Buchmessen, Verlage und Institutionen in Deutschland

Kampf für Literaturübersetzer in Europa: PETRA

PETRA-Bild; © PETRAPETRA-Bild; © PETRA

„Brückenbauer“ werden die literarischen Übersetzer genannt. Doch ihre finanzielle Situation entspricht leider gar nicht dieser Wertschätzung. PETRA, ein Projekt von fünf europäischen Literaturinstitutionen, will dies ändern. Ein Kongress in Brüssel gab Ende 2011 wichtige Impulse.

Wer wollte daran zweifeln, dass Übersetzer eine zentrale Rolle für das europäische Bewusstsein spielen? Aber dennoch ist es so, dass „die große Mehrheit der europäischen Literaturübersetzer an oder unter der Armutsgrenze lebt“. Das sagt Holger Vock, Vizepräsident des Rats der europäischen Literaturübersetzerverbände (CEATL). Obwohl in keine andere Sprache so viel übersetzt wird wie ins Deutsche, sind selbst die Arbeitsbedingungen in Deutschland alles andere als rosig.

Jürgen Jacob Becker ist Geschäftsführer des Deutschen Übersetzerfonds. Er nennt ernüchternde Zahlen: Im Schnitt mache ein literarischer Übersetzer in Deutschland einen Monatsumsatz von 2.000 Euro. Davon würden für die Freiberufler noch Steuern, Sozialversicherungen und Bürokosten abgezogen. „Das reicht kaum zum Leben“, sagt Becker.

Logo von PETRA; © PETRA Die Honorare für die Übersetzer sind laut Becker in den letzten Jahrzehnten kaum gestiegen, für eine Normseite würden heute 21 Euro gezahlt. Ungleich schlechter sei die Situation in kleineren osteuropäischen Ländern, wie zum Beispiel Albanien: „Da sind die Übersetzer dem Markt völlig ausgeliefert. Sie müssen für zwei Euro die Seite übersetzen und das ist nicht gerade gut für die Qualität.“

„Was kann die EU für euch tun?“

Um das zu ändern, wurde von fünf Literaturinstitutionen ein Projekt gestartet, das sich PETRA nennt und dessen Kongress Jürgen Jacob Becker 2011 mitorganisiert hat. PETRA ist das Kürzel für „Plateforme européenne pour la Traduction littéraire“, auf deutsch: „Europäische Plattform für Literaturübersetzungen“. Geboren wurde die Idee während eines Übersetzungs-Kongresses, der 2009 von der Europäischen Union (EU) veranstaltet wurde. „Liebe Übersetzer, macht mal Vorschläge: Was kann die EU für euch tun?“, sei da laut Becker an die Betroffenen als Aufruf ergangen.

Jürgen Jacob Becker; © privatDie Literaturorganisation Passa Porta aus Brüssel hat darauf die Initiative ergriffen, PETRA zu gründen – und zwar mit dem Literarischen Colloqium Berlin, dem polnischen Buchinstitut, der Slovak Literary Translators‘ Society und dem Online-Magazin Transeuropéennes. Finanziert wird das Netzwerk zur Hälfte von der Europäischen Union. Den Rest tragen die Partnerorganisationen, unterstützt von Stiftungen wie beispielsweise der S.-Fischer-Stiftung, der Robert-Bosch-Stiftung oder Pro Helvetia.

Erfahrungen, Kontakte, Vorbilder

Das Herzstück des auf zwei Jahre angelegten PETRA-Projekts ist ein Kongress in Brüssel, der im Dezember 2011 stattfand. Dabei trafen sich 180 Teilnehmer aus ganz Europa, um über Möglichkeiten und Perspektiven für Literaturübersetzer zu diskutieren. Erfahrungen wurden ausgetauscht, Kontakte geknüpft und „Best Practice Modelle“ vorgestellt. Dazu gehört zum Beispiel die „Weltlesebühne“, ein Zusammenschluss von Übersetzern aus Deutschland und der Schweiz. In Veranstaltungen machen sie das Übersetzen selbst zum Thema und stehen im Mittelpunkt, statt nur als Dolmetscher der Autoren zu fungieren. Selbstbewusst sehen sie sich als „Co-Autoren“.

PETRA-Kongress in Brüssel; © PETRA/Johann van Eycken

Als vorbildlich gelten in Europa auch die skandinavischen Länder, in denen „die Verwertungsgesellschaften immer noch was drauflegen auf das Honorar“, wie Jürgen Jacob Becker lobt. Oder auch die Niederlande: „In Holland bekommt man zum Übersetzerhonorar meistens noch die gleiche Summe als Fördersumme vom Literaturfonds dazu“. Gerade für die Länder, wo es nicht so rosig aussehe, seien durch die Best-Practice-Modelle frische Impulse gekommen. In Polen beispielsweise habe sich erst vor einigen Jahren ein neuer Übersetzerverband gegründet. „Für die polnischen Kollegen war der PETRA-Kongress wichtig, um Ideen aufzunehmen und zu sehen, was an Aktivitäten da ist und an welchen Modellen man sich orientieren kann.“

Einige Forderungen wurden bereits auf dem Kongress auf ihre Realisierbarkeit abgeklopft. Mit einem ehemaligen EU-Kommissar habe man über erste Ergebnisse der Arbeitsgruppen sprechen können, berichtet Becker. So hatte sich beispielsweise Holger Vock vom CEATL einen „Europäischen Fonds für Literaturübersetzung“ gewünscht. Doch das sei nicht mit dem Subsidiaritätsprinzip der EU vereinbar, so der Ex-Kommissar. Denn die Förderung von Übersetzern wird als eine nationale Aufgabe angesehen. Auch wenn es für einzelne Projekte durchaus EU-Fördergelder gibt, so ist aber eine Dach-Organisation, die ganz Europa mit Stipendien versorgt, nicht möglich.

Katalog mit Maßnahmen und Empfehlungen

PETRA-Kongress in Brüssel; © PETRA/Johann van EyckenZiel des Kongresses war laut Becker auch, einen Empfehlungskatalog zu entwickeln. Darin werde zum Beispiel die Forderung stehen, dass die EU Programme auflegt, „die tatsächlich die Übersetzer fördern“. Im Moment gebe es lediglich eines dieser Programme, das Verlage fördert, die Übersetzungen publizieren. „Das ist schön und richtig, aber an der Situation der Übersetzer selbst ändert das nicht viel.“

Stattdessen wünschen sich die Initiatoren von PETRA gezielte Stipendien, Mobilitätsprogramme sowie Aus- und Fortbildungen fürs lebenslange Lernen. Und Übersetzer sollten an den Haupt- und Nebenrechten ihrer Werke beteiligt werden.

Jürgen Jacob Becker hat als Erscheinungstermin des Empfehlungskatalogs das Frühjahr 2012 angekündigt: Rechtzeitig also, um in der Diskussion über das neue EU-Kulturförderprogramm mitzumischen, das noch in diesem Jahr beschlossen werden und 2014 in Kraft treten soll.
Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2012

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