P. Kirchheim Verlag

Aufklären, nicht nur erinnern: 30 Jahre P. Kirchheim-Verlag in München

Peter Kirchheim; Copyright: privat Peter Kirchheim; Copyright: privat "Man könnte ja alles machen!" sagt Peter Kirchheim. Hat er doch schon: Von Büchern zu Bioenergetik über Kunstbücher, Philosophisches und Sachbücher zur PISA-Debatte bis hin zu spanischer Prosa hat der Ein-Mann-Betrieb bereits alles veröffentlicht. Einem Grundsatz aber ist er stets treu geblieben: junge Autor/innen herausbringen.

Die Beatles neben Moby, Bücher über den Holocaust neben Bret Easton Ellis und dazwischen alte Lexika-Ausgaben: Eine Altbauwohnung mitten in München, vollgestopft mit Büchern, CDs und Filmen – das ist das Heim von Peter Kirchheim und gleichzeitig der Sitz seines Verlages. Ein Raum neben dem Wohnzimmer ist als Büro eingerichtet. Von hier führt Peter Kirchheim seine Geschäfte. Mehr als ein Telefon braucht er dazu nicht. Im Zeitalter der digitalen Technik und der kurzen Kommunikationswege sei es ja ziemlich egal, wo man sich befindet, meint der Münchner. Sein Zentrallager für die Auslieferungen hat er in Leipzig, die Internet-Seite gestaltet ihm sein älterer Sohn von Berlin aus. Sein Setzer, mit dem er seit etlichen Jahren zusammenarbeitet, lebt schon lange nicht mehr in München, und drucken lässt man sowieso am besten im Ausland. Organisation und Einstellung, wie man sie sich eher von jungen, unabhängigen Verlagen erwarten würde. Doch der P. Kirchheim-Verlag existiert bereits seit 30 Jahren.

Mit Achternbusch und Bioenergetik gestartet

Alexander und Leslie Lowen: Bioenergetik für Jeden; Copyright: P. Kirchheim Verlag
    Bioenergetik für Jeden
Eigentlich fing alles schon zehn Jahre früher, 1967, an. Da verlegte der gelernte Buchhändler Kirchheim zwei Bücher zum Test. "Die haben sich gar nicht schlecht verkauft. Das eine war ein Aphorismenband, der den Nerv der Leute getroffen hat. Von dem zweiten, Verhältnismäßig bösartige Betrachtungen eines Künstlers von einem Münchner Großindustriellen und Maler, hab' ich sogar eine zweite Auflage gemacht. Dann kamen so Kleinigkeiten, bis ich 1977 gesagt hab, so, jetzt will ich das auf professionellere Füße stellen."

Kirchheim, der außer der Buchhandelslehre auch noch ein Studium der Germanistik und Romanistik sowie ein Praktikum im Kunsthandel und ein Volontariat bei Piper absolviert hat, hatte kurz zuvor in Gauting bei München eine Buchhandlung aufgemacht. "Vom ersten Jahr an haben wir auch Lesungen veranstaltet, das war mir wichtig, dieser lebendige Ansatz von Literatur. Merkwürdigerweise hat sich dadurch aber nie eine Verbindung zum Verlag ergeben", sagt Kirchheim, "aber wohl auch, weil wir von Anfang an die beiden Zweige Verlag und Buchhandlung unternehmerisch getrennt haben. Denn das war klar, dass die Buchhandlung einen verlässlich ernähren kann, der Verlag nicht. Um den Verlag aber auf ein finanzielles Fundament zu stellen, haben wir gleich zu Beginn ein paar erfolgreiche Bücher gemacht. Das war zum einen von Alexander und Leslie Lowen Bioenergetik für Jeden; das haben wir als amerikanische Ausgabe schon sehr gut in der Buchhandlung verkauft, und da wollte ich frühzeitig die deutschen Rechte dran haben. Das andere ist eines von meinem Freund Herbert Achternbusch. Damit haben wir auch gleich die Richtungen festgelegt, die eine wissenschaftlich, die andere literarisch." Bioenergetik für Jeden ist bis heute das erfolgreichste Buch des Kirchheim-Verlags: 1978 erstmals erschienen, verkauft es sich nun in der 14. Auflage; zwischendrin lag die Lizenz bei Goldmann, wo auch drei Auflagen verkauft wurden.

