Buchmessen, Verlage und Institutionen in Deutschland

Fairlag – ein Aktionsbündnis für faire Verlage

Logo von Fairlag; © Aktionsbündnis für faire VerlageLogo von Fairlag; © Aktionsbündnis für faire Verlage2008 haben sich die Autorenverbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Aktionsbündnis Fairlag zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie über die Praktiken von Zuschussverlagen aufklären.

Immer wieder erreichen Imre Török, den Bundesvorsitzenden des Verbandes deutscher Schriftsteller (VdS), Anfragen von Berufseinsteigern, die ihr Manuskript einem Verlag angeboten haben – und nun laut Vertrag 8.000 Euro oder mehr zahlen sollen.

„Dann müssen wir zunächst aufklären, dass das nicht üblich, sondern übel ist“, sagt Török. In der seriösen Praxis müsse man ein Manuskript oft verschiedene Male anbieten und unter Umständen überarbeiten, bis ein Verlag zusage. „Dann handelt man das Honorar aus, das Manuskript wird lektoriert, gedruckt und kommt als Buch auf den Markt“, erläutert Török, der selbst Autor ist.

Bis zu 40.000 Euro Autorenzuschuss

Website von Fairlag; © Aktionsbündnis für faire VerlageVerlage, die Autoren für eine Buchveröffentlichung zur Kasse bitten, kehren dieses Verlagsprinzip um. 22 deutsche, österreichische und schweizerische Autorenverbände und Literatureinrichtungen haben sich deshalb im Frühjahr 2008 zum „Aktionsbündnis für faire Verlage“ (kurz: Fairlag) zusammengeschlossen. Heute sind es bereits mehr als 50 Bündnispartner. Mit Fairlag wolle man ein deutliches Zeichen gegen die Zuschussverlage setzen, sagt Tobias Kiwitt, Vorstandssprecher des Bundesverbandes junger Autoren und Autorinnen (BvjA).

„Das sind die Verlage, die zum Teil in der Öffentlichkeit als Pseudoverlage bezeichnet werden“, erläutert Török. Diesen Pseudoverlagen gehe es weniger um echte Verlagstätigkeiten als vielmehr darum, möglichst viele Autoren zu bekommen, die für ihre Buchveröffentlichung teils sehr hohe Geldbeträge zahlen müssten. Die Autorenverbände berichten von Verträgen von bis zu 40.000 Euro. „Manche solcher Verlage führten gar Abmahnungen, Klagen und Strafanzeigen gegen Kritiker durch“, sagt Kiwitt.

Prominente Unterstützer

Imre Török; © privatAls die Idee für Fairlag entstand, stellte sich schnell heraus, dass das Thema auch in Österreich und der Schweiz auf Interesse stieß. Török ist sehr zufrieden über die Geschlossenheit im deutschsprachigen Raum: „Das ist in der Nachkriegsgeschichte ziemlich sicher das erste Mal, dass so eine breite Zusammenarbeit zwischen allen nennenswerten Autorenverbänden und Autorenvereinigungen stattfindet.“

Anlässlich seiner Gründung veröffentlichte das Aktionsbündnis die sogenannte Fairlag-Erklärung, die die Praxis der Zuschussverlage erläutert und vor Gefahren warnt, die auf Autorinnen und Autoren bei Vertragsabschluss lauern. Seit dem Zusammenschluss treffe man sich mindestens einmal im halben Jahr zu Arbeitstreffen und arbeite eng in der Koordination zusammen, beschreibt Kiwitt die Arbeit von Fairlag. Neben den Autorenverbänden unterstützen zahlreiche Autoren das Aktionsbündnis. Zu den 25 Erstunterzeichnern zählen unter anderem die Schriftsteller Elfriede Jelinek, Günter Grass, Tanja Kinkel und Rafik Schami.

Tipps für Einsteiger

Webauftritt der 42erAutoren e.V.; © 42erAutoren e.V.Sowohl eine fundierte Lektorierung als auch der Vertrieb sind in vielen Zuschussverlagen mit einem riesigen Fragezeichen zu versehen. „Aus diesen Gründen sind viele Buchhandlungen skeptisch, wenn sie Bücher aus Selbstzahlerverlagen beziehen sollen“, weiß Török. Diese Bücher würden kaum im Buchhandel angeboten.

