Verlag Das Wunderhorn

Verlag Das Wunderhorn – Poesie der Mischung

Eine lokale Linie berührt Heidelberg und seine (romantische) Geschichte, Judaica und Reiseliteratur stehen auf dem Programm, moderne deutsche Lyrik wird intensiv gepflegt, Kunst und Fotografie ergänzen die Literatur und eine bedeutende internationale Note kommt aus dem frankophonen und osteuropäischen Raum.

Seit 1978 gibt es den Verlag Das Wunderhorn in der Universitätsstadt Heidelberg. Ebenso lange sind Angelika Andruchowicz, Hans Thill und Manfred Metzner als Verlegerteam dabei. Der Verlag lebt von ihrem Engagement, ihre persönlichen Interessen und Vorlieben geben ihm sein Profil.

Gegen den Strich verlegt

Begonnen hat der Verlag Das Wunderhorn in Zeiten, als die Heidelberger Studentenszene sich ihre eigenen kulturellen Wege und Ausdrucksmöglichkeiten suchte. Der Name geht auf die 1805 in Heidelberg gedruckte Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim zurück, und mit der romantischen Reminiszenz war eine Abgrenzung zur politisch agierenden Verlagsszene jener Zeit markiert. Revolution war nicht angesagt im Verlagskollektiv, Anpassung aber auch nicht: "Wir haben uns mit den Romantikern identifiziert", so Angelika Andruchowicz – "auch sie haben gegen den Strich gelebt".

Qualität gegen Massenverdummung

Das Wunderhorn hat nun auch "gegen den Strich verlegt", was nicht sehr profitabel ist. Wie schon die frühen Romantiker waren die Verleger auf bürgerliche Brotberufe angewiesen - Hans Thill arbeitet als Übersetzer, Andruchowicz und Metzner als Rechtsanwälte, Metzner ist inzwischen hauptberuflich als Geschäftsführer des Verlags tätig. 280 Titel stehen in der Backlist, sämtliche Titel sind noch lieferbar und noch keiner wurde verramscht, und, so Manfred Metzner: "Wir werden an unserem Qualitätsanspruch festhalten - gegen den Trend zur Trivialisierung und Massenverdummung".

Kreation einer besonderen Mischung

"Die Poesie liegt auf der Straße", ist ein Motto des Verlages, und verlegerisch gesehen ergibt sich Poesie auch in der Kreation einer besonderen Mischung: neben dem Heidelberger Aufklärer Emil Julius Gumbel hat auch Felix Guattari Platz, neben Herbert Achternbusch und Jan Koneffke auch die "irren" Künstler und Dichter der Sammlung Prinzhorn, die seit 1985 bei Wunderhorn publiziert wird. Einen "Laden fürs Komplexe" nennt Hans Thill das Unternehmen Wunderhorn, und so verlegt man auch Kunst- und Fotografiebände, die mit Auflagen zwischen 1500 und 5000 Stück starten. Es geht um "ungewöhnliche Künstler, die keinen Mainstream verfolgen". Die erwähnten Prinzhorn-Künstler stehen im komplexen Laden zusammen mit den Fotografien von Pierre Verger und Phillippe Soupaults Frau Ré Soupault und verschiedenen Ausstellungs- und Künstlerkatalogen.

Lyrik im Netzwerk

Ein Verlagsspektrum kann also selbst poetisch sein - aber die Lyrik gehört schon dazu. In den Anfangszeiten waren sogar noch 1000er-Auflagen für Gedichtbände gängig, in den 1980er und 1990er Jahren lag man bei 350 Stück, heute steigen Erstauflagen bis auf 500 Stück. Die Lyrik überlebt mithilfe kultureller Netzwerkarbeit. Druckkostenzuschüsse gibt es zwar von keiner Seite, aber hin und wieder Garantieabnahmen von Institutionen und vom Künstlerhaus Edenkoben. In der Übersetzer-Werkstatt "Poesie der Nachbarn" des Künstlerhauses Edenkoben erarbeiten jedes Jahr jeweils 6 Dichter eines Gastlandes mit 6 deutschen Dichtern in einwöchigen Arbeitstreffen intensiv diskutierte Übersetzungen. Die entsprechende Publikationsreihe "Poesie der Nachbarn" wurde von Gregor Laschen begründet und herausgegeben, die ersten 17 Bände noch in der "Edition Die Horen". Seit 2004 erscheint diese Reihe beim Verlag Das Wunderhorn unter der Leitung von Hans Thill.

