Verlag Ulrich Keicher

"Jetzt bin ich bei der Literatur und komm' nimmer weg" - Ein Porträt des schwäbischen Kleinverlegers Ulrich Keicher

Ulrich Keicher; Copyright: Ulrich RüdenauerUlrich Keicher; Copyright: Ulrich RüdenauerNicht weit von Stuttgart, in dem Dorf Warmbronn, ist der Sitz des kleinen Verlags von Ulrich Keicher. Keineswegs klein aber ist der Anspruch des schwäbischen Büchernarren: "Moderne Literatur in Erstausgaben" entsteht dort in einer alten Bauernscheune. Bibliophile Bändchen von Autoren wie Ilse Aichinger oder Ludwig Harig, Thomas Rosenlöcher oder Katja Lange-Müller.

Das Telefon klingelt, das Fax-Gerät rattert, der Drucker surrt. Die Wände sieht man vor lauter Büchern nicht, und von draußen spitzt die herbstliche Sonne herein. Dann ist es ganz still. Wir sitzen in einem alten Bauernhaus. Ulrich Keicher atmet erst einmal durch, gelassen wie ein glücklicher Mensch, der genau das tut, was er immer tun wollte: Bücher produzieren. Und das an einem Ort, der vom Literaturbetrieb kaum weiter entfernt sein könnte und sehr idyllisch erscheint. Warmbronn ist schwäbische Provinz und liegt zugleich im Zentrum deutscher Geistesgeschichte. Im Umkreis von nur wenigen Kilometern wurden Schelling, Schiller, Hölderlin, Mörike und Hesse geboren. Das Dorf Warmbronn, ein Stadtteil von Leonberg, kann für sich immerhin den Bauerndichter Christian Wagner reklamieren. Wenige Schritte entfernt vom Christian Wagner-Haus residiert der Kleinverleger Ulrich Keicher. Der hat vor zwei Jahren im Wallstein Verlag eine Wagner-Werk-Ausgabe herausgegeben, in nachbarschaftlicher Verbundenheit.

Moderne Literatur in Erstausgaben

In seinem eigenen Verlag aber entstehen kleine und feine Büchlein, die gerne übersehen werden. Im Regal einer Buchhandlung, wären sie dort denn vorrätig, würden die Broschüren mit ihren spitzen Rücken zwischen den voluminösen Bänden einfach verschwinden. "Moderne Literatur in Erstausgaben" – so beschreibt der Verleger das Verlagsprofil. Ein schöner Anspruch, der auch eingelöst wird.

Ulrich Keicher stammt aus einem literaturfernen Elternhaus. Erst mit 18, während einer "Lebenskrise", hat ihn die Literatur gepackt. Ein Lehrer las den Schülern Jean Paul vor, und der 1943 in Stuttgart geborene Keicher tauschte augenblicklich seine Westernheftchen gegen die Romantiker, aber auch gegen Kierkegaard oder Heinrich Böll ein. In den 60er Jahren absolvierte er eine Buchhändlerlehre, studierte dann ein paar Semester lang Pädagogik in Freiburg und ließ sich endgültig vom Literaturvirus infizieren. Er jobbte damals in einer Buchhandlung. "Viele Autoren haben dort verkehrt. Fast jede Woche kam Heidegger vorbei, mit dem ich immer mal wieder gesprochen habe. Oder Peter Huchel. Dann gab es noch den uralten Expressionisten Kurt Heynicke. Er war der letzte aus Pinthus' Menschheitsdämmerung, der damals noch gelebt hat." Heynicke ist ihm zum väterlichen Freund geworden, und Keicher sammelte in dieser Zeit wichtige Erfahrungen. Von diesen profitierte er später.

Möglichst alles alleine bewältigen

1973 gründete er in Leonberg ein Antiquariat, veranstaltete Lesungen und gab zu den auftretenden Autoren kleine Broschüren heraus. So entstand der Kontakt zu den Schriftstellern und die Lust, selber Bücher zu machen. Fast war es nahe liegend, dass er schließlich 1983 einen eigenen Verlag aufbaute. Als "professionelle Unternehmung" war dieser nie geplant. "Durch mein Sortimenter-Leben kannte ich mich ein bisschen im Verlagswesen aus und wusste, dass ich's nicht auf die herkömmliche Weise machen wollte. Ich wollte möglichst alles alleine bewältigen." Nebenher hatte er immer noch das Standbein des Antiquariats. Der Verlag war damals das Spielbein; heute hat sich das längst umgekehrt.

