Kurt-Wolff-Stiftung

Die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene

Beschleunigte Konzentrationsprozesse im Verlagswesen und Buchhandel gefährden die kulturelle Vielfalt. Die Kurt-Wolff-Stiftung will dem entgegentreten. Sie versteht sich als Interessenvertretung unabhängiger deutscher Verlage mit dem Mut zum Risiko.

Die gemeinnützige Kurt-Wolff-Stiftung (KWS) wurde im November 2000 gegründet, seit 2002 hat sie ihren offiziellen Sitz im Haus des Buches in Leipzig. Der Namensgeber Kurt Wolff (1887-1963) war der bedeutendste Verleger des Expressionismus. Er war auch ein Verleger von Franz Kafka, dessen Bücher zunächst unverkäuflich waren und dessen Weltruhm erst lange nach Kurt Wolffs erstem verlegerischem Engagement einsetzte. Ähnlich geht es heute vielen kleinen, unabhängigen Verlagen in Deutschland - sie entdecken und fördern junge Talente - die Aussichtsreichen werden dann von den Großen gekauft -, leisten Pionierarbeit in der Übersetzung unbekannter Literaturen und entwickeln lokal gewachsene oder subkulturelle Literaturprogramme. Die Existenz unabhängiger Verlage beruht oft auf Gewinnverzicht und Selbstausbeutung. Dennoch hat sich seit etwa 30 Jahren eine vielfältige unabhängige Verlagszene im deutschen Literaturbetrieb entwickelt. Sie hat das literarische und kulturelle Leben in Deutschland wesentlich geprägt. Durch beschleunigte Konzentrationsprozesse im Verlagswesen, im Buchhandel und in den Medien sind jedoch viele dieser unabhängigen Verlage existentiell bedroht. Präsent sind zusehends nur noch Bücher, die sich unmittelbar wirtschaftlich rechnen - für Verlag, Vertrieb, Barsortimenter, Online-Anbieter und Buchhandel. Die Kurt-Wolff- Stiftung will dem entgegentreten. Sie versteht sich als Interessenvertretung unabhängiger deutscher Verlage. Den von ihr bereits 6 mal vergebenen Kurt-Wolff-Preis für ein verlegerisches Gesamtwerk erhielten der Merve Verlag, Berlin (2001), der MaroVerlag, Augsburg (2002), der Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. (2003), die Edition Nautilus, Hamburg (2004), der Weidle Verlag, Bonn (2005) und die Friedenauer Presse, Berlin (2006).

Fragen an Manfred Metzner von der Kurt-Wolff-Stiftung (KWS) Leipzig.

Was ist Ihre Funktion bei der Kurt-Wolff-Stiftung?

Ich bin Vorsitzender der KWS und außerdem selbst geschäftsführender Gesellschafter des von mir 1978 gegründeten unabhängigen Verlags Das Wunderhorn:

Was ist ein unabhängiger Verlag?

Im Sinne der KWS sind das Verlage, die keine Konzernverlage sind. Die Kriterien, die für die Stiftung wichtig sind: 1. Die Verlage sollen ein literarisches/essayistisches Programm haben und Wert legen auf eine gute Buchausstattung. 2. Sie müssen eine professionelle Struktur der verlegerischen Arbeit, zum Beispiel der Vertriebsstrukturen, haben.

Wie sieht das wirtschaftlich aus? Wie groß sind unabhängige Verlage?

Die Zielgruppe der KWS sind Verlage mit einem Jahresumsatz von bis zu 5 Millionen Euro, aber in der unabhängigen Szene sind ja auch Umsätze von unter 100 000 Euro keine Seltenheit. Verlage, die über den 5 Millionen liegen, brauchen unsere Arbeit nicht mehr.

Warum können die unabhängigen Verlage nicht so weitermachen wie bisher? Was hat sich wesentlich verändert?

In den letzten zehn Jahren hat sich die Verlags- und Buchhandelsstruktur sehr stark verändert. Das fällt jedem ins Auge, der sich schon etwas länger in Buchhandlungen bewegt. Früher gab es viele unabhängige Buchhandlungen, die bis zu 30.000, ja bis zu 50.000 Titel in ihrem Sortiment hatten, also im Laden oder am Lager. Heute gibt es immer weniger solcher Buchhandlungen, dafür immer größere Handelsketten mit immer mehr Verkaufsfläche. Aber je größer die Läden werden, desto weniger repräsentieren sie die Vielfalt des literarischen Angebots. Dort geht es fast nur noch um Schnelldreher und Stapelware. Die Programme unabhängiger Verlage sehen Sie da kaum. Dabei können die Buchhandlungen mit diesen Programmen genauso Geld verdienen.

Wer kam auf die Idee zu einer Stiftung zur Förderung einer unabhängigen Verlags-und Literaturszene?

Die Stiftung wurde Ende 2000 vom damaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann, vom Börsenverein und von unabhängigen Verlegern gegründet.

Gab es in Deutschland nichts dergleichen?

In Deutschland gibt es ein Filmförderungsgesetz, aber kein Literaturförderungsgesetz. Da liegt ein eklatantes Missverhältnis in der Einschätzung der einzelnen Kultursparten vor.

Auch unabhängige Verlage sind Unternehmen, also Konkurrenten. Wie kann eine Stiftung konkurrierende Interessen vertreten?