Mit dem Künstlerhaus Edenkoben und dem Kultusministerium Rheinland-Pfalz gibt es seit 1995 eine Kooperation in Sachen Lyrik: das Künstlerhaus vergibt Stipendien an Autoren, und Michael Buselmeier gibt beim Verlag Das Wunderhorn die "Edition Künstlerhaus" heraus - jährlich erscheinen zwei bibliophile Bände mit Gedichten, Kurzprosa oder Reportagen. Jeder vierte Band dieser Reihe ist einem ausländischen Lyriker gewidmet, womit der Verlagstradition des anspruchsvollen literarischen Übersetzens entsprochen wird. Der Däne Joergen Sonne wurde erstklassig von Hans Grössel übersetzt, der Norweger Terje Johanssen vom einschlägig berühmten Wolfgang Butt; die Bulgarin Mirela Ivanova (Deutsch: Norbert Randow), der Ungar Márton Kalász (Deutsch: Julia und Robert Schiff) und der Rumäne Petre Stoica (Deutsch: Johann Lippet) führen in die neue osteuropäische Lyrik ein.

Frankophon global

"Erneuerung kommt aus der Peripherie, nicht aus der Metropole", ist Manfred Metzners Überzeugung, und so reicht das frankophone Programm des Verlags von Paris (Apollinaire, Leiris, Sollers, Soupault) bis nach Nordafrika und in die Karibik. Der Dichter und Kulturtheoretiker Édouard Glissant aus Martinique ist der Kronzeuge dieser Tendenz. Er wirbt in seinen poetisch-theoretischen Traktaten und Romanen für eine "Poetik der Vielheit" und erreicht mit seiner Theorie komplexer Kulturen international ein großes Publikum. Beate Thill hat ihn engagiert übersetzt, so dass er in deutscher Sprache inzwischen mit acht Bänden in Heidelberg vorliegt. Der maghrebinische Autor Abdelwahab Meddeb trifft mit seinem Thema Die Krankheit des Islam - wie ein Wunderhorn-Erfolgstitel heißt - einen anderen Nerv der Zeit, und ein dritter Schwerpunkt mit einer Werkausgabe ist dem 1991 verstorbenen Surrealisten Philippe Soupault gewidmet.

Bücher aus dem Verlag:

  • Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam. Dt. Beate Thill und Hans Thill. 2002, 256 S.
  • Phillippe Soupault: Die Reise des Horace Pirouelle. Roman. Dt. Manfred Metzner. 1992, 82 S. (und Werkausgabe in 10 Bänden)
  • Manfred Metzner (Hg.): Ré Soupault-Phillippe Soupault. Portraits. Fotografien 1934-1942, 2003, 100 S. (und Werkausgabe in 3 Bänden)
  • Édouard Glissant: Traktat über die Welt. Dt. Beate Thill, 1999, 237 S.; ders.: Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Dt. Beate Thill. 2005; 86 S. (und Werkausgabe bis jetzt 8 Bände)
  • Hans Thill (Hg.): Vorwärts, ihr Kampfschildkröten. Gedichte aus der Ukraine. 2006, 185 S.
  • Michael Buselmeier (Hg.): Der Knabe singts im Wunderhorn. Romantik heute. 2006, 222 S.
  • M. Metzner/M.M. Thoss (Hg.): Pierre Verger - Schwarze Götter im Exil. Fotografien. 2004, 352 S., 415 Abb.

Martin Zähringer
freier Journalist, Berlin

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Oktober 2006

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