Sprachartisten und Eigenbrötler

Werner Dürrson, Herbert Heckmann, Hannelies Taschau und Johannes Poethen – so heißen die Autoren der ersten Stunde. Mit der Zeit kamen immer mehr, auch immer renommiertere Namen hinzu: von Christoph Meckel über Elke Erb, Wulf Kirsten, Hermann Lenz oder Wolfgang Hilbig bis zu Lutz Seiler, dessen Band Die Anrufung mit dem Preis der Bestenliste des Südwestrundfunks ausgezeichnet wurde. Auch den Huchel-Preisträger Oswald Egger hat Keicher im Programm. Der Verleger schätzt Autoren, die einen eigenen Ton entwickelt haben, Sprachartisten und Eigenbrötler wie Johannes Kühn. Sein vielseitiges Programm umfasst Lyrik, kürzere Prosatexte, aber auch spannende Randgebiete der Literaturwissenschaft. Bei all dem ist Ulrich Keicher seiner anfänglichen Intention treu geblieben. "Die Grundidee war damals, dass man Bücher auf den Markt bringen müsste, die ordentlich gemacht, nicht überbibliophil, aber schön gestaltet und auch vom Preis her sozial sind", sagt er. Die Bücher entstehen allesamt in Handarbeit, bis 1996 noch im Bleisatz. Seither profitiert das Ein-Mann-Unternehmen von den Segnungen des Computerzeitalters und Laserdrucks. Das bedeutete auch den Abschied von der schon klassisch gewordenen Reihe "Roter Faden". "Mit der neuen Technik konnte ich ein bisschen offener werden, ein bisschen farbiger. Zunächst waren es ja schwarze Hefte mit einem roten Faden, im Ganzen 44 Titel, und da hatte ich einfach genug. Dann hab ich neu angefangen, ohne Reihenbezeichnung."

Schwäbische Bescheidenheit

Ulrich Keicher in seiner Werkstatt in Warmbronn; Copyright: Ulrich RüdenauerKeicher vereinigt alle Abteilungen eines Verlags in seiner Person: Lektorat, Herstellung und Vertrieb. Werbung für die zehn bis 15 neuen Titel im Jahr wird kaum gemacht – Keicher hat seinen festen Kundenkreis. Dieser ist relativ konjunkturunanfällig und in den letzten Jahren sogar gewachsen. Auflagen von 300 Exemplaren haben seine Bücher im Schnitt, selten mehr, manchmal weniger. Große Gewinne macht Keicher auf diese Weise nicht, aber er kann davon leben – in aller schwäbischen Bescheidenheit. Die Autoren erhalten ein "Naturalienhonorar", 30 Freiexemplare nämlich.

Seine Hefte sind Sammlerstücke – nicht nur, was den Inhalt, sondern auch was die Ausstattung angeht. Sie entstehen in der Werkstatt Keichers, die gleich nebenan in der umgebauten Scheune untergebracht ist. Dort liegen zur weiteren Verarbeitung die gedruckten Bogen. Es wird geschnitten und gefalzt und fadengeheftet, alles per Hand. Überall verstreut liegen Manuskripte in verschiedenen Entwicklungsstadien, Papier, Bücher und Werkzeug. Tatsächlich eine Idylle. "Jetzt", sagt Keicher, "bin ich bei der Literatur und komm‘ nimmer weg."

Ulrich Rüdenauer
Freier Journalist und Literaturkritiker für diverse Zeitungen und Rundfunkanstalten. Zuletzt veröffentlichte er als Mitherausgeber den Briefwechsel zwischen Peter Handke und Hermann Lenz, der 2006 unter dem Titel Berichterstatter des Tages im Insel Verlag erschienen ist.

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Dezember 2007

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