Daniel Kehlmann in Sibirien
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Daniel Kehlmann |
Zu schreiben begonnen hat er, wie er in einem Selbstporträt formuliert hat, „in dem gleichen Alter wie wohl alle: Mit fünfzehn und schlechten Gedichten, die zum Glück bis zum heutigen Tag keiner gesehen hat.“ Fünfzehn Jahre später hat Daniel Kehlmann sechs Romane veröffentlicht,
wobei er schon nach seinem ersten mit Überraschung feststellen durfte, dass man „das Schreiben sowohl vor Finanzämtern als auch in offiziellen Meldebögen und sogar bei misstrauischen Familienmitgliedern als Beruf ausgeben konnte.“ Spätestens seitdem die Vermessung der Welt mit mehr als 500.000 verkauften gebundenen Exemplaren zu einem der erfolgreichsten Romane der Nachkriegsgeschichte geworden ist und in 30 Sprachen übersetzt wurde, dürfte Familie Kehlmann wohl endgültig gnädig gestimmt sein.
Maßlose Weite
Aufmerksam wurde das Feuilleton auf den damals 22 Jahre alten Kehlmann mit seinem Buch Beerholms Vorstellung. In die Arme schloss es ihn dann später, dank einer beißenden Satire auf den Kunstbetrieb mit dem Titel Ich und Kaminski. Kehlmann hat übrigens einen deutschen und einen österreichischen Pass - ein Umstand, der, wie er freimütig bekennt, den Vorteil hat, sowohl vom deutschen Goethe-Institut wie auch vom österreichischen Kulturinstitut eingeladen zu werden. Zumal er gerne auf Reisen schreibt - oft lieber als zu Hause, in Wien. Eine Goethe-Reise vor zwei Jahren führte ihn zuerst nach Moskau und dann nach Sibirien – Jekaterinenburg, Omsk. Und dort durfte er Weite erleben, maßlose Weite.
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Aber gefahren ist er, Daniel Kehlmann. Deutsche Kultur in allen Facetten – Hunderte Veranstaltungen von Sankt Petersburg bis Novosibirsk. Pina Bauschs Tanztheater, das Berliner Rundfunkorchester - und junge deutsche Literatur.
Im Rahmen der Aktion wurden da auch einige deutsche Autoren eingeladen, zu so einer, wie Burkard Spinnen das mal genannt hat: Schriftsteller-Land-Verschickung.
... um zunächst in Moskau und dann in einigen sibirischen Städten vorzulesen. Das war im deutsch-russischen Kulturjahr 2004.
…wie die großen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts
Jetzt sitzt Daniel Kehlmann in Wien, in seiner kleiner Wohnung im Zentrum, die etwas von einer Studentenbude hat: An der Wand ein billiger Druck von Don Quichote, der schon bei seinem Einzug dort hing. Auf dem Schreibtisch ein großes Durcheinander, auf dem Boden Bücher und Zettel - alles in allem: ein moderates Chaos. Aber nein, so sehe es nicht immer aus, eigentlich sei er ein ordentlicher Mensch, doch er ziehe gerade um, in eine größere Wohnung, im selben Haus. Er blickt auf die Uhr: Bis halb sechs haben wir Zeit, sagt er beinahe entschuldigend. Und so erzählt er lieber schnell von seiner „Schriftsteller-Verschickung“, die er trotz seiner anfänglichen Scheu genossen hat:Bei den Lesungen in Russland habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass ein unglaublich gutes, interessiertes, belesenes Publikum auftaucht. Das zu einem ganz großen Teil die Bücher wirklich kennt, die man vorliest, und kluge Fragen stellt. Das beeindruckt einen Schriftsteller natürlich. Man merkt auch, dass ein Autor dort auch von der Kultur her mehr gilt als bei uns. Das ist sicher auch ein Grund, warum man als Schriftsteller gerne dorthin kommt. Obwohl es natürlich nur ein Vergnügen für die Eitelkeit ist. Irgendwie macht es einem doch Spaß einmal behandelt zu werden, wie die großen Schriftsteller im 19. Jahrhundert behandelt wurden.
Zwischen Tolstoi und Dostojewski
