Dörlemann-Verlag – breit gefächert, schnell und schnittig

2003 gründete Sabine Dörlemann in Zürich ihren Verlag, der mit seinen außergewöhnlichen Entdeckungen und sorgsamen Übersetzungen mittlerweile einen festen Platz in der Landschaft unabhängiger deutschsprachiger Verlage einnimmt.
Die Schweiz
Diogenes, Haffmans, Ammann – die drei großen Namen in der Schweizer Verlagslandschaft verbinden sich in unterschiedlicher Weise mit dem Dörlemann-Verlag. Nach dem Studium der Anglistik und Amerikanistik begann die Verlegerin Sabine Dörlemann ihre Laufbahn im Verlaggeschäft 1992 bei Haffmanns, wechselte später als Lektorin zu Ammann und gründete schließlich im September 2003 in genau jener Züricher Merkurstraße ihren eigenen Verlag, in der bereits 50 Jahre zuvor Daniel Keel seinen Diogenes-Verlag mit der legendären Schuhschachtel unterm Arm ins Leben rief.Das Verlagsprogramm war von Anfang an vielseitig und international gestaltet, was auf den ersten Blick ungewöhnlich für einen unabhängigen kleineren Verlag erscheint, in dessen Programm sich meist die individuellen Interessen ihrer Gründer widerspiegeln. Natürlich sind auch die Vorlieben der Verlegerin Sabine Dörlemann zu erkennen, wie ihre besondere Neigung für englischsprachige Autoren, von denen sie unter anderem die Kanadierin Alice Munro oder die Amerikanerin Edith Wharton verlegt, doch spannte der Dörlemann-Verlag sein Spektrum gleich zu Beginn so weit auf, wie es üblicherweise nur ein großer Verlag mit vielen Mitarbeitern und einer langen Tradition vermag.
Russland, Indien, Australien
Iwan Bunin, Raja Rao, Tim Flannery – das waren die drei Autoren, mit denen der Dörlemann Verlag 2003 an den Start ging. Drei Namen, die selbst versierte Literaturkenner nicht unbedingt parat hatten. Zwar hatte Bunin 1933 als erster russischer Autor den Nobelpreis bekommen, doch gehört er anders als Tolstoj, Turgenev oder Tschechow nicht zum klassischen russischen Kanon innerhalb der europäischen Rezeption. Die renommierte Übersetzerin Swetlana Geier hatte ihre Übersetzung von Bunins Ein unbekannter Freund Sabine Dörlemann als Ermutigung zur Verlagsgründung geschenkt. Im Herbst 2010 erscheint der vierte Band der weit in das nächste Jahrzehnt hinein geplanten Werkausgabe in Einzelbänden, womit sich auch diese Lücke in übersetzter russischer Literatur langsam schließt. Eine Gemeinsamkeit von Bunin zu Raja Rao, dem großen indischen Autor, mag sein, dass beide über ein Land in einem langen, noch nicht abgeschlossenen Umbruch schreiben, und dass beide dieses Land sowohl von innen als auch aus der Sicht des Exils betrachten. Tatsächlich jedoch sind es zwei unterschiedliche Literaturen, aus denen heraus sie denken und schreiben, und genau dieses Nebeneinander, das sich nicht auf den ersten oder zweiten Blick einordnen lässt, macht das ungewöhnliche Verlagsprogramm von Dörlemann aus.Tim Flannery schließlich muss keinem literarisch interessierten Leser bekannt sein, denn Flannery ist ein australischer Biologe und Zoologe. Auf einer Weltreise, die die Verlegerin vor ihrem Schritt in die Selbstständigkeit unternahm, war ihr der Autor mit seiner Naturgeschichte Nordamerikas aufgefallen. Selbst wenn die Literatur eindeutig im Mittelpunkt des Verlagsprogramms steht, verlegt Dörlemann immer wieder Sachbücher, wie etwa Flannerys Ewige Pioniere, Edward Saids Freud und das Nichteuropäische oder Arbeiten des britischen Historikers Roy Porter, Sachbücher, die immer auch die Grenze zur Literatur überschreiten.
Gegenwart
Neben der Entdeckung von Klassikern anderer Länder und Kulturen, die im deutschsprachigen Raum oft unbekannt sind, wie Iwan Bumin oder Louise de Vilmorin und Sabahattin Ali, werden bei Dörlemann auch zeitgemäße Neuübersetzungen bereits bekannter Titel wie etwa Tolstojs Familienglück oder Turgenevs Klara Milic veröffentlicht. Trotz dieser engagierten Projekte kommen aber auch die Autoren der Gegenwart nicht zu kurz. Sabine Dörlemann beschreibt ihre verlegerische Tätigkeit in dieser Hinsicht als ein „Begleiten“. Es sind junge Autoren und Autorinnen, bei denen die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, sondern durchaus noch Wendungen verspricht, wie etwa die Norwegerin Mirjam Kristensen oder der Schweizer Michael Schmid.Da sich die Entdeckungen des Verlages nicht allein auf den deutschsprachigen Raum beschränken, spielen auch hier die Übersetzungen eine große Rolle. Sabine Dörlemann legt nicht nur Wert auf hohe Qualität, was sich unter anderem in verschiedenen Auszeichnungen, unter anderem der Übersetzerbarke 2008, zeigt, sondern stärkt auch die Position des Übersetzers, indem sie zum Beispiel den Übersetzernamen neben dem des Autors auf dem Buchumschlag erscheinen lässt.
Weiter in der schnittig schnellen Jolle
Eingebunden in das Netzwerk unabhängiger Verlage der Schweiz (SWIPS), sieht sich Sabine Dörlemann mit ihrem Verlag fest im deutschen Buchmarkt verankert, auf dem sie 75 Prozent ihres Umsatzes erzielt. Weder Programm noch Professionalität unterscheiden sich von denen eines großen Verlages. Der Unterschied liegt vielmehr in der Flexibilität. „Große Verlage sind wie große Tanker, die einen kilometerlangen Bremsweg haben. In unserer Jolle sind wir schnell und schnittig“, sagt Sabine Dörlemann und fügt hinzu: „Wir haben unsere Nische gefunden, sind flexibel und können schnell reagieren. Außerdem spüren wir anders als viele große Verlage ein deutliches Interesse seitens der Presse an unserer Arbeit. Wie bei David und Goliath liegen die Sympathien auf unserer Seite. Zudem haben wir wesentlich geringere Grundkosten und können dadurch Projekte publizieren, die große Verlage sich nicht zutrauen. Unserer Chance liegt darin, dass große Verlage nur noch Bestseller publizieren wollen, während viele Leserinnen und Leser den Einheitsbrei gründlich satt haben und nach dem Ungewöhnlichen, Neuen suchen.“ist Schriftsteller und lebt in Offenbach.
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August 2010
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