Verlag Tisch 7

Verlag Tisch 7

Bettina Hesse und Frank Niederländer, geschäftsführende Gesellschafter der Tisch 7 Verlagsgesellschaft Köln mbH; Foto: Rainer HolzBettina Hesse und Frank Niederländer; Foto: Rainer HolzVerlag Tisch 7 Verleger in Köln nennt sich ein junger Literaturverlag, der inzwischen in das vierte Jahr seines Bestehens geht. Etwa 15 Titel sind auf der Backlist. Die Verleger in Köln sind Frank Niederländer und Bettina Hesse, sie haben aber keineswegs nur Kölner Literatur zu bieten.

"Es geht weder um regionale Literatur noch um regionale Absatzschwerpunkte. Verleger in Köln deutet darauf hin, dass wir in Köln leben und arbeiten. Und das ist sicher etwas anderes, als wenn man in Berlin oder in Wien oder in Zürich Bücher macht." Soweit Frank Niederländer zum Verlegerstandort im reichen Erzbistum Köln. Niederländer ist aus einer PR-Agentur als Quereinsteiger ins Verlagsgeschäft gekommen, die promovierte Bettina Hesse war schon vor der Verlagsgründung als Lektorin, Publizistin und Agentin tätig. Wolfgang Mocks Roman Simplon aus dem letzten Jahr ist ihr erster Bestseller, und das ist für einen kleinen Verlag bedeutsam: "Natürlich, kein Programm lässt sich so genau planen, dass man von vorneherein die verkaufte Auflage exakt beziffern könnte und jeder Titel im Programm planmäßig seinen Break even erreichen würde. Positive Überraschungen sind daher erwünscht und in gewissem Umfang auch notwendig." Das junge Verlagsprogramm lässt sich gut überblicken, die positiven Überraschungen für die Leser sprechen aber sehr unterschiedliche Zielgruppen an. Im Hauptprogramm der Hardcover-Reihe findet sich internationale Prosa, die Reihe Nomaden eröffnet eine Experimentierbühne für Essays und Kurzprosa, man startet mit 3000-5000er Auflagen.

Die eigene Spürnase

Jochen Schimmang: Auf Wiedersehen, Dr. Winter. Erzählungen 2005, Copyright: Tisch 7 VerlagsgesellschaftAuffällig in der Hardcover-Reihe sind die kreativen Umschläge aus der Sabine Schrage Mediengestaltung in Köln. Der PR-Agent würde Unique Selling Point dazu sagen und weiß, dass man angesichts der überwältigenden Konkurrenz auf dem Buchmarkt auffallen muss. Die Oberfläche macht es natürlich nicht immer, eher schon eine gute Presse (die gibt's) und Namen wie Alban Nicolai Herbst, der erste Autor des Verlags. Mit Jochen Schimmang kommt anerkanntermaßen ein "künstlerisches und menschliches Potential, dem man gerne öfters begegnen würde" (NZZ), ins Programm In seinem Erzählband hat dann auch die Stadt Köln einmal einen Auftritt, eine Stadt, in der der einstigen Szenequeen Marlou der leider nie erreichte Flair der großen Welt um die Nase wehte."

Die Jungverleger wagen auch den Schritt aufs internationale Parkett: "Wenn wir fremdsprachige Titel machen - und das ist Teil der Verlagsphilosophie -, bemühen wir uns um Literaturen, die aus unserer Sicht im deutschsprachigen Raum unterrepräsentiert sind". Sie nehmen selten Literaturagenten in Dienst: "Wir verlassen uns eigentlich lieber auf die eigene Spürnase." Damit erspüren sie offensichtlich Romanliteratur, die besonders auf den großen Ich-Ton gepolt ist, wie etwa bei Daniel Benati oder bei Matias Grzegorczyk's Roman Wenn du schläfst aus den existentiellen Tiefen der Krankenhauswelt. Kunstvoller wird die Ich-Erzählung schon im sozialrealistisch-skandinavischen Roman An einer Axt vorbeischleichen von Beate Grimsrud, an dessen deutscher Edition immerhin Wolfgang Butt beteiligt war.

Reihe Nomaden

Matias Grzegorczyk: Wenn du schläfst. Roman. 2006; Copyright: Tisch 7 VerlagsgesellschaftDie Reihe Nomaden hat ein anderes Konzept: "Tisch 7 sieht die Nomaden-Reihe in ihrer besonderen Ausstattung und Gestaltung als Ausdruck der Beweglichkeit des Verlages und möchte mit ihrer Hilfe Raum schaffen für Texte, die sich engen Gattungsbegriffen entziehen - für Essayistisches, für Experimente und für Kurzprosa." Das klingt ja eher nüchtern, aber die Pornographische Novelle des bekannten Schweizer Autors Jürg Amann kann man durchaus als gelungenes Experiment bezeichnen, immerhin wurde sie mit dem Österreichischen Literaturpreis Floriana ausgezeichnet. Daniel Zano aus Basel legt mit seinen Prosastücken Im Hundumdrehen ein interessantes Prosaspiel um tierische Wahrnehmungen und Wahrnehmungen des Tieres vor, und in diesem Frühjahr ist ein Buch des Münchners Stefan Weigl angesagt, der mit seinem berühmten Hörspiel Stripped- Ein Leben in Kontoauszügen seine Eignung für experimentelle Formen schon bewiesen hat.

Independent ins TV?

Beate Grimsrud: An einer Axt vorbeischleichen. Roman. Aus dem Norwegischen von Julia Gschwilm. 2006; Copyright: Tisch 7 VerlagsgesellschaftEine klare Zukunftsprognose für kleine Verlage und damit für den Verlag Tisch 7 wagt Niederländer nicht: "Ganz eindeutig lässt sich diese Frage nicht beantworten. Die Konzentration im Handel bedeutet zwar einerseits, dass die literarischen Kriterien von den betriebswirtschaftlichen weiter in den Hintergrund gedrängt werden. Andererseits werden die Handelsstrukturen dadurch kalkulierbarer." Und deshalb stellt Niederländer optimistisch auch fest: "Wir werden wahrgenommen, unsere Neuerscheinungen werden in den Printmedien und im Hörfunk rezensiert. Ich wünsche mir allerdings, dass sich auch das Fernsehen stärker als bisher für uns und die gesamte Independent-Szene interessiert." Ob das nun der Gipfel literarischer Wirkungen ist? Sicher ist eins - Qualität setzt sich trotzdem durch.

Literatur aus dem Verlag Tisch 7:

Jochen Schimmang: Auf Wiedersehen, Dr. Winter. Erzählungen 2005, 202 Seiten
Beate Grimsrud: An einer Axt vorbeischleichen. Roman. Aus dem Norwegischen von Julia Gschwilm. 2006, 237 Seiten
Daniel Benati: Amerika gibt es nicht. Roman. Aus dem Italienischen von Marianne Schneider. 2005, 291 Seiten
Matias Grzegorczyk: Wenn du schläfst. Roman. 2006, 235 Seiten
Jürg Amann: Pornographische Novelle. 2005, 98 Seiten
Daniel Zahno: Im Hundumdrehen. 87 Variationen. 2006, 87 Seiten

Martin Zähringer
arbeitet als freier Journalist in Berlin

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
April 2007

Links zum Thema

Dossier: Vermittlung deutschsprachiger Literatur ins Ausland

Wer sind die Institutionen und Personen, die weltweit deutschsprachige Literatur ins Ausland vermitteln?

Begegnungen

Deutsche Autor(inn)en sehen die Welt.