Jakob der Lügner – ins Hörmedium umgesetzt

Jurek Becker (1937–1997) hat mit seiner Figur Jakob der Lügner eine Medienikone des Holocaust geschaffen. Sie entstand als Treatment für die DEFA, wurde 1965 Drehbuch, 1969 ein Roman der DDR, erst 1974 zum DEFA-Film und 1976 in einer Autorenlesung zur Stimme der Authentizität.
Auf den deutsch-jüdischen Philosophen Theodor W. Adorno geht der Ausspruch zurück, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch. Die Wahrheit des Holocaust und alle Versuche ihrer ästhetischen Erkenntnis schlössen sich aus. Aber es wurden sogar Gedichte über Auschwitz möglich, vielleicht sogar auf Grund von Auschwitz, wie der Germanist Peter Szondi meinte. Paul Celan hat mit seinem Gedicht "Todesfuge" dafür gesorgt, dass der Tod als Nazi-Meister aus Deutschland in der lyrischen Weltwahrnehmung unvergessen bleibt, auch Nelly Sachs hat Gedichte über das Mordsystem verfasst.
Dimensionen einer Medienikone
Jakob der Lügner von Jurek Becker hat in diesem Sinn eine beispielhafte mediale Wirkung erfahren. Die Geschichte von Jakob Heym, der den im Ghetto isolierten Juden durch Lügengeschichten vom nahen Untergang der Deutschen Hoffnung macht, ist erfunden. Sie hat jedoch Wurzeln in Jurek Beckers Lebensgeschichte, der das Ghetto von Lodz und die Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen als jüdisches Kind überlebt hat. Jakob der Lügner ist dennoch nicht als Autobiografie, sondern als Geschichte zum Thema Hoffnung gedacht.1965 wurde die Idee als Drehbuch für die DEFA umgesetzt, wo man sich aus politischen Gründen zunächst nicht für die Realisierung entschließen konnte. 1969 veröffentlichte der Aufbau Verlag in Berlin und Weimar den Roman Jakob der Lügner, der auch bald in der BRD erschien, der DEFA-Film in der Regie des prominenten DDR-Regisseurs Frank Beyer kam erst 1974 und wurde als erste und einzige DDR-Produktion jemals für den Oscar nominiert. 1999 hat auch Hollywood das Buch verfilmt und es in eine überseeisch-ästhetische Tradition gestellt, die zum Beispiel starke Schauspielerpräsenz (Robbie Williams) verlangt und auf religiös motivierte Zugänge gegenwärtiger Holocausterzählungen setzt. Bei einem katholischen Buchverlag wurde vor kurzem das Spektrum mit einem Comic Jakob der Lügner erweitert.
Stimme und Zeugenschaft
Eine besondere Rolle im multimedialen Geschehen Jakob der Lügner spielt jedoch das Hören. In der 1976 vom Autor stark, aber selbst gekürzten und gelesenen Romanfassung für den DDR-Rundfunk und das Label Litera beim VEB Deutsche Schallplatten fiel vor allem der lakonische und doch eindringliche, kaum dramatisierte Ton des Vortrags auf. Dennoch liegt gerade in dieser Sprechweise und in der Unangreifbarkeit dieser Stimme die ganze Tragödie des Zivilisationsbruches: diese Stimme ist ein Beweis, die erinnerte Präsenz. Als der Münchner Hörverlag im Sommer 2007 zum 70. Geburtstag Jurek Beckers das Hörbuch Jakob der Lügner auf CD herausgab, fand dieses Ereignis auch eine unerwartet starke Resonanz in den Feuilletons. Von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Die Zeit und Süddeutsche Zeitung bis zu verschiedenen Regionalzeitungen wie dem Münchner Merkur, der Freien Presse oder der Rheinischen Post wurde das Hörbuch positiv besprochen.Adaptionen in der Tonspur
Eine freiere Bearbeitung erfuhr Jakob der Lügner beim WDR 5 im Jahr 2002 in einer stark gekürzten und nacherzählten Fassung von Georg Wieghaus, in der nur noch wenige Sätze mit dem Text des Romans übereinstimmen. Hier entsteht eine Art Zwischenmedium von Text und Film bzw. Drehbuch. Das Ergebnis ist eine ganz neue, eigenständige Version, die inzwischen als Hörbuch beim Hörbuchverlag und Tonstudio headroom in München vertrieben wird und unter anderem zeigt, wie die nachhaltige Strategie der Mehrfachverwertung öffentlich-rechtlicher Produktionen umgesetzt wird. Die setzt sich bis ins Schulwesen fort. Beim Berliner Lernmittelverlag Cornelsen wurde Jakob der Lügner auf der Grundlage der Suhrkamp Basis Bibliothek schon 1996 als Audiobuch in 2 Kasetten und auf CD ins Hörmedium umgesetzt.Plädoyer für die Literatur
Der Roman Jakob der Lügner wurde 1969 erstmals bei Aufbau Berlin und Weimar in der DDR publiziert und wird heute in der Bibliothek Suhrkamp und in anderen Auflagen verbreitet. Er wurde unter anderem mit dem Heinrich-Mann-Preis der DDR und dem Schweizer Charles-Veillon-Preis ausgezeichnet. Auch wenn der Roman auf ein Film-Treatment zurückgeht und als Film gedacht war, kann doch konstatiert werden, dass erst die Romanlektüre die ganze Dimension der Erinnerung im ästhetischen Spektrum dieser Holocausterzählung erkennbar macht. Jurek Becker wurde ja auch nicht ganz ohne Grund in der Folge Romanautor. Sein Jakob allerdings ist eine Medienikone geworden.
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freier Journalist, Berlin
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Januar 2008










