Modethemen in Deutschland

„Leute machen Kleider“ – das Magazin „Cut“

CUT Magazin Kreativ Trio: Anja Kellner, Marta Olesniewicz und Lucie Schmidt © CUT

CUT Magazin: Do-it-yourself, Hosen kürzen © CUT

CUT Magazin: Do-it-yourself, Hosen kürzen © CUT


Drei junge Münchnerinnen haben den Do-it-yourself-Trend erkannt und ihn in ein Modemagazin umgesetzt. Kreativ, ungewöhnlich und am Puls der Style-Szene. Warum Selbermachen auch etwas mit Luxus zu tun hat, erklärt „Cut“-Chefredakteurin Anja Kellner im Gespräch mit Goethe.de.

„Cut“ ermutigt seine Leser zum Selbermachen. Warum macht das Magazin sogar Menschen mit zwei linken Händen Spaß?

Weil wir Anleitungen für Anfänger geben. Wir stellen uns nicht als elitäre Do-it-yourself-Ratgeber hin. Manchmal bringen wir uns bestimmte Basteltechniken selbst erst beim Machen des Heftes bei.

„In these hard times – dress up. Do it yourself!“ Mit diesen Worten hat Vivienne Westwood junge Leute dazu aufgerufen, ihre Klamotten selbst zu schneidern. Taugt die Grande Dame des Punk-Designs als Role Model?

Ich mag eigentlich keine Role Models (lacht). Aber ich finde es gut, dass sie das Konsumverhalten infrage stellt und mit diesem „He, Leute, ihr könnt das selber“ einen Ansporn gibt. Aber ein Vorbild? Sie verkauft trotzdem für 10.000 Euro ihre Kleider.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee ein Magazin herauszubringen, das über Mode- und Lifestyletrends informiert und gleichzeitig die Gebrauchsanweisung liefert, wie man selber einen Rock näht oder Schmuck bastelt?

Lucy Schmid, unsere Artdirektorin, kam auf die Idee. Sie hatte voller Begeisterung einen Nähkurs gemacht und suchte nun Hefte, mit denen sie arbeiten konnte und die ihrem Stil entsprachen. Weil es auf dem Zeitschriftenmarkt nichts gab, entschloss sie sich selbst ein Magazin zu entwickeln. Sie und Marta Olesniewicz, ebenfalls Grafikerin, haben Cut entworfen, als Modedesignerin kam ich dann als Dritte dazu.

Auch gestalterisch spiegelt „Cut“ sein Motto „Do it yourself“ wider. Das Heft ist passend zum Inhalt gestaltet und überzeugt durch liebevolle Features und ungewöhnliche, collagenartige Bildgestaltung.

Ein Teil unseres Erfolges ist sicher das Layout. Wir wissen, dass unser Magazin viele Grafiker auf der Suche nach Anregungen kaufen. Das ist uns nur recht. Wir wollten ja nie eine biedere Sache produzieren, sondern etwas Trendgebendes.

Wer ist Ihre Zielgruppe? Junge Menschen mit wenig Geld und viel Geschmack?

20- bis 35-Jährige abseits vom Mainstream-Geschmack, aber nicht unbedingt arme. Do it yourself ist nichts, was wenig Geld kostet. Eigentlich ist es fast ein Luxus. Es ist viel billiger, sich im Laden etwas von der Stange zu kaufen als etwas selber zu machen. Auch unser Heft selbst ist mit 9,50 Euro teuer.


CUT Magazin, Avantgarde-Schmuck stricken © CUT

Urban knits

Urban knits


Aber es ist eben auch aufwendig gemacht, fast wie ein Buch, und es ist jedes Mal ein herausnehmbares Schnittmuster darin.

Handarbeiten ist das neue Yoga, sagen Mediziner. Angeblich senkt speziell Stricken mit seinem gleichmäßigen Klappern der Stricknadeln Bluthochdruck und Stress.

