Deutsche Autoren und Genres

Daniel Kehlmanns „Ruhm“

Daniel Kehlmann; © Rowohlt Verlag/billy & hellsCover des Buchs „Ruhm“ von Daniel Kehlmann; © Rowohlt VerlagMit seinem Roman „Die Vermessung der Welt" schrieb der 34-jährige Autor Daniel Kehlmann einen von Kritik und Leserschaft gleichermaßen hochgelobten Welterfolg. Der Nachfolger „Ruhm“ hat ebenfalls das Zeug dazu: raffiniert gebaut und voller Überraschungen.

Innerhalb der deutschen Gegenwartsliteratur ist Daniel Kehlmann so etwas wie ein Superstar. Rund 1,7 Millionen mal verkaufte sich sein Roman Die Vermessung der Welt über den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt allein im deutschsprachigen Raum. Der Titel von Ruhm ist ein ironischer Reflex auf diesen Erfolg. Überhaupt ist das ganze Buch voller subtiler Ironie und feinem Humor: kunstvoll verwoben, in sich rund und äußerst spannungsreich.

Stimmen, die nicht stimmen

Ein „Roman in neun Geschichten“ will Ruhm laut Untertitel sein. In der ersten, „Stimmen“ genannten, Geschichte spielt der Techniker Ebling die Hauptrolle. Ebling, dessen Leben so aufregend ist wie die Lektüre eines Computerhandbuchs, kauft sich nach längerem Zögern ein Mobiltelefon. Durch ein Versehen bekommt er die Nummer des Schauspielers Ralf Tanner zugewiesen und schlüpft nach und nach in dessen Haut. Er probiert Sätze und Entscheidungen, die er sich sonst nicht trauen würde und für die er nun keine Verantwortung übernehmen muss: ein enormer Gewinn an Spannung in seinem Leben, in dem zuvor ein Wiener Schnitzel auf dem Kantinenspeiseplan ein glücklicher Höhepunkt war. Dass Ebling Gespräche in Tanners Namen, aber nicht in seinem Sinne annimmt, hat handfeste Konsequenzen für den Schauspieler, wie die Leser in einer späteren Geschichte erfahren.

Daniel Kehlmann; © Rowohlt Verlag/billy & hellsWeitere Figuren von Ruhm sind der Schriftsteller Leo Richter und die sterbenskranke Rosalie, eine von Richter erfundene Figur. Sie tritt in einen Dialog mit ihrem Schöpfer und bittet um Gnade. Mehrere Mitarbeiter eines Mobilfunkunternehmens kommen vor, und der Schriftsteller Miguel Auristos Blancos entpuppt sich als Parodie auf den brasilianischen Bestseller-Autor Paulo Coelho. Selbst der Teufel bekommt als Chauffeur gestohlener Autos eine kleine, aber nicht unbedeutende Nebenrolle. Dabei sind die Identitätswechsel neben den Auswirkungen moderner Kommunikationstechnologien und dem irritierenden Vexierspiel von Wirklichkeit und Fiktion das Hauptthema des Romans. Zwischen oberflächlichen Identitäten pendeln die Figuren hin und her und reiben sich mitunter regelrecht darin auf.

Was hilft ein Bestseller in Zentralasien?

In Winesburg, Ohio (1919) nutzte der amerikanische Schriftsteller Sherwood Anderson das Erzählprinzip, ein Element oder eine Figur aus einer Geschichte in der nächsten wieder aufzunehmen, die Perspektive zu ändern und dabei ein größeres Ganzes zu schaffen. In Deutschland griffen unter anderem Ingo Schulze in Simple Storys (1998) und Norbert Scheuer in Kall, Eifel (2005) das Verfahren auf. Neu bei Ruhm ist, dass Kehlmann die Einheit des Raums sprengt. Denn E-Mails und Mobiltelefone überbrücken in Echtzeit alle Distanzen. Und sie senken die Hemmschwelle zu lügen. Groß ist die Versuchung, ein Doppelleben zu führen: In Ruhm erliegen ihr gleich mehrere Figuren. So kann ein Abteilungsleiter behaupten, in Caracas zu sein, während er seine Ehefrau in Hannover betrügt. Mit den Mobilfunkverbindungen leidet auch die Verbindlichkeit der Sozialkontakte.