Aber eine Publikation in einem Zuschussverlag kann auch noch weitere negative Folgen für eine Autorin oder einen Autor haben. Kiwitt befürchtet, dass Talente durch die zweifelhafte Praxis solcher Unternehmen nicht entdeckt und angemessen gefördert werden: „Es sind durchaus gute Autoren unter den Veröffentlichten, die nur einmal ein vernünftiges Lektorat bräuchten.“ Das Bündnis rät Einsteigern, genau hinzusehen. Sie sollten vergleichen, welche Möglichkeiten der Markt bietet und keine Unsummen zahlen.

Aktion Rico Beutlich

Offener Brief von Fairlag; © Aktionsbündnis für faire VerlageEinen bemerkenswerten Beitrag zur Aufklärung leisteten jüngst Mitglieder der Autorenvereinigung „42er Autoren“, die Fairlag unterstützt. Die Autoren erfanden die Figur des 42-jährigen Rico Beutlich, einem Krankenpfleger aus Dresden. Beutlich ist zwar fiktiv, sein Roman wurde aber tatsächlich an sechs Zuschussverlage in Deutschland und Österreich verschickt.

Das Manuskript bestand „zunächst aus zehn Seiten selbstgeschriebenem Murks“, sagt Michael Höfler von den 42er Autoren. Die übrigen 832 Manuskriptseiten kopierten Rico Beutlichs Erfinder aus frei verfügbaren Texten weitgehend klassischer Herkunft zusammen. „Alle circa fünf Seiten fügten wir eine blödsinnige Überschrift ein, die halbwegs mit dem versprochenen Plot zu tun hatte“, erzählt Höfler. Mit dieser Aktion wollten die 42er Autoren „untersuchen, ob die angeschriebenen Pseudoverlage irgendeinen Qualitätsanspruch haben.“

„Interessanterweise gab es in unserer Gruppe einige, die sagten, Anschreiben, Exposé und Textprobe seien derart dämlich, legasthenisch und grammatikalisch falsch, dass uns das niemand abkaufen werde“, sagt Höfler. Sie hatten unrecht. Denn fünf von sechs angeschriebenen Verlagen lobten Beutlichs Manuskript und wollten es – gegen Bezahlung – in ihr Programm aufnehmen.

Bücher aus Mist

Imre Török vom Verband deutscher Schriftsteller lobt die Aktion der 42er Autoren: „Sie hat sehr schön gezeigt, wie solche Pseudoverlage oft arbeiten. Sogar wenn man ihnen den letzten Mist zuschickt, antworten sie sofort, dass sie ein Buch daraus machen wollen. Ein seriöser Verlag würde nie so vorgehen.“

Auch bei Fairlag gab es eine weitere Aktion. In einem offenen Brief zur Frankfurter Buchmesse 2009 fordert die Initiative unter anderem, die Zuschussverlage aus Verlegerverbänden wie dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels auszuschließen. Vor allem wäre wichtig, dass diese nicht mehr auf Messen werben dürften, erläutert Kiwitt. Letztlich wäre das ihre Hochsaison.

Damit das nicht so bleibt, will Fairlag weiter aufklären und informieren. Török geht davon aus, dass das Aktionsbündnis noch viele Jahre arbeiten wird – und muss.

Andrea König
arbeitet als freie Journalistin und Autorin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Dichterwettbewerb „Auf Gerhart Hauptmanns Spuren“

Internationale Ausschreibung aus Anlass des 150. Geburtstages und des 100. Jahrestages von der Verleihung des Nobelpreises an Gerhart Hauptmann

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Unabhängige Verlage

Sie entdecken und fördern junge Talente, leisten Pionierarbeit in der Übersetzung unbekannter Literaturen und entwickeln lokal gewachsene oder subkulturelle Literaturprogramme.

kutub:na

Neue Bücher für die arabische Welt