Handarbeiten hat tatsächlich mit Entschleunigung zu tun, eine neue Art zu meditieren. Und am Ende hat man dann auch noch etwas Schönes in der Hand und kann sich darüber freuen.

Etwas, das man mit eigenen Händen geschaffen hat?

Genau. Das erlebt man ja in der Arbeitswelt kaum noch. Die meisten von uns sitzen vor dem Computer, und unsere einzige Bewegung ist die mit dem Zeigefinger: Klick!

Ist „Cut“ auch Protest gegen Marken-Monopolisten und Massenware im Sinne der mittlerweile auch in Deutschland weit verbreiteten Radical Crafting-Bewegung?

Keineswegs. Im Gegenteil. Wir lieben Konsum. Wir berichten ja auch im Heft über Nachwuchsdesigner, neue Läden und Produkte. Auch Bastelsachen muss man ja schließlich kaufen. Außerdem hat niemand die Zeit, alles selber zu machen.

Strickende Aktivistinnen erobern den öffentlichen Raum, umhüllen von Berlin bis Köln Masche für Masche Laternen oder Parkverbotsschilder. Ist „Urban Knitting“ Spaßaktionismus oder politische Aktion?

CUT Magazin, Schnittanleitung „Shirt Momo“ © CUT

Poperlapop © CUT

Urban knits

Wandgestaltung © CUT

Ich glaube, dass wenig politische Intention dahinter steckt. Urban Knitting hat eher mit Spaß zu tun und damit, Straßen etwas Warmes und Freundliches zu geben. Anders als Graffiti-Kunst will Urban Knitting nicht anecken, sondern Freude machen. Friendly Guerilla, wie diese Aktionsform auch heißt, ist übrigens das Titelthema unseres nächsten Heftes.

In „Cut“ lernt man, wie man eine iPod-Hülle näht, aber auch, wie man eine Pop-up-Stadt aus Tonpapier faltet. Wo hört die Anleitung zu Nützlichem auf und beginnt Beliebigkeit?

(Lacht.) Ist Spaß beliebig? Dem einen macht dies, dem anderen das Spaß. Die Pop-up-Story war uns insofern wichtig, als wir uns plötzlich von einer Flut von Pop-up-Büchern überrollt sahen. Dann habe ich jemandem zum Geburtstag eine Pop-up-Karte gebastelt und alle fanden sie toll. Ins Heft kommt alles rein, was interessant ist. Da gibt es zunächst mal keine Grenzen.

Welche Anleitung wird es in „Cut“ garantiert nie geben?

Gute Frage. Den Do-it-yourself-Pelzmantel vermutlich. Den könnten wir dann doch nicht vertreten.

Ihr bisher schönster Erfolg?

Der Moment, als wir in New York den „The Society of Publication Designers Award 2010“, den wichtigsten internationalen Zeitschriften-Wettbewerb mit über 5.000 Einreichungen aus aller Welt, verliehen bekamen. Wir standen zwischen all den Riesenmagazinen wie der New York Times und plötzlich hieß es: Welcome, Cut Magazine from Germany! Ein unglaubliches Gefühl, auch international wahrgenommen zu werden.

Nähen Sie sich eigentlich Ihre Klamotten selbst?

Das habe ich früher gemacht, mittlerweile fehlt mir die Zeit. Aber als es neulich in Strömen regnete, habe ich mir die Regenjacke geschnappt, die wir fürs Heft genäht hatten. Sehr schick.

Literatur-Tipp
Simone Werle: Urban Knits, Prestel Verlag, € 14,95
Bäume, Zäune und Laternen tragen farbenfrohen Stricklook – Friendly Guerilla, die neue Street Art, verändert von New York bis Berlin das Straßenbild. Subversiv, kreativ – und mit Stricknadeln und Wolle.


Sabine Schaefer-Gaiser
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freiberufliche Journalistin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011

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