Lesen als „nie endende Reise in die eigene Psyche“ – der Chamisso-Preisträger Michael Stavarič

Michael Stavarič erhält als „herausragende Figur des literarischen Lebens der Gegenwart“ den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2012. Der Schriftsteller, Essayist, Übersetzer und Kinderbuchautor wurde 1972 in Brno (heute Tschechien) geboren und lebt seit über 30 Jahren in Österreich. Ein Interview.
Herr Stavarič, der Chamisso-Preis ehrt Literaten, die auf Deutsch schreiben, deren Muttersprache oder kulturelle Herkunft aber nicht die deutsche ist. Ist dieser Preis für Sie ein besonderer?
Gewiss, dieser Preis hat für mich sogar mehrere ganz besondere Aspekte. Vor wenigen Monaten ist mein – er würde mir wohl verzeihen, ihn so zu nennen – „literarischer Mentor“ verstorben: Jiří Gruša, der selbst vor vielen Jahren den Chamisso-Preis erhalten hat. Insofern schließt sich hier ein persönlicher Kreis für mich. Das, was Jiří Gruša als „Sprachwanderer“ geleistet hat – da möchte ich auch hin.
Mit dieser Ehrung wird mir allerdings auch bewusst, wie wichtig es für mich war, von frühester Kindheit an in zwei völlig unterschiedlichen Sprachwelten beheimatet zu sein. Oder um es mit Gruša zu sagen: Es ist wohl der einzige Weg, um „glücklich heimatlos“ zu sein.
Sie wurden für Ihr bisheriges Gesamtwerk, aber vor allem für Ihren jüngsten Roman „Brenntage“ geehrt, der im Feuilleton als „monströser Roman über die Kindheit“ und „experimenteller Bildungsroman“ beschrieben wurde. Trifft diese Lesart Ihre eigene Einschätzung?
Mit der Deutungshoheit ist es so eine Sache – ein jeder ist für die Lesart selbst verantwortlich. Ich bemühe mich allerdings darum, meine Bücher so zu gestalten, dass reichlich Raum bleibt für die Gedanken meiner Leserinnen und Leser. Ich erzähle meine Bücher nicht zu Ende. Ich baue Leerstellen ein. Ich demontiere rote Fäden. Bei den Brenntagen lag mir daran, der Landschaft eine unheimliche Note zu verleihen, eine Art „kleines Herz der Finsternis“ zu schaffen, ein literarisches und aus der Zeit gefallenes Märchen.
Sie widmen sich recht düsteren Themen. Ihr erster Roman „stillborn“ handelt von einer Frau, die sich fühlt wie eine Totgeburt. Auch „Terminifera“ beschreibt Wunden der Kindheit. In „Böse Spiele“ geht es um den Krieg der Geschlechter.
Die Düsternis ist sicherlich gegeben, allerdings wird sie ständig ironisch durchbrochen. Meine Protagonisten sind allesamt nicht pathologisch – darauf achte ich penibel. Ich bemühe mich auch darum, meinen Leserinnen und Lesern einen Weg zu zeigen, sich an früher zu erinnern. Viele Erwachsene haben die eigene Kindheit längst verloren. Und ich möchte zeigen, wie die Welt wirklich ist: schön und schrecklich! Bezeichnenderweise entstehen neben meinen Romanen auch sehr viele humorvolle Bücher.
Ihre Texte mäandern; es gibt keinen Erzähler, der den Leser an die Hand nimmt.
Milan Kundera hat vor vielen Jahren – ich zitiere sinngemäß – behauptet: Wer heutzutage noch so verrückt ist, Romane zu schreiben, der sollte das so tun, dass man den Inhalt nicht nacherzählen kann. Ich schließe mich dieser Behauptung voll und ganz an. Leser an der Hand zu nehmen, bedeutet bis zu einem gewissen Grad Bevormundung.
Bücher sind möglicherweise die letzte Kunstform, die sich bewusst verschließt. Literatur – und ich meine damit tatsächlich Belletristik – ist wie ein Zauberspruch: Man muss sich diesen erarbeiten – und verdienen. In diesem Sinne ist für mich das Lesen ein Wagnis – und eine nie endende Reise in die eigene Psyche.
In den letzten fünf Jahren sind fünf Romane von Ihnen erschienen. Wie gelingt es Ihnen, so produktiv zu sein?
Manchmal frage ich mich das auch – meine Romane sind allerdings keine dicken Wälzer. Ich versuche ganz bewusst, maximal 250 Seiten anzupeilen. Und viele der Ideen trage ich eine lange Zeit mit mir herum; ich muss mir, so gesehen, nur die Freiräume schaffen, diese auszuarbeiten.
Ein weiterer Punkt ist wohl, dass ich stets an mehreren Projekten gleichzeitig arbeite: einem Roman, einer Übersetzung, einem Kinderbuch und irgendetwas Kleinerem, Experimentellerem – wie zuletzt etwa ein Bestiarium. Es werden also nahezu beiläufig immer wieder Buchprojekte fertig.
Artur Becker, der Chamisso-Preisträger von 2009, hat im Interview mit Goethe.de gesagt: „Es ist völlig egal, in welcher Sprache man schreibt.“ Ist das für Sie auch so?
Ich schließe mich Artur gerne an – es ist sogar völlig egal, in welcher Sprache man (nach-)denkt. Hauptsache, man tut es (noch).
Sie haben einmal gesagt: „Die Sprache ist Musik und Musik ist das, was ich mache“.
Es ist immens wichtig, Sprache nicht ausschließlich auf einer inhaltlichen Ebene verstehen zu wollen. Oft geht es in der Literatur nicht darum, was gesagt wird – vielmehr wie es gesagt wird. Es ist wie bei guten Musikstücken: Ich höre eine Melodie, Refrains, Rhythmen et cetera. All das bringt mich an Orte, die sich dem Denken entziehen müssen. Und am Ende fühlt man etwas – und ist glücklich oder traurig. Oder, wenn es ein richtig gutes Buch war, ... beides!
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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Februar 2012
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Links zum Thema
- „Es ist völlig egal, in welcher Sprache man schreibt“ – Artur Becker im Gespräch (goethe.de)


- Michael Stavarič – ein Autor mit Zukunft (goethe.de)


- Adelbert-von-Chamisso-Preis


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