Poetenladen Verlag

Vom virtuellen zum gedruckten Wort – der „Poetenladen“

Illustrationen von Miriam Zedelius; © poetenladen/M. ZedeliusIllustrationen von Miriam Zedelius; © poetenladen/M. ZedeliusWährend andere Verlage nach Möglichkeiten suchen, ihr Publikum online zu erreichen, ging der Poetenladen den umgekehrten Weg: Aus der Website hat sich ein eigenständiger Verlag entwickelt. Dort erscheint das Literaturmagazin „Poet“. Obwohl noch recht jung, bekam es bereits den Hermann-Hesse-Preis zugesprochen.

Am Anfang war das virtuelle Wort. Ein Wort: Poetenladen. „Die Idee dahinter ist, dass man einen sehr hochrangigen Begriff wie ‚Poet‘ mit einem sehr alltäglichen Wort wie ‚Laden‘ verbindet“, sagt der Mann hinter der Poetenladentheke.

Von Krimskrams zur Flaniermeile

Illustrationen von Miriam Zedelius; © poetenladen/M. ZedeliusAndreas Heidtmann heißt der Ladenbesitzer, Herausgeber des Poet und Kopf des Teams, das seit 2005 die Website Poetenladen.de betreibt. Hier findet man unter anderem literarische Primärtexte mit einer Kurzbiografie ihrer Verfasser. Was als kleiner Kramladen mit 20 Autoren begann, ist mittlerweile eine Flaniermeile der Gegenwartsliteratur geworden: mit etablierten Autoren wie Elke Erb, Gerhard Zwerenz oder Peter Kurzeck und jungen Talenten. Unter ihnen die Open-Mike-Gewinner Judith Zander und Björn Kuhlig sowie die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Ulrike Almut Sandig.

Die Internetseiten locken nicht nur mit einem schlichten, klaren Layout und übersichtlicher Navigation, sondern auch mit zahlreichen Rubriken: Neben den Primärtexten finden sich Gespräche, Rezensionen, Kolumnen und Serien. Man kann sich leicht auf den Seiten festlesen, denn neben der Qualität besticht auch die üppige Fülle: laut Andreas Heidtmann rund 7.000 Einzelseiten, auf denen 500 Autoren ihre Primärtexte präsentieren. Im Schnitt seien es zwischen fünf und zehn Texte. Hinzu kommen rund 500 Rezensionen und weitere Artikel.

Qualität statt Masse

Illustrationen von Miriam Zedelius; © poetenladen/M. ZedeliusWährend andere Websites als Literatur-Discounter im Netz auf Massenware setzen und ungefiltert alles publizieren, achtet der Poetenladen auf Qualität. „Wir wollten nicht irgendwas im Internet machen, sondern etwas mit Anspruch.“ Darum, so Heidtmann, habe man sich für eine redaktionelle Auswahl entschieden.

In den Anfangszeiten hat der Poetenladen vierteljährlich einen mit 500 Euro dotierten Debütpreis vergeben. Er sollte die besten Talente anlocken: „Das hat sich auch rentiert: Viele unserer Debütanten haben weitere Preise bekommen und sind in Verlagen untergekommen.“ Doch nach zwei Jahren wurde die Redaktion mit Manuskripten überschwemmt: „Bei der letzten Ausschreibung nahmen 800 Leute teil, das konnten wir alles gar nicht mehr bewältigen.“ Deshalb wurde der Debütpreis eingestellt: „Er hat sich selbst überflüssig gemacht.“

Aber weiterhin ist die Zahl der Bewerbungen um einen Regalplatz im Poetenladen enorm: Nach Auskunft von Andreas Heidtmann flatterten in zwei Jahren rund 5.000 Manuskripte in die Redaktion. „Wir lesen, so viel wir können“, sagt der Chefredakteur. „Aber selbst wenn wir wollten, können wir nicht jeden Tag zwei Autoren online stellen.“ Denn auch diejenigen, die bereits im Poetenladen vertreten sind, erweitern ihre Präsenz. Ganz zu schweigen von der Pflege der weiteren Rubriken des Kulturmagazins. Darum erscheinen im Schnitt pro Woche ein bis zwei neue Autoren. „Unsere Auswahl ist schon sehr, sehr streng, oft sogar zu streng.“

