Politische Kultur

Stelen im Herzen Berlins – Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Im Mai 2005 wurde in Berlin ein Denkmal errichtet, das an die ermordeten Juden Europas erinnert. Ein begehbares Feld aus 2.711 grauen Betonstelen ist entstanden. Ein Denkmal, das ganz bewusst auf eine bestimmte Deutung verzichtet. Die Besucher sollen ihre Gedanken hierzu selbst finden. Das Denkmal lädt dazu ein, Tag und Nacht, es ist rund um die Uhr zugänglich.

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Autor: Andreas Hewel
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Ein Besuch von Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Israel, war laut Aussage der Publizistin Lea Rosh der Auslöser für die gemeinsam mit dem Historiker Eberhard Jäckel entwickelte Idee eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Deutschland. Es existierten in Deutschland Gedenkstätten an den Orten des Verbrechens, den ehemaligen Konzentrationslagern, wie in Sachsenhausen, Buchenwald oder Dachau.

Ein Denkmal aber für die ermordeten Juden Europas gab es nicht. Das war 1988. Seither kämpfte Lea Rosh für die Realisierung des Vorhabens. Im August 1988 erhob sie während einer Podiumsdiskussion ihre Forderung erstmals öffentlich. Im Januar 1989 folgte ein öffentlicher Aufruf, eine zentrale Gedenkstätte zu errichten, die an den Holocaust erinnern sollte. Unterstützung erfuhr sie von prominenten Personen wie dem ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt, dem Schriftsteller Günter Grass oder dem Dramatiker Heiner Müller. Der Fall der Mauer im November 1989 und die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ein Jahr später ließen das Projekt zwar kurzfristig in den Hintergrund treten, boten aber zugleich eine unerwartete Chance.

Im Zentrum Berlins, wo zuvor der Todesstreifen der Mauer verlief, stellte die Bundesregierung ein Areal für das geplante Denkmal zur Verfügung. Es liegt dort, wo sich einst die Machtzentrale der Nazidiktatur befand, in unmittelbarer Nähe zur einstigen Reichskanzlei Hitlers. Der Ort war gefunden, die Frage, wie das Mahnmal zu gestalten sei, entzweite jedoch die Geister. Wie sollte man dem Mord an sechs Millionen Juden gerecht werden? Ein solches Denkmal schien eine schier unlösbare Aufgabe. Bei einem ersten internationalen Wettbewerb wurden 528 Arbeiten eingereicht. Doch keines der Modelle war konsensfähig. So erfolgte 1997 ein zweiter Wettbewerb, bei dem sich der Entwurf des New Yorker Architekten Peter Eisenman durchsetzen sollte. Am 25. Juni 1999, nach mehr als zehn Jahren der Diskussion, entschied sich der Bundestag für das Stelenfeld von Eisenman, allerdings mit einer Ergänzung. Zu dem abstrakten Mahnmal sollte ein Ort der Information, eine Ausstellung über den Holocaust hinzukommen.

Nach langen Testphasen zur Gestaltung der Stelen erfolgte im August 2003 schließlich der Baubeginn. Doch zwei Monate später wurde bereits ein Baustopp ausgerufen. Auslöser war die Beteiligung der Chemiefirma Degussa am Bau der Stelen. Diese lieferte einen Anti-Graffiti-Schutz, der auf die Stelen aufgebracht wurde. Die Vergangenheit der Degussa aber ist schwer belastet. Eine Tochter der Degussa, die Degesch, hatte im Dritten Reich das Gas Zyklon B produziert, das Todesgas, mit dem die Juden in den Gaskammern der Konzentrationslager ermordet wurden. Dem ganzen Bau drohte der Abriss. Da jedoch die Firma Degussa seit Jahrzehnten darum bemüht ist, sich dieser Vergangenheit zu stellen, unter anderem durch ihren Einsatz für einen Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter in der Nazizeit, wurde im November 2003 entschieden, dass weitergebaut werden sollte. Damit hatte der Bau des Denkmals seine letzte und eine seiner schwierigsten Hürden genommen. Am 10. Mai 2005 wurde das Denkmal eingeweiht.
Goethe-Institut e. V. 2005
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