„Sprache sinnlich bereichern“ – Reinhard Jirgl im Interview

Ende Oktober 2010 erhielt der 57-jährige Berliner Autor Reinhard Jirgl in Darmstadt den mit 40.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis. Mit Goethe.de sprach er über die langen Jahre als Autor ohne Publikum, Sprache als Ausgangsmaterial für Erzählgenauigkeit und das Tröstliche von Übersetzungen.Herr Jirgl, Sie sind in der DDR aufgewachsen und haben die Zeit vor und nach der Wende in Romanen wie „Abschied von den Feinden“ (1995), „Hundsnächte“ (1997) oder „Abtrünnig“ (2005) literarisch behandelt. Wie haben Sie die Wiedervereinigung vor 20 Jahren empfunden?
Die Wiedervereinigung war für mich eine enorme Freude und Erleichterung – nicht zuletzt auch, weil ich erstmals zu Verlagen gehen konnte und Möglichkeiten bekam zu publizieren. Freude und Erleichterung aber auch hinsichtlich der Sprache. Es gibt ja kein Medium, dem in der deutschen Geschichte so übel mitgespielt worden ist wie der deutschen Sprache, die durch alle möglichen Ideologien vergewaltigt worden ist.
Da war es für mich eine wohltuende Erfahrung, dass die Literatur nach der Wende plötzlich wieder auf sich selbst gestellt war, sich auf sich selbst besinnen konnte. Das empfinde ich bis heute als Befreiung.
Schreiben als Rettung
Wegen „nichtmarxistischer Geschichtsauffassung“ wurde Ihr „Mutter Vater Roman“ in der DDR nicht gedruckt. Trotzdem haben Sie weitergeschrieben. Am Ende lagen sechs Manuskripte in der Schublade. Warum?
Wenn einem die Öffentlichkeit entzogen wird, ist das ja noch lange kein Grund, mit dem Schreiben aufzuhören.
Für mich war das Schreiben von Anfang an, seit den Siebzigerjahren, eine existentielle Erfahrung, die einer Rettung gleichkam. In der DDR musste man sich ja schon früh für einen Berufsweg entscheiden, von dem man dann fast nicht mehr abweichen konnte. In meinem Fall musste ich die trübe Aussicht, im falschen Beruf eines Elektrotechnikers zu stecken, irgendwie kompensieren. Da kam mir nach verschiedenen Fehlversuchen dann das Schreiben.
Nach einem Studium der Elektronik sind Sie dann als Beleuchter zur Berliner Volksbühne gegangen ...
... aber nicht aus Liebe zum Theater, sondern weil ich Zeit zum Schreiben brauchte. Richtiges Schreiben kann man halt nicht nebenher.
Ins Leere schießen
Brauchen Sie, dieser Biografie eingedenk, überhaupt ein Publikum?
Entgegen allen anderen Behauptungen schreibt man immer für zwei Personen: einmal für sich selbst, einmal für seinen Verleger. Dem Verleger muss das Manuskript gefallen, sonst wird daraus kein Buch. Ansonsten finde ich das Gerede vom „Publikum“ überhaupt bedenklich. Das Publikum oder die Zielgruppe ist ein Vermassungsbegriff aus der Werbung, der mich an die Terminologie von Diktaturen erinnert.
Im Grunde trifft Literatur ja immer auf Individuen. Und diese individuellen Leser brauche auch ich. Das Schreiben ist ja eine aufgemachte, sehr einsame poetische Informationsstrecke, die einen Abschluss sucht. Indem man ins Leere schießt, hofft man, auf jemanden zu treffen, der genau so wie man selbst empfindet.
Den Text draußen ergehen
Wie läuft der Schreibprozess bei Ihnen ab?
Tatsächlich: laufend. Ich muss mir meine Texte ergehen, draußen, beim Spaziergang. Durch das Wandern, durch das Atmen kommt ein bestimmter Rhythmus in den Text. Wenn ich dann nach drinnen an den Schreibtisch gehe, habe ich kleine Textinseln im Kopf, die ich ganz altmodisch mit Papier und Stift zu größeren Gefügen zusammenführe.
