Weissbooks Verlag – Gelungene Feuertaufe

Risikofreudig? Waghalsig gar? Rainer Weiss und Anya Schutzbach nennen es ihren Lebenstraum: Die beiden ehemaligen Suhrkamp-Mitarbeiter haben in diesem Frühjahr mit ihrem eigenen Verlag Weissbooks das Premierenprogramm vorgelegt und damit große Aufmerksamkeit erregt. Nun geht es in die zweite Runde, in der sich zeigen dürfte, wie ihr Verlag von der Branche und vom Publikum angenommen wird.
In einem der großen Bürgerhäuser am Kaisersack – so nennt der Frankfurter die Schleuse zwischen Bahnhofsvorplatz und der berüchtigten Kaiserstraße mit ihren Bordellen – bieten glanzlose Schmuckgeschäfte ihre Glitzerware feil; in den oberen Etagen hingegen jonglieren Werber mit Millionen. Kein Ort der Kultur, möchte man annehmen. Aber im Gegenteil: Hier hat der Weissbooks Verlag seine Büroräume gemietet. Erst kürzlich ist man eingezogen; noch sind die Handwerker zugange, und wo die anderen Firmen im Eingangsportal mit polierten Messingschildern protzen, signalisiert ein provisorischer Computerausdruck, dass im dritten Stock "Weissbooks" die Produktion aufgenommen hat. Tritt man dort oben ans Fenster, kann man dem Verleger Klaus Schöffling im gegenüberliegenden Haus zuwinken: Frankfurt ist klein und im Kulturbereich sehr überschaubar.
Büchermacher mit Vergangenheit
Weissbooks ist das Projekt zweier Büchermacher mit Vergangenheit: Rainer Weiss, der 59-jährige Namensgeber, begann seine Verlagskarriere in den 80er Jahren beim Piper Verlag in München, bevor er von Siegfried Unseld zu Suhrkamp geholt wurde. Zuletzt war er Programmgeschäftsführer aller zu Suhrkamp gehörenden Häuser, bis es vor zwei Jahren zu einem Zerwürfnis mit der Witwe Unselds und neuen Verlegerin Ulla Berkéwicz kam: unerfreuliches Ende einer langen Liaison mit dem Verlagshaus. Die 44-jährige Anya Schutzbach leitete bei Suhrkamp zuletzt die Marketingabteilung. Im Frankfurter Westend liefen sich die beiden bei Spaziergängen über den Weg, und man tauschte sich darüber aus, wie es "nach Suhrkamp" weitergehen könnte. "Irgendwann merkten wir, dass wir sehr im Geheimen doch den gleichen Traum geträumt hatten, nämlich einen eigenen Verlag zu gründen." Ein halbes Jahr verging, bis aus der ersten waghalsigen Idee ein ausgereifter "Businessplan" wurde. "Wir haben uns in diesem halben Jahr nicht eine Sekunde gelangweilt", sagt Rainer Weiss, "und wir haben jede Sekunde genutzt, um rechtzeitig – und rechtzeitig hieß für uns im Frühjahr 2008 – auf dem Markt zu sein."
Beide Partner sind mit Eigenkapital an ihrem Verlag beteiligt – daneben gibt es private Geldgeber aus Deutschland und der Schweiz. Für drei Jahre ist so das Überleben gesichert; danach müssen schwarze Zahlen geschrieben werden. Ein Beirat wacht über die Geschicke; natürlich wollen die Geldgeber ihr Kapital gut angelegt sehen.
