Buchmessen, Verlage und Institutionen in Deutschland

Kleinverlage in Deutschland – Stefan Weidle im Gespräch

Der Bonner Verleger Stefan Weidle, Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung; Foto: Barbara WeidleEs gibt in Deutschland knapp 80 Kleinverlage, die sich durch ein spezielles Programm und sorgfältige Buchherstellung auszeichnen. Sie versprechen Unabhängigkeit nicht nur wegen der Inhalte. Ein Gespräch mit dem Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung, dem Bonner Verleger Stefan Weidle.

Es geht um das Buch heißt programmatisch der alljährlich erscheinende Katalog, der von der Kurt-Wolff-Stiftung in Leipzig herausgegeben wird. Er präsentiert die mittlerweile knapp 80 Verlage, die als „klein“ einzustufen sind, lieber aber unter dem Label „unabhängig“ firmieren. Denn klein mögen sie alle sein, die Unternehmen, die sich, von Individualisten meist bis zur Selbstausbeutung geführt, durch spezielles Programm und sorgfältige Buchherstellung auszeichnen; Unabhängigkeit versprechen sie aber nicht nur wegen der Inhalte, vielmehr koppeln sie sich auch selbstbewusst vom großen Buchmarkt ab, der beherrscht wird von zusammengeschlossenen Verlagshäusern, die Konditionen bestimmen und Erfolge kalkulieren, und marktbeherrschenden Buch-Kaufhäusern, in denen nur mehr die gängigen Titel eine Verkaufschance haben.

Herr Weidle, kann man eigentlich guten Gewissens heute noch jemandem raten, einen Verlag in Deutschland zu gründen?

Das wäre zumindest schon extrem mutig. Ich versuche eher die Leute, die zu mir kommen und fragen, wie man so etwas macht, zu entmutigen. Das kann man nur noch machen, wenn man wirklich Geld übrig hat; was hilft, ist ein solides Erbe. Die meisten Verlage wurden auch auf solch einer Basis gegründet. Zudem hat die Bereitschaft der Banken, Geld für Verlage zur Verfügung zu stellen, fast völlig nachgelassen. Im Moment weiß ich von keiner Neugründung.

Gleichwohl halten sich doch eine ganze Reihe unabhängiger Verlage über Wasser. Ihre Stiftung tut einiges für sie …

Das Logo der Kurt-Wolff-Stiftung in LeipzigSeit 2000 werden jährlich zwei unabhängige Verlage ausgezeichnet, das ist auch als Werbung in der Öffentlichkeit zu sehen. Es gibt einen Hauptpreis (26.000 Euro) für das Lebenswerk eines Verlages oder eines Verlegers, und es gibt den Förderpreis, der entweder projektbezogen ist oder einen jüngeren Verlag auszeichnet. Mittlerweile haben wir eine Geschäftsstelle in Leipzig. Dort machen wir ganz bewusst Lobbyarbeit: zunächst einmal mit unserem Katalog. Außerdem gehen wir in die Buchändlerschulen, um Auszubildende darauf aufmerksam zu machen, dass es neben den großen Verlagen noch ein dichtes Heer von kleineren gibt. Und wir sind im In- und Ausland auf Messen präsent. Vor allem wollen wir auf die Nischen aufmerksam machen, die die kleineren Verlage besetzen. Thematisch ist das natürlich sehr vielfältig: Die Verlage spezialisieren sich auf Bücher für Frauen oder Schwule, auf Exil-Entdeckungen oder Theater-Literatur, auf die Herausgabe bibliophiler Ausgaben bekannter oder unbekannter Texte, auf Soziologie oder die Dritte Welt … Sie sehen bei jedem Verlag, welche Ausrichtung, welche Handschrift der Verleger oder Lektor hat.

Am Aussehen soll man aber auch schon erkennen, dass es sich hier nicht um Massenware handelt.

Viele von uns setzen auf durchdachte Gestaltung und versuchen sich damit hervorzuheben. Auch ich selbst lege Wert auf gutes Handwerk, lasse nur in Deutschland drucken und binden, Fadenheftung ist selbstverständlich. – All dies sind Dinge, die die großen Verlage nicht mehr machen.

Brauchen kleine Verlage auch kleine Buchhandlungen?

Ja. Wir sind auf die kleinen Buchhandlungen angewiesen, weil uns die großen nicht führen. Die Konzerne haben eine ganz andere Einkaufspolitik. Die haben Zentrallager und der Buchhändler vor Ort darf nicht selbst bestellen – ein paar regionale Sachen schon, aber nicht das Gesamtprogramm, das wird geliefert. Dort kommen wir nicht vor. Die großen Verlage sorgen dafür, dass ihre Bücher dort auf den Tischen liegen und kontrollieren das auch. Das lassen sich die großen Buchhandlungen wiederum teuer bezahlen. Da können wir nicht mithalten.

Aber kleine Buchhandlungen werden ja auch immer rarer …

Das Logo von TUBUK – Buchshop für unabhängige VerlageIch glaube, man sieht im Moment deutlich, dass den Buchhandelsketten die Kunden wegbrechen. Die Verkäufer bekommen schon den Auftrag, 40 Prozent ihres Umsatzes mit Non-Books zu machen, weil hier die Gewinnspanne höher ist. Wenn Sie heute zu den Büchern wollen, müssen Sie erstmal durch Berge von Schrottwichtel-Material gehen. Die Kunden merken das. Sie merken immer mehr, dass sie in diesen Bücherkaufhäusern keine Beratung und auch sonst nichts Besonderes finden – die Läden sind austauschbar. Das ist eine Chance für ambitionierte Buchhändler, gerade auch in großen Städten. Was die Ketten haben, das sollen sie behalten – aber es gibt ja noch sehr viel andere Dinge. Und es gibt Leser, die das Andere suchen, und die Spaß daran haben, in einer Buchhandlung zu stöbern, sich das Sortiment anzugucken und Neues zu entdecken … Und das kann natürlich nach sich ziehen, dass auch wieder neue Kleinverlage gegründet werden.

Gehe ich recht in der Annahme, dass das vielbeworbene E-Book auch nicht so Ihre Sache ist?

Ich kann damit gar nichts anfangen. Aber das Problem zeigt sich hier natürlich deutlich: Im Lauf der letzten zehn bis 15 Jahre hat das Buch seine Qualität als Leitmedium verloren. Es ist nicht mehr das Medium, mit dem Kinder ihre Erfahrungen machen, aus dem sie ihre ersten Erkenntnisse schöpfen. Dieses Vertrauen zum Buch fällt weg. Wenn es heute so ist, dass die wichtigen Dinge nicht mehr im Buch abgehandelt werden und dass junge Leute nicht mehr denken: „Was ich wissen will, finde ich in Büchern“, dann gerät das Buch an den Rand – und dort ist es bereits. Es kann aber – und das ist eben auch für uns als unabhängige, kleinere Verlage die Chance – zurückkommen als eine Art Luxusgegenstand. Die Leute sehen plötzlich, es macht weitaus mehr Spaß ein Buch in die Hand zu nehmen als auf Bildschirme zu gucken. Das kann alles passieren, wie ja auch die CD ihren Siegeszug unterbrechen musste, weil die Vinylplatte wiederkam.

Bernd Noack
ist freier Kulturjournalist und Theaterkritiker.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2012

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