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Comic-Verlage in Deutschland – anspruchsvoll und vielseitig



Rund 400 Millionen Euro werden in Deutschland jährlich mit Comics umgesetzt. Das Genre galt lange