unterleib. Erst in den 1920er-Jahren erhielten die Puppen generell Beine, da die kniekurzen Hängerkleider diese zum erotischen Blickfang machten. In den 1930er- bis Anfang der 1960er-Jahre waren Filmstars wie Greta Garbo, Romy Schneider, Brigitte Bardot, Audrey Hepburn und viele andere als ästhetische Vorbilder beliebt. Bei männlichen Schaufensterfiguren wurde bis in die 1970er-Jahre weniger Wert auf Individualismus, Extravaganz oder besondere Posen als vielmehr auf die Gestaltung des Gesichtes Wert gelegt, das Optimismus, Charme und Seriosität ausstrahlen sollte. Nach 1965 mussten die weiblichen Schaufensterpuppen radikal verschlankt werden, um dem spindeldürren Twiggy-Look zu entsprechen. In den 1980er-Jahren wurde diese Optik durch die modische Notwendigkeit üppiger Schulterwattierungen unterbrochen, die die Oversize-Power-Mode entsprechend der Schönen aus TV-Serie Denver-Clan präsentierte. Seit den 1990er-Jahren stehen sportliche, selbstbewusste Frauentypen im Mittelpunkt der Welt der Puppen.
Von der Werbefigur zum Kunstobjekt
Nicht nur dem modischem Warenangebot, sondern auch der Kunst dienen die starren Menschengebilde der Werkstatt Moch, sei es als Herrenfiguren, stumm im Hintergrund in Richard Wagners Oper Tristan und Isolde an der Kölner Oper, als weibliche Objekte der Begierde in Alban Bergs Oper Lulu an der Wiener Staatsoper, als verfremdete Skulpturen des Künstlers Christoph Broich in Antwerpen oder als Ausstellungskörper historischer Kostüme ebenso wie avantgardistischer Designermode in Museen.
Dr. Ingrid Loschek (1950–2010)
war Professorin für Modegeschichte und Modetheorie an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim und Autorin zahlreicher Modefachbücher. www.loschek.de
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