Lustvolle Namensfindung
Die Aufgabenverteilung innerhalb des Kleinverlags spiegelt die früheren Schwerpunkte wider: Während Anya Schutzbach sich vornehmlich um Verkauf, Marketing, Werbung, Produktion kümmert, ist Rainer Weiss mit Programm, Lektorat, Lizenzen und Pressearbeit beschäftigt. Eine strikte Trennung gibt es allerdings nicht: Natürlich diskutieren die Geschäftsführer auch über Manuskripte und die Herstellung der Bücher. Da verwundert es ein wenig, dass im Namen des Verlags nur einer der beiden auftaucht: "Ich habe so einen kleinen Kindertraum gehabt", sagt Rainer Weiss. "Ich dachte mir, wenn ich einmal einen Verlag machen würde, dann sollte der 'Weissbücher' heißen. Und jetzt, als es so weit war, fand ich Weissbücher schrecklich und muffig, und der Name 'Weiss Verlag' war belegt. Nach längerem lustvollen Überlegen landeten wir schließlich bei Weissbooks."Etwas radikal anderes
Der Name hat auch die Umschlaggestaltung des Schweizer Designers Fritz Gottschalk inspiriert: Ästhetisch versuchen die Bücher durch großen Minimalismus zu bestechen – der erste Entwurf sah gar einen puren weißen Umschlag ganz ohne Schrift vor. So weit ist man dann doch nicht gegangen. Nun läuft der schwarz gesetzte Verlagsname als Schleife um das weiße Buch herum, Autor und Titel sind dagegen verhältnismäßig klein gesetzt. Bilder oder Fotos gibt es nicht. Man müsse schon etwas radikal anderes machen, um auf dem Markt wahrgenommen zu werden, weiß Anya Schutzbach.
Das inzwischen zehn Titel umfassende Programm hat inhaltlich einen nicht gar so forciert-radikalen Anspruch: Man findet traditionelle Erzähler wie Andreas Höfele, ein viel gelobtes Debüt der Schweizer Autorin Jacqueline Moser, ein Nebenwerk von Marlene Streeruwitz und etwas, das Rainer Weiss als erzählendes Sachbuch bezeichnet: Im Frühjahr fielen unter diese Rubrik die Erinnerungen von Gisela Getty und Jutta Winckelmann. "Die Zwillinge" wirbelten mit ihren Liebes- und Lebensbekenntnissen im Rahmen der 68er-Nostalgie-Wochen durch die bunten Gazetten und Talkshows und bescherten dem Verlag damit ganz ordentliche Verkaufszahlen.
Feuertaufe bestanden
In diesem und anderen Fällen des ersten Programms gab es biographische Berührungspunkte zwischen den Autoren und Rainer Weiss – nun, da Weissbooks zumindest in der Branche seine Feuertaufe bestanden hat, weitet sich der Kreis. "Es gibt Schriftsteller wie Artur Becker, der zu uns gekommen ist und Weissbooks-Autor werden wollte", erzählt Rainer Weiss. "Im Falle von Marlene Streeruwitz war hingegen von vornherein klar: Sie gibt uns ein Buch, bleibt aber Autorin des S. Fischer Verlags. Wir erhalten viele aufregende Manuskripte, und wir könnten jetzt schon mehr Titel machen, als es uns gut täte." Im Moment tun zehn Titel pro Jahr gut, 2009 sollen es dann insgesamt 14 werden, gesteigert auf 18 im Jahr 2010.Bei Schutzbach und Weiss ist ein großer Enthusiasmus zu spüren – etwas Eigenes aufzubauen, setzt Kräfte frei. Gleichwohl wissen beide um das Wagnis, auf das sie sich eingelassen haben. "Was wir hier betreiben ist nicht nur Lebenstraum und romantische Vorstellung von der Verlegerei", sagt Anya Schutzbach, "sondern wir gründen eben auch ein Unternehmen, das gewissen marktwirtschaftlichen Gesetzen folgen und Umsatzzuwächse verzeichnen sollte. Plötzlich ist man eigenverantwortlich für das ganze System, den ganzen Organismus seines Verlags, und das ist eine große Herausforderung."
freier Journalist und Literaturkritiker für diverse Zeitungen und Rundfunkanstalten. Zuletzt veröffentlichte er als Mitherausgeber den Briefwechsel zwischen Peter Handke und Hermann Lenz, der 2006 unter dem Titel Berichterstatter des Tages im Insel Verlag erschienen ist.
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Juli 2008









