mairisch Verlag

Der mairisch Verlag bringt Hörspiel und junge Literatur zusammen

Team mairisch; Copyright mairisch verlagTeam mairisch; Copyright mairisch verlagmairisch ist einer der jüngeren Verlage, die derzeit auf den Markt drängen. Man erhofft sich den Erfolg nicht in der Konkurrenz zu den etablierten Verlagen, sondern in einem Nischenkonzept, das Autoren aus der Hörspielszene und junge Literatur vernetzt.

Im Jahr 1999 hat sich in Hamburg ein Verlag gegründet, dessen Programmumfang ein wenig über die Qualität seiner Titel täuscht. 14 selbständige Buchtitel sind zu verzeichnen, dazu 6 Hörspiel-CDs, und das ist bemerkenswert, weil die meisten von ihnen eine rege Resonanz bekamen, zumindest in der regionalen Presselandschaft. Einen überregional großen Erfolg konnte 2007 der junge Autor Finn Ole Heinrich mit seinem Roman Räuberhände verzeichnen. Die Feuilletons waren voll des Lobes, und zwar von alt bis jung, von der ZEIT über die ARD-Sender bis zu PRINZ und anderen Medien der jüngeren Generationen, von den Regionalblättern bis zu den Stadtteilmagazinen. Zu den Produktionen des Verlages kommen noch ca. 100 Veranstaltungen pro Jahr, etwa die Lesereihe TRANSIT (2003-2008) in Hamburg, die für weitere Publizität sorgen.

Der Name mairisch hat mit den Ursprüngen der Gründer zu tun, wie Daniel Beskos im Interview sagt: „Wir drei Gründer - Peter Reichenbach, Blanka Stolz, Daniel Beskos - kommen ursprünglich alle aus dem gleichen Dorf in Hessen, es heißt Rodgau. Unsere Großeltern haben uns immer zum Unkrautrupfen in den Garten geschickt, und Unkraut heißt auf Hessisch "mairisch" - auf Hochdeutsch ist das Vogelmiere. Dass das der Verlagsname wurde, war eher ein Zufall. Aber der ganze Verlag ist ja ein Zufall. So passt das wieder.“

Junge Literatur und Hörspiel

Claes Neuefeind (Hg.): `pressplay - Die Anthologie der freien Hörspielszene´; Copyright: mairisch verlagUnkraut vergeht nicht, sagt das Sprichwort, mairisch besteht allerdings mit einem durchaus gepflegten Programm und lebt weniger von der Zähigkeit des Unkrauts als von der Besonderheit des Konzeptes. Der Verlag bringt Hörspiel und junge Literatur zusammen, Beskow zum Konzept: „Literatur, also eine literarische Idee, eine Geschichte, kann sich in verschiedenen Formen ausdrücken, und manchmal gibt es eben Geschichten, für die der akustische Ausdruck der beste ist. Was gerne vergessen wird: Hörspiel war in den 40er- und 50er-Jahren eine dominierende Form von Literatur. Im Hörspiel geht einfach mehr, als man das heute aus "3 Fragezeichen" usw. kennt. Für viele unserer Hörer ist das erstmal neu – aber darum geht es ja, das den Leuten nahe zu bringen.“

In diesem Jahr hat mairisch die Fortsetzung der 2006 erfolgreichen CD pressplay produziert, eine Anthologie der freien Hörspielszene. pressplay 2 ist eine mp3-CD mit 20 Hörspielen, herausgegeben von Claes Neuefeind. Viele der Hörspiele haben Preise bekommen oder wurden lobend erwähnt bei Preisen wie dem Kurzhörspielpreis des WDR, dem Doku Plopp Award, dem Hörspielpreis der Leipziger Buchmesse oder Track5 des ORF. Man will die Spreu vom Weizen trennen, denn Billigproduktionen sollen in der freien Hörspielszene nicht die Dumpingkonkurrenz für solide Hörspielarbeit werden. Wenn man nun Hörspiele im praktischen mp3-Format auch sammeln kann, hat das Genre den Nachteil der Flüchtigkeit des Mediums Rundfunk wettgemacht.

Freundschaft, Netzwerk & Co

Andreas Stichmann: `Jackie in Silber´. Erzählungen; Copyright: mairisch verlagEin Verlag ohne Kapitaldecke basiert natürlich auf dem Prinzip Selbstausbeutung, aber dazu gehört eine Menge Spaß, Freiheit und Selbstverwirklichung. Die Erträge decken die Unkosten, Überschüsse gehen in neue Projekte. Prekäre Kreativität und freundschaftliches Zusammenarbeiten bringen dann, wie man lesen und hören kann, durchaus Qualität. mairisch will schon wachsen und setzt dabei auf Vertriebswege wie Tubuk: „Wir finden das Projekt Tubuk super und freuen uns, dabei zu sein. Aber unsere Verkaufswege setzen sich aus verschiedenen Aspekten zusammen. Unser Hauptkanal ist eigentlich die Presse: Da es für uns schwierig ist, unsere Bücher stapelweise in die Buchhandlungen zu bekommen, fangen wir am anderen Ende an, sorgen für Besprechungen in den Medien, und bringen so die Leser dazu, sich die Bücher selbst zu bestellen. Daneben ist der Verkauf auf Lesungen auch nicht unwesentlich.“

Die Reaktionsfreudigkeit der Jugend

Finn-Ole Heinrich: `Räuberhände´. Copyright: mairisch verlagLiteratur reagiert auf Welt, und wenn sie jung ist, reagiert sie schnell. Derzeit reagieren die ganz Jungen in Verlagen wie mairisch auf den Alltag in der Krise. Das Cover des Erzählbandes von Andreas Stichmann spricht in der Hinsicht Bände. In Deutschland wird derzeit (offiziell) eine Zahl von 11 Prozent unter der Armutsgrenze Lebenden angegeben. Besonders von dieser neuen Armut betroffen sind Kinder und Jugendliche, da genügt sich die jüngste Literatur auch nicht mehr in der selbstbeschaulichen Dramatisierung des Medien-Prekariats.

In Finn Ole Heinrichs Erfolgsroman treten zwei Freunde eine Reise nach Istanbul an, aber innerhalb dieses Trips in eine gesuchte Freiheit finden sich immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit. Etwa zu Irene, der Mutter von Samuel, deren Schicksal als alleinstehende Mutter sie in den Alkohol getrieben hat. Sie gehört zu jenen, die man nicht nur in Deutschland vermehrt vor den Supermärkten und in Parkanlagen zu sehen und zu hören bekommt - und an denen man schnell vorbeizugehen pflegt. Die Lektüre bringt sie näher, die Literatur lässt sie Mensch werden. Ähnliche Figuren der sozialen Katastrophe finden sich auch in den Erzählungen der jüngsten mairisch-Literaturproduktion von Andreas Stichmann, was aber nicht heißt, dass diese jüngste Literatur keinen Biss hat, und Qualität.

Titel bei mairisch:

Finn Ole Heinrich: Räuberhände. Roman. 2007, 208 Seiten
Andreas Stichmann: Jackie in Silber. Erzählungen. 2008, 138 Seiten
Claes Neuefeind (Hg.): pressplay 2. mp3-CD, 24 Seiten booklett, 2008, 380 Minuten.

Martin Zähringer
freier Journalist, Berlin

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November 2008