Wir fördern ja nicht die Verlagsarbeit, es gibt keine direkten Zuwendungen. Wir machen Öffentlichkeitsarbeit für die Bücher aus unabhängigen Verlagen, wir weisen auf für die Verlage gefährliche Veränderungen auf dem Buchmarkt und in der öffentlichen Meinung hin und stellen die großartigen verlegerischen Leistungen dieser Verlage heraus. Nicht umsonst werden diese Verlage oft als "Trüffelschweine" oder "Schatzgräber" bezeichnet.

Kommen sich die unabhängigen Verlage weniger ins Gehege, weil sie alle sehr spezielle Programme und Autoren führen und somit gar nicht direkt konkurrieren?

Natürlich sind alle untereinander Konkurrenten. Aber diese Verlage haben in der Zeit ihrer Existenz durch sehr differenzierte Programme jeder ein eigenes Profil entwickelt. So werden sie auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Auf unseren jährlichen Verlegertreffen in Leipzig und Frankfurt herrscht ein kollegiales Miteinander, da sich ja jeder von uns gegen die gravierenden Veränderungen am Markt behaupten muss und wir daher in einem Boot sitzen. Durch gemeinsames Auftreten können wir mehr bewegen.

Welche Dienstleistungen können unabhängige Verlage bei Ihnen abrufen?

Keine. Wir informieren, stellen Informationen zur Verfügung, zum Beispiel gab es bis vor zwei Jahren keine umfassende Information zu Übersetzungsförderungen. Wir haben alle Informationen - also welches Land fördert Übersetzungen, wie sind die Bedingungen, wo muss beantragt werden usw. – zusammengetragen und jeder kann diese auf unserer Webseite abrufen. Wir agieren auch direkt, etwa, als die Frankfurter Buchmesse die Standmieten eklatant erhöhen wollte, was für viele Verlage das Aus in Frankfurt bedeutet hätte - da gab es unsererseits eine schnelle Reaktion, wir haben den Börsenverein eingeschaltet, die Presse mobilisiert, mit der Messe Gespräche geführt - und es gab dann keine Standmietenerhöhungen im geplanten Umfang. Oder wir führen mit Frankfurt und Leipzig regelmäßig Gespräche, wie man die Messeauftritte der unabhängigen Verlage weiter verbessern kann. 2005 haben wir zum ersten Mal in Frankfurt am Messe-Donnerstag in Halle 4.1. mit den Verlagen in Gang F/G eine Aktion "Wir tanzen aus der Reihe" organisiert, die sofort sehr erfolgreich war.

Wie sieht Ihre Öffentlichkeitsarbeit aus?

Ich möchte ein aktuelles Beispiel nennen: Wir geben in diesem Jahr den ersten Katalog mit Büchern aus unabhängigen Verlagen heraus, er wird zur Buchmesse Frankfurt erscheinen. Wir konnten aus finanziellen Gründen nur 40 Verlage aufnehmen. Die präsentieren sich auf je zwei Seiten mit Verlagsgeschichte und Programm. Der Katalog erscheint in einer Auflage von 20 000 Exemplaren und wird in Kooperation mit der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig produziert.

Was tun Sie in Sachen internationale Kooperation?

Wir erarbeiten gerade mit der Internationalen Abteilung der Frankfurter Messe und dem Goethe Institut ein Projekt, um die Beteiligung und Präsentation unabhängiger Verlage auf Auslandsmessen zu erleichtern und dort mit der jeweiligen unabhängigen Verlagsszene in Kontakt zu kommen.

Wie finanziert sich die Stiftung?

Dankenswerterweise erhalten wir aus dem Etat des Kulturstaatsministers jedes Jahr 31.000 Euro für die Vergabe der Kurt-Wolff-Preise. Für 2005 und 2006 wurden uns Sondermittel in Höhe von je 28.000 Euro für Öffentlichkeitsarbeit zugesagt. Wir sind auf Spenden angewiesen, die, da wir eine gemeinnützige Stiftung sind, von den Spendern steuermindernd geltend gemacht werden können. Leider haben wir bis jetzt kein allzu hohes Spendenaufkommen. Im Literaturbereich tut man sich schwer. Film, Musik oder Theater haben es da leichter.

Was ist der Kurt-Wolff-Preis und wer kann nominiert werden?

Der Kurt-Wolff-Preis ist eine konkrete Maßnahme zur Förderung unabhängiger Verlage, daneben gibt es noch den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis. Mit 26.000 Euro ist der Kurt-Wolff-Preis einer der höchstdotierten Literatur-Preise in Deutschland. Eigenbewerbungen sind nicht möglich. Wir haben ein Kuratorium, das aus Kennern der Verlagsszene besteht, jedes Kuratoriumsmitglied und die Vorstandsmitglieder haben ein Vorschlagsrecht, das Kuratorium entscheidet aber allein über die Preisträger.

Welche Chancen sehen Sie für eine effektive weitere Tätigkeit?

Es ist nicht immer ganz einfach, den Betrieb in Schwung zu halten. Alle Tätigkeiten werden ja ehrenamtlich ausgeführt, das kostet sehr viel Zeit und Energie. Aber es lohnt sich, denn die Stiftung steht ganz gut da und wird überaus positiv von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Wir werden weitere interessante Projekte entwickeln und für die kulturelle Vielfalt und das Kulturgut Buch kämpfen.

Martin Zähringer
Freier Journalist Berlin

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August 2006

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