„Akademicker“, „Ton-Phall“, „Uni-per-versität“, „roh-Manze“. Sprache ist bei Ihnen vor allem Material. Was bezwecken Sie damit?
In erster Linie suche ich eine größere Genauigkeit im Erzählen, die weit über die Dudennorm hinausgeht. Für mich ist Sprache nicht allein Transportmittel für Inhalte. Sprache ist ein Medium, das vom Autor zum Zweck differenzierten Erzählens individuell geformt werden will.
Mir geht es um eine sinnliche Bereicherung der Sprache. Mittel und Möglichkeiten hierzu finde ich dabei in der Sprache selbst, bis in den Buchstaben hinein. Hinter jedem Wort stecken ja andere Wörter, hinter jedem Text andere Texte.
Aber Sprachformung dient bei Ihnen doch auch zur Entlarvung und Hinterfragung gesellschaftlicher Gegebenheiten?
Auch. Aber nicht nur. Satirische Formung ist bei mir nur eine unter vielen Möglichkeiten. Meine Sprachspiele, auch Kalauer, sind immer kontextabhängig. Da gibt es kein starres System. Das würde die Freiheit im Erzählen, die ich suche, wieder zunichte machen.
Das Tröstliche der Sprachen
Sind Sie bei dieser Sprachauffassung überhaupt übersetzbar?
Ich bin sogar schon übersetzt! In diesen Tagen erscheint mit Abtrünnig in einem kleinen Verlag mein zweites Buch in französischer Sprache; Die Unvollendeten liegt ebenfalls auf Französisch sowie auf Polnisch, Hundsnächte auf Russisch und Abschied von den Feinden auf Schwedisch vor.
Dabei ist der persönliche Kontakt mit den Übersetzern wichtig, in dem wir uns darauf einigen, welche Eigenheiten meine Texte haben – und was in der jeweiligen Sprache machbar ist oder eben nicht. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass Sprachen offene Systeme sind, die man untereinander verbindbar machen kann. Das hatte etwas sehr Tröstliches für mich.
„Form ist das Konkrete, Inhalt das Beliebige“
Neben der Sprache ist die deutsche Geschichte Heldin Ihrer Bücher. Gewalt, Not und Trennung, Flucht und Vertreibung sind die düstren Themen, anhand derer Ihr neuester Familienroman „Die Stille“ (2009) ein historisches Panorama über rund 100 Jahre entwirft. Müssen Schriftsteller sich politischen Themen widmen, sich engagieren? Oder ist, um es mit Ihren Worten zu sagen, „Jedesbuch 1 Buch=mehr im Meer der Vergeblichkeiten“?
Engagement und Literatur sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen. Leitbild für diese irrige Verknüpfung ist immer Georg Büchner, bei dem man ein Flugblatt wie den Hessischen Landboten und seine Dramen gern in einen Topf wirft. Ersteres sind Äußerungen des Bürgers Büchner, letzteres Zeugnisse des Autors. Das hat nichts miteinander zu tun.
Um es klar zu sagen: Mein Engagement ist die Form. Form ist das Konkrete, Inhalt das Beliebige.
Kindliche Freude
Was bedeutet Ihnen der Büchner-Preis?
Für mich hat dieser Preis eine materielle und eine ideelle Seite. Wenn man bedenkt, dass ich vom Verkauf meiner Bücher auch nicht annähernd leben kann und mich stattdessen von Stipendium zu Stipendium hangeln muss, ist es schön zu wissen, dass für die nächsten Jahre Geld da ist.
Die ideelle Seite des Preises ist eine große, fast kindliche Freude. Das Schreiben hat ja viel mit dem kindlichen Spiel gemein – in jenem unsentimentalen Sinn, dass Kinder und Schriftsteller sich spielerisch ihre Welt erarbeiten. Und: Jedes Spiel zielt aufs Gewinnen. Wenn da jetzt ein Preis kommt, der mein Spiel belohnt, macht mich das stolz und mutig, um weiterzumachen.
führte das Gespräch. Er ist einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Literaturkritiker, Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.
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Oktober 2010
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