Comicszene

Peer Meter – der Spannungsbogen muss stimmen

Peer Meter; © Sabine von Bassewitz


Er ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Comicszene, aber das stört ihn nicht. Peer Meter ist Szenarist. Er entwickelt und schreibt Geschichten für Graphic Novels.

Szenaristen besitzen eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Comics und Graphic Novels: Sie müssen eine spannende Geschichte erzählen und Dialoge auf wenige Worte reduzieren. Sie brauchen ein Gespür für Dramaturgie und Rhythmus. Sie müssen gut schreiben können. Peer Meter beherrscht die ganze Palette dieses Handwerks. Seit den 1990er-Jahren schreibt der Bremer Geschichten, die ihr Publikum erreichen.

Begonnen hat alles mit einer Leidenschaft: „Schon als Jugendlicher habe ich mein ganzes Taschengeld für Comic-Hefte ausgegeben und einen eigenen Versandhandel für Comics aufgezogen“, erzählt Meter. Später gehört der ausgebildete Verlagskaufmann zu den Mitgründern der Comiczeitschrift Com-Mix und der Literaturzeitschrift Stint. Gemeinsam mit dem Zeichner Christian Gorny entwickelt er 1990 die Serienmörder-Geschichte Haarmann. Der erste Band der Graphic Novel wurde für den Max-und-Moritz-Preis in der Kategorie „Bester deutschsprachiger Comic“ nominiert, blieb aber ein Fragment: Weitere Bände wurden nicht veröffentlicht.


Haarmann – Interview mit Peer Meter und Isabel Kreitz

Feines Gespür für menschliche Eigenarten

Peer Meter arbeitet beim Theater, entwickelt Ideen für Graphic Novels und verfasst ein Sachbuch über die Giftmörderin Geesche Gottfried. Später wird daraus die Graphic Novel Gift, gezeichnet von Barbara Yelin. Mit ihren dunklen Bleistiftzeichnungen schafft Yelin ein klaustrophobisches Ambiente, das hervorragend zur düsteren Geschichte passt. Das 2010 erschienene Werk wird zu einem großen Erfolg.

Meters besondere Stärke ist sein feines Gespür für menschliche Eigenarten: „Bevor ich anfange zu schreiben, müssen die Charaktere stimmen“. Jede Figur bekommt deshalb eine eigene emotionale Welt und Sprache: „Oft feile ich stundenlang an einem Satz oder einem Dialog, damit er für die Figur stimmt“, erzählt Meter. Genauso wichtig ist die Dramaturgie der Geschichte: „Ich muss wissen, was ich erzählen will“, sagt er und fügt hinzu: „Wenn ich schreibe, läuft die Geschichte vor meinem inneren Auge ab wie ein Film.“

Wie gut Peer Meter sein Handwerk versteht, zeigt auch die Graphic Novel Haarmann, die 2010 erschien, diesmal neu illustriert von der Zeichnerin Isabel Kreitz. Die Geschichte beginnt mit einem dramaturgischen Kniff: Der titelgebende Massenmörder Haarmann kommt am Anfang noch gar nicht vor. Die erste Szene zeigt nur, wie im abgesenkten Flussbett der Leine Knochen entdeckt werden. „Diese historisch verbürgte Geschichte eignete sich hervorragend als Einstieg“, sagt Meter.

Bilder ersetzen im Idealfall den Text

Der Szenarist schätzt die Zusammenarbeit mit Zeichnerinnen und Zeichnern. „Wenn es gelingt, den Text durch ein Bild zu ersetzen, ist das wunderbar“, findet er. Für Haarmann zum Beispiel hatte er eine Szene geschrieben, in der der Serienmörder aufwacht und selbst erschrocken darüber ist, dass er seinem Opfer im sexuellen Rausch die Kehle durchgebissen hat. „Isabel Kreitz hat den Gesichtsausdruck dann in einem einzigen Panel so gut getroffen, dass jedes Wort zu viel gewesen wäre“, meint Meter.

Mittlerweile zählt Peer Meter zu den bekanntesten Szenaristen in Deutschland. Meist werden aber nur die Zeichnerinnen und Zeichner der Comics wahrgenommen. „Bis bei uns der Beruf des Szenaristen richtig anerkannt ist, müssen wohl noch Jahre vergehen“, vermutet er und wünscht sich auch für Deutschland einen Master-Studiengang Comic, wie er beispielsweise im französischen Poitiers angeboten wird. Gleichzeitig weiß er, dass er solch eine künstlerische Freiheit wie als Szenarist woanders kaum finden würde: „Anders als zum Beispiel Drehbuchautoren muss ich nie darüber nachdenken, ob eine Szene filmisch machbar ist und sich auch finanzieren lässt“, sagt Meter, „außerdem reden bei Film und Fernsehen viel zu viele Menschen mit“.

Für diese Freiheit nimmt er in Kauf, dass er von seiner Arbeit als Szenarist kaum leben kann. Viele Jahre hat er nebenbei als Taxifahrer gearbeitet. Mit vier Bypässen tritt Meter, Jahrgang 1956, heute etwas kürzer. Seine Begeisterung für Comics aber hat darunter nicht gelitten. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Ideen für eine Biografie und einen historischen Comic. Mehr verraten will er nicht. Der Spannungsbogen muss schließlich stimmen.
Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2015

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