Kundenansturm im Poetenladen

Andreas Heidtmann; © poetenladenDie Kundschaft dankt dem Team die strenge Auswahl und stürmt den Poetenladen: 3.000 Menschen kommen täglich. Mit dieser Zahl meint Andreas Heidtmann wirklich nur diejenigen, die länger verweilen und in verschiedene Regalfächer greifen. Alle, die nur flüchtig reinschauen, zählt er nicht mit. Über Google finden die meisten Leser den Poetenladen, oft ist er unter den ersten Treffern. „Deswegen sind die Autoren bei uns sehr zufrieden.“

Der Heidtmann’sche Poesiefachhandel ist kein Internetshop, bei dem die Kasse klingelt. Ganz im Gegenteil: Auf seiner werbefreien Website gibt es alles umsonst. Darum ist das Personal im Leipziger Kontor des Poetenladens auch übersichtlich. Ein dezentrales Netzwerk von Autoren macht die Arbeit, die meisten von ihnen „aus Leidenschaft“, wie Andreas Heidtmann das unentgeltliche Engagement nennt.

Der Weg in die reale Welt

Für die Qualität der Netzwerk-Arbeit spricht, dass immer mehr Verlage auf der Suche nach begabten Schriftstellern durch den Poetenladen stöbern. „Dann dachten wir, wenn schon die größeren Verlage nach Talenten bei uns fischen, dann können wir versuchen, mit unseren Jungautoren selber Bücher zu machen.“

So erschien im Poetenladen-Verlag 2006 die erste Ausgabe des hauseigenen Literaturmagazins. Die ersten drei Nummern hießen Poet-Mag, ab Nummer vier ist der Titel nur noch Poet. Die Illustratorin Miriam Zedelius garantiert mit ihren gezeichneten Covern einen hohen Wiedererkennungswert. Ferner erscheinen im Verlag Anthologien und Einzeltitel von Autoren wie Andreas Altmann, Thomas Böhme und Katharina Bendixen.

Der Hermann-Hesse-Preis

2010 wird der Poetenladen mit dem Calwer Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. Der mit 15.000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre verliehen und geht im Wechsel an einen Übersetzer und eine Literaturzeitschrift. Es ist der einzige Preis für Literaturzeitschriften in Deutschland. In ihrer Begründung erwähnt die Jury explizit auch die Website: „Poet und Poetenladen sind eigenständige Foren, die das jeweilige Medium spezifisch nutzen.“ Das Internetportal überzeuge mit seiner transparenten Struktur, die eine Entsprechung im „klaren Layout der gedruckten Ausgabe“ finde. „Zusammen bieten beide ein beispielhaftes Konzept für die Förderung und Verbreitung junger Literatur.“

Nun steht der Poet also in einer Tradition mit Zeitschriften wie Am Erker, Edit oder Sprache im technischen Zeitalter. Für Andreas Heidtmann ist das „eine große Ehre.“ Auch weil das Literaturmagazin sehr früh damit bedacht wird: „Wir sind ja jetzt erst bei der achten Ausgabe. Andere haben bereits 70 oder 80 Ausgaben gemacht.“ Die Auszeichnung ist ein Ansporn, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. „Das Magazin wird weiter ausgebaut, mit dem Preis haben wir eine gute Motivation und auch die Mittel dazu. Die Verlagerung wird stärker noch in die Realität gehen, es werden noch mehr Einzeltitel im Verlag erscheinen.“ Aber den virtuellen Anfängen wird Heidtmann treu bleiben. Er verspricht: „Der Poetenladen wird online deshalb nicht vernachlässigt.“

Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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