Und immer wieder katapultieren Zufälle verschiedene Menschen in eine neue Identitätsumlaufbahn: Die Krimischriftstellerin Maria Rubinstein verliert in Zentralasien den Kontakt zu ihrer Reisegruppe. Ihr Mobiltelefon wird nutzlos, der Akku ist leer, das Ladegerät vergessen. Der Ruhm als Erfolgsautorin hilft ihr in der Not herzlich wenig. Ohne Geld, ohne Essen und ohne Sprachkenntnisse gestikuliert sie, hungrig und unverstanden, in einem Gemischtwarenladen. Auf einem Regal entdeckt sie die russische Ausgabe ihres meistverkauften Krimis. Doch ohne Autorenfoto auf dem Umschlag kann sie noch nicht einmal deutlich machen, dass sie das Buch geschrieben hat.

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

: Cover des Buchs „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann; © Rowohlt VerlagIn den entlegendsten Winkeln der Erde dem eigenen Buch begegnen: Das kann auch Daniel Kehlman passieren. Seine Vermessung der Welt wurde in 40 Sprachen übersetzt, in Taiwan stand das Buch nach Angaben des Autors 35 Wochen an der Spitze der Bestsellerliste. Auf einer Rangfolge der weltweit meistverkauften Romane der New York Times für das Jahr 2006 ist Die Vermessung der Welt auf Platz zwei von Dan Browns Digital Fortress und seinem Da Vinci Code eingerahmt. In China erschien das Buch sogar mit deutschem Titel, weil der dortige Verlag das Cover unerlaubterweise nachdruckte. Jedes „l“ mutierte dabei zu einem „i“.

Die Vermessung der Welt ist wohl auch deshalb so erfolgreich, weil der Roman über deutsche Geistesgeschichte auch ohne seine tiefsinnigen Bezüge als witzige Geschichte zweier kauziger Typen gelesen werden kann. Kehlmann nennt den Erfolg einen Lottogewinn, der nun alle kommenden Bücher quersubventionieren werde. Doch das wird Ruhm nicht nötig haben. Es ist ein Roman, der aus eigener Kraft das Zeug zum Bestseller hat.

Daniel Kehlmann: Ruhm. Berlin: Rowohlt, 2009. 208 Seiten. ISBN 3-498-03543-6
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Berlin: Rowohlt, 2005. 300 Seiten. ISBN 3-498-03528-2
Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2009

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Ausschreibung: ZEBRA Poetry Film Festival

Das ZEBRA Poetry Film Festival schreibt zum 7. Mal den Wettbewerb um die besten Poesiefilme aus. Eingereicht werden können Kurzfilme, die auf Gedichten basieren. Bewerbungsschluss: 25. April 2014

Residenzprogramme des Goethe-Instituts

Foto: iStockphoto Richard Prudhomme
„Raum für neue Perspektiven“ – Informationen rund um die Residenz-
programme weltweit

Weblog: rosinenpicker@goethe.de

Neues vom deutschen Buch- und Medienmarkt: Bücher, Hörbücher und CDs aus der Welt der Belletristik, des Sachbuchs und der Musik

Bücher, über die man spricht

Was ist neu erschienen auf dem deutschen Buchmarkt? Vorgestellt mit Rezensionen aus der deutschsprachigen Presse

Weblog: Current Writing

Alles was Sie zum Thema deutsche Literatur in den USA wissen wollen

Deutschsprachige Comics

Informationen zur deutsch- sprachigen Comicszene, Künstler- porträts und Buchtipps

Kinder- und Jugendbuchportal

Deutsch­sprachige Literatur für Kinder und Jugendliche

Rayuela – Argentinisch-Deutsches Stadtschreiber-Projekt

Argentinische und deutschsprachige Stadtschreiber gewinnen tiefere Einblicke in die Gesellschaft des Gastlandes.

Geschichte einer Freundschaft – Mein Lieblingsbuch

Aus über 4.000 Beiträgen aus 57 Ländern hat die Jury drei Gewinner gewählt.

Deutschland erlesen

Den Begriff von Schönheit erweitern - lernen Sie Deutschland durch literarische Texte kennen.

Dossier: Begegnungen

Deutsche Autor(inn)en sehen die Welt