Fokus junge Autoren

Katja Huber: Fernwärme; Copyright: P. Kirchheim VerlagDer Filmemacher und Autor Herbert Achternbusch war in den 1970er-Jahren noch ein junger Autor. "Bei den jungen Autoren ist mein verlegerisches und persönliches Interesse geblieben", sagt Kirchheim, auch wenn viele wie Werner Fritsch oder Helmut Krausser später zu großen Verlagen wechselten: "Das hat mich nur temporär entmutigt." Denn dann gab es ja wieder neue junge Autor/innen zu entdecken. Zuletzt war das die Radio-Journalistin Katja Huber, deren Russland-Roman Fernwärme sehr breit und überschwänglich wahrgenommen und 2006 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur ausgezeichnet wurde. Gerade ist ihr zweites Buch Reise nach Njetowa erschienen.

Katja Huber: Reise nach Njetowa; Copyright P. Kirchheim VerlagIn Münchner Kreisen und innerhalb der jungen deutschen Literaturszene kennt sich Peter Kirchheim aus und ist gut vernetzt. Mit den Machern des Berliner Verbrecher Verlag verbindet ihn sogar mehr als Kollegialität: "Wir haben ähnliche Vorstellungen von der verlegerischen Tätigkeit und interessieren uns für die gleichen Autoren, auch in politischer Hinsicht. Deswegen haben wir bei der diesjährigen Buchmesse in Leipzig zusammen ausgestellt." Doch auch sonst findet Kirchheim öfter mal eine "Perle" für den Buchhandel. So ist er der einzige, der von Rosa Chacel, die als eine der wichtigsten spanischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts gilt, drei von acht Romanen in Deutschland verlegt hat. Und von der ehemals in der DDR kontrovers behandelten Gabriele Stötzer, damals noch unter dem Namen Gabriele Kachold bekannt, hat er gerade das dritte Buch herausgebracht – neben dem PISA-Buch Bildung auf Finnisch von Michael Pfeifer und No Man's Land der Vietnamesin Duong Thu Huong. "Das Spektrum ist im Prinzip das eines großen Verlages", räumt Kirchheim ein. "Ich kann mich nicht bequemen, nur eine Sache zu verlegen." Allerdings hält er auch nichts von Festlegungen auf irgendwelche Spezialitäten, dazu hat er zu viele Kollegen im Laufe der Jahre scheitern sehen. Lieber steckt er dafür heute mehr Geld in die PR, damit die Bücher besser wahrgenommen werden. Dann kann er eben nicht mehr 10 Bücher pro Jahr machen wie früher, sondern nur noch vier. Die aber dafür richtig.

"Nicht nur erinnern, sondern auch aufklären"

Rosa Chacel: Teresa; Copyright: P. Kirchheim VerlagDenn für Peter Kirchheim ist das Bücher-Verlegen nicht nur ein Job, sondern auch eine zielgerichtete Aufgabe, wie er am Beispiel der Autorinnen Stötzer und Huber verdeutlicht. Ihn ärgert, dass "der Buchmarkt immer noch in höchstem Maße geteilt ist. Ich kriege hier kein Publikum für Gabriele Stötzer, während Sie in den Ost-Ländern damit offene Türen einrennen. Währenddessen brauch' ich mit Katja Huber dort nicht auftreten, trotz des Russland-Fokus' von ihr interessiert sich nur der Westen für diese Art von Literatur. In dieser Hinsicht ist der Verlag auf jeden Fall politisch, denn es geht mir nicht nur darum, zu erinnern, sondern auch aufzuklären."
Kerstin Fritzsche
ist Literaturredakteurin des hannoverschen Stadtmagazins STADTKIND und schreibt regelmäßig für verschiedene Medien über zeitgenössische Belletristik.

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Juni 2007

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