Das Werk eines großen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts steht bei Kehlmann auf dem Fußboden - noch nicht ausgepackt: eine druckfrische Nabokov-Gesamtausgabe – das Geschenk seines Verlegers zum 500.000sten verkauften Exemplar seines eigenen Romans Die Vermessung der Welt. Wer Bücher liebe, so Kehlmann, könne ja überhaupt nicht lesen und leben – er sagt wirklich: leben - ohne sich mit der russischen Literatur zu beschäftigen.Für mich war das Bild von Russland sehr stark geprägt durch die zwei Pole, die die Literatur vorgibt: Auf der einen Seite Tolstoi, mit Fuchs- und Wolfsjagden und unendlichen schneebedeckten Ebenen und Schlittenfahrten; Residenzen, in denen glitzernde Bälle stattfinden. Und auf der anderen Seite das Dostojewski-Bild: Hysterische, tiefsinnige, ständig philosophisch befasste Menschen, die einander bei jeder Gelegenheit um den Hals fallen oder umbringen, einander zum Duell fordern und die kein Gespräch führen können, ohne sehr bald bei Gott und den letzten Dingen zu landen.
Da die russische Literatur - hier der Alltag in Omsk. Kehlmann ist buchstäblich sprachlos, zurückgeworfen in den Zustand des Analphabeten:
....weil man selbst die einfachsten Schilder nicht lesen kann. Das ist wirklich eine existentielle Erfahrung, die wiederum sehr interessant ist. Wann hat man die schon mal, dass man wirklich plötzlich in der Lage eines verirrten Kindes ist? Da fühlt man sich dann schon ein wenig, wie soll man sagen, 'allein' (lacht). Also man denkt sich immer: wenn ich jetzt ein Problem hätte, welcher Art auch immer, und die netten Leute vom Goethe-Institut sich nicht um mich kümmern würden – dann könnte es jetzt sehr unangenehm werden.
Bereicherung für viele Gespräche
Wird es aber nicht. Ganz im Gegenteil. Daniel Kehlmann spricht von Freundschaften, die er geschlossen hat, davon, dass er wieder nach Sibirien will. Er sei überrascht gewesen, ja geradezu 'schockiert', wie viele belesene, literarisch interessierte Menschen er getroffen hat:
Literaturwissenschaftler an den Unis, die ein vollkommen akzentfreies Deutsch sprechen. Und wenn man sie fragt, wo sie es herhaben, dann sagen sie: Das ist doch mein Beruf. Menschen, die so eine Bereicherung wären für viele Gespräche, für viele Diskussionen hier. Also, zu wissen, dass all diese großartigen Leute dort sind und von uns durch eine Art - diesmal von unserer Seite aufgebauten - 'Eisernen Vorhang' getrennt sind, das macht einen schon manchmal traurig.
Und dann kommt die Frage, die Schriftsteller manchmal gar nicht gerne hören, weil sie ihnen zu konkret, zu banal klingt. Aber Daniel Kehlmann hat sie schon erwartet: Hat die Sibirienerfahrung Eingang in seine Arbeit als Schriftsteller gefunden?
Also es hat sich tatsächlich übersetzt – ich lass ja meine Figur Alexander von Humboldt am Ende der Vermessung der Welt auch nach Sibirien fahren. Dass ich an ein paar wenigen Orten dieser riesigen sibirischen Reise von ihm auch gewesen bin, hat mir ein gewisses Zutrauen gegeben, dass ich das wirklich schildern kann und dass ich das andere auch erfinden kann.
Das komplette Interview mit Daniel Kehlmann (WMA, 6:16 Min.)
Die Hörfunkfassung lief im Programm der Deutschen Welle
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Januar 2007
Links zum Thema
- Daniel Kehlmann beim Rowohlt Verlag

- Buchbesprechung von Mahlers Zeit bei Perlentaucher.de

- Buchbesprechung von Die Vermessung der Welt bei Perlentaucher.de

- Buchbesprechung von Wo ist Carlos Montufar? bei Perlentaucher.de

- Buchbesprechung von Ich und Kaminski bei Perlentaucher.de

- Buchbesprechung von Der fernste Ort bei Perlentaucher.de

- Deutsche Welle: Begegnungen











