Verlag Klaus Wagenbach

„Nicht groß, aber erkennbar“ – Verlag Klaus Wagenbach

Kein internationaler Medienkonzern konnte Klaus Wagenbach bisher aus der Reserve locken. Keine Klageschrift, etwa anlässlich der Grabrede für Ulrike Meinhof, konnte aus dem krummen Berliner Verlegerholz einen kaltschnäuzigen Büchermanager machen. Heute behauptet er nicht ohne Stolz, der höchstvorbestrafte lebende Verleger Deutschlands zu sein.

Das stimmt. Klaus Wagenbachs Karriere ist flankiert von Rauswürfen, Hausdurchsuchungen, spektakulären Anklagen und Abspaltungen. Doch er ist immer noch da, inzwischen hat seine dritte Ehefrau, die Lektorin Susanne Schüssler, die Verlagsführung übernommen. Im Gegensatz zu anderen Galionsfiguren des deutschen Verlagswesens hat Wagenbach seine Nachfolge beizeiten geregelt. Zu seinem achtzigsten Geburtstag in diesem Sommer waren sich alle Weggefährten einig: Er hat bundesrepublikanische Geschichte geschrieben mit Büchern, die sowohl für die Ausschweifungen des linksintellektuellen Milieus als auch für den Kunstsinn der späteren Toskana-Fraktionäre standen. Man fragt sich bei Klaus Wagenbach also unweigerlich: Hat man es mit einer bedrohten Dinosaurierart zu tun? Und wofür steht sie, die unrühmlich-berühmt gewordene Kultur des Wagenbach Verlags?

Zielscheibe der Springerpresse

Aus dem Erlös einer väterlichen Wiese im Hochtaunus gründete Klaus Wagenbach, der vorher Lektor bei S. Fischer gewesen war, dort aber wegen politischer Differenzen entlassen wurde, 1964 den Wagenbach Verlag. Zu seinen Unterstützern zählten Ingeborg Bachmann, Peter Rühmkopf und Günther Grass, doch spektakuläre Berühmtheit erlangte das kleine Berliner Verlagshaus mit der Veröffentlichung linker Kampfschriften. Von einigen hat sich ihr Verleger später distanziert; einnehmen ließ er sich vom politischen Furor ohnehin nie. Anarchist war er – das schon. Aber eher im Sinne einer denkerischen Freiheit, die bei aller Aufmüpfigkeit stets auch undogmatisch war, was ihm später von allen möglichen Seiten verübelt wurde: Den Linken war er nicht links genug; den „bürgerlichen Verlagen“ galt er als verzogener Rebell; vom politischen Establishment wurde ihm RAF-Sympathisiererei vorgeworfen. Immerhin erschienen in der politischen Rotbuch-Reihe Bücher von Che Guevara, Rudi Dutschkes Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen sowie Ulrike Meinhofs Bambule. Wagenbach wurde zur Zielscheibe der Springerpresse, dann regte sich die Staatsanwaltschaft und verurteilte ihn zu neun Monaten Haft. Die Kosten des Prozesses musste der Verlag tragen; Wagenbachs Anwalt war Otto Schily.

Den „Dumpfmuff der Linkshaber“ bekämpfen

Die eigenen Leute aus dem linksdogmatischen Lager waren es schließlich, die Klaus Wagenbach Mitte der siebziger Jahre vor die Tür setzten. Zur Neugründung gezwungen, konzentrierte er sich nun auf den belletristischen Sektor. Kritiker, die, wie damals unter Intellektuellen üblich, den „Tod der bürgerlichen Literatur“ propagierten, kreideten ihm das als Flucht in den unverfänglichen Trakt der schönen Künste an – zumal Wagenbach eine schwärmerische und für die 68er-Generation paradigmatische Liebe zu Italien entwickelte. Flankiert von Intellektuellen wie Carlo Ginzburg, Salvatore Settis oder Horst Bredekamp bekämpfte er den „Dumpfmuff der Linkshaber“ fortan mit ästhetischen Mitteln – und er machte Bücher, die seine Leser nicht nur lesen wollten, sondern vor allem lesen sollten.

Die Pflichten des Verlegers hatte Klaus Wagenbach einmal mit Hedonismus, Geschichtsbewusstsein und Anarchie benannt. Hedonismus definierte er als „Moment der Selbstbestimmung“; mit Geschichtsbewusstsein meinte er das Privileg der Literatur, immer wieder aufs Neue Geschichten über Menschen erzählen zu dürfen, ganz gleich ob die Linke in ihrer unsinnlichen Überheblichkeit darüber die Nase rümpfte; Anarchie wiederum meinte einen Zustand ohne Führer. Und das bringt uns zu Wagenbachs inzwischen über vierzig Jahre mehr oder weniger erfolgreich praktiziertem Geschäftsmodell.

Ein erfolgreiches Ding der Unmöglichkeit

Von Experimenten mit einer kollektivistischen, also auf Mitbestimmung grundierten Verlagsarbeit sind heute noch die egalitären Vergütungsprinzipien geblieben. Der aus zehn festen Mitarbeitern bestehende Wagenbach Verlag verschließt sich bis heute dem in den großen Publikumsverlagen üblichen Modell des Star-Autors – trotzdem hat Wagenbach etwa mit seiner Entdeckung Michel Houellebecqs auch hierzulande Stars gemacht. Und so lautet die kokette Selbstbeschreibung auf der Webseite: „Der Verlag ist unabhängig und macht davon Gebrauch, seine Meinungen vertritt er auf eigene Kosten. Er ist nicht groß, aber erkennbar. Seine Arbeit dient nicht dem Profit, sondern folgt inhaltlichen Absichten.“

Das sollte man einmal in seinem maßlosen Idealismus auf sich wirken lassen. Anders gesagt: Der Verlag war schon immer ein Ding der Unmöglichkeit. Im Westen galt Klaus Wagenbach als Kommunist; im Osten galt er als Kapitalist; sich selbst hat er einmal als „literarischen Patrioten“ bezeichnet. Und irgendwo dazwischen stehen die Bücher, mit denen er seit über fünfundvierzig Jahren beharrlich gegen die Stapelware des Buchhändler-Alltags kämpft. „Antizyklische Produktionsweise“ nannte Wagenbach seine Methode einmal. Vielleicht ist dies das Geheimnis seiner verlegerischen Nachhaltigkeit.

Katharina Teutsch
ist Autorin des FAZ-Feuilletons und arbeitet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. 

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November 2010

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