Literaturmedien in Deutschland

BELLA triste - ein Magazin für junge deutsche Literatur

Im Herbst 2001 erschien die Nr. 1, herausgegeben von Studierenden des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Inzwischen ist man bei Nummer 14 angelangt, es gibt jährlich drei Ausgaben mit etwa je 70 Seiten und einer Auflage um die 1000 Stück.

Das Projekt wird mit wechselnden Fördermitteln finanziert, getragen wird es vom Enthusiasmus von Lin Franke, Matthias Karow, Florian Kessler, Julia Therre und Katrin Zimmermann, dem derzeitigen studentischen Herausgeberteam. Ihre Freude an der jungen Literatur ist auch zu einem festen Leserstamm durchgedrungen, und in der deutschen Presse wird das Medium für die jüngste Autorengeneration positiv aufgenommen. Die Scouts der deutschen Verlage nehmen diese freie Quelle bei ihrer Suche nach neuen Autoren sowieso dankend wahr.

Gemischtes Konzept

BELLA triste ist ein Forum für die jüngste Autorengeneration. Naturgemäß findet man Prosa und Lyrik von Studenten des Instituts, aber auch andere aufstrebende Schriftsteller kommen zu Wort. Die Herausgeber überblicken die gesamte Szene der jüngeren Literatur und drucken Siegerbeiträge des Berliner Wettbewerbs Open Mike ebenso wie Texte von Autodidakten - man will ein Forum für experimentierwillige, risikobereite Literatur sein. Auch die Erfahrung älterer und bekannter Kollegen unter den Jungautoren wird nicht verschmäht, Namen wie Juli Zeh, Ulrike Draesner, Marcel Beyer oder Daniel Kehlmann gehören ebenso dazu wie der taz- Redakteur Gerrit Bartels oder der Spex- und FAZ-Redakteur Dietmar Dath. So findet man in der Rubrik lux interessante Theoriebeiträge zur neueren deutschen Literatur, in der Rubrik phon werden Kritiker, Journalisten und professionelle Literaten zu ihrer Sicht der Dinge befragt. Außerdem erproben in jeder Nummer verschiedene bildende Künstler ihr Talent, und auch hier gibt es erfrischende Ergebnisse, die das Heft zu einer interessanten Lektüre werden lassen. BELLA triste ist neben der Leipziger Entdeckerzeitschrift EDIT das wichtigste Organ für die jüngste Autorengeneration, zumindest für jene, die das Schreiben in akademischer Obhut erlernen will.

Probebühne der Schreibschulen

Die so genannte "Schreibschulenliteratur" hat hier eine offene Probebühne, in der sich verschiedenste Ansätze und Ideen tummeln können. Sie hat aber auch Kritiker. Das Bild vom begabten Schriftsteller, der sein Talent allein und gegen alle Widerstände durchsetzt, gehört noch zum gängigen kulturellen Klischee im Land der Dichter und Denker. Für den Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist es natürlich keine Frage, dass man das Handwerk des Schreibens vermitteln kann. Ortheil hat den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim gegründet und bekam schließlich sogar eine C-3 Professur angeboten. Handwerk ist durchaus erlernbar, beim zu formenden Material sieht es schwieriger aus. So wird den Texten aus den Schreibschulen auch eine gewisse Inhaltsarmut angelastet. Da trotz gewünschter Risikobereitschaft meist die Lebenserfahrung der jungen Studenten der Ausgangspunkt für die Schreibversuche bleibt, ergibt das etwas begrenzte Themenfelder. Wenn die Absolventen dann gedrängt auf dem Markt erscheinen, wird hin und wieder eine gewisse Krise im Feld der jungen deutschen Literatur heraufbeschworen.

Gelassenheit im Literaturlabor

In BELLA triste spielt diese Krise der Gleichförmigkeit allerdings noch keine große Rolle. Junge Literatur kommt von jungen Menschen, und die sind noch weitgehend unberührt von den Fatalitäten des Literaturbetriebs. Das Experiment steht im Vordergrund, die Lust an der Form, persönliche oder berufliche Eitelkeiten und Konflikte spielen weniger eine Rolle. Man spürt eine sympathische Gelassenheit nicht nur in den Textversuchen, auch die kritischen und theoretischen Beiträge bewegen sich in einer sachlichen und konstruktiven Atmosphäre. Erklärtes Ziel des Unternehmens ist durchaus die Anbindung an den Literaturbetrieb, und etliche der Aspiranten haben den Sprung in große Verlage geschafft. Zum Beispiel Ingo Niermann, Simona Sabato, Ute-Christine Krupp und Jo Lendle publizierten bei Suhrkamp, Michael Angelmi und Ricarda Junge bei S. Fischer, Mariana Leky bei DuMont, Björn Kern bei C.H. Beck. So blickt man als Beiträger der Zeitschrift und/oder Debütant schon gespannt nach vorne, und wenn die Karriere geklappt hat, dann blickt man sicher auch gerne zurück. Es gibt im Deutschen den kühl-melancholischen Begriff "Lebensabschnittspartner" für die vergangenen Lieben - in diesem Sinn sind die jungen Texte in BELLA triste so etwas wie "Lebensabschnittsliteratur" einer Epoche.

Prosanova - Begeisterung und Leidenschaft

BELLA triste ist das publizistische Element einer lebendigen Szene um die Hildesheimer Schule. Im Mai 2005 feierte man zum ersten Mal mit 55 Autoren ein großes Literaturfest, das unter dem Namen Prosanova Tradition werden soll. In einem fast abbruchreifen Möbelhaus wurde das zentrale Forum etabliert, wo sich auch bereits etablierte Größen der jüngeren deutschen Literatur einfanden. Tanja Dückers, Kathrin Röggla und Thomas Meinecke diskutierten, Peter Weber, Jenny Erpenbeck und Uwe Tellkamp lasen. Besonders interessant ist, dass einige der Autoren in die größte Kleingartenkolonie Niedersachsens im Osten Hildesheims zogen, um den Kontakt zur Basis zu suchen. Eine ausgezeichnete Idee! Die junge Szene schreibt sich Begeisterung und Leidenschaft auf die Fahnen, statt Ellenbogenmentalität und Karrieresprung, und wenn sie der Elan bis in deutsche Schrebergärten trägt, dann könnte erfrischter Geist aus frischer Luft (esprit) auch vermehrt einmal in der deutschen Literatur ankommen.
Martin Zähringer
ist freier Journalist in Berlin.

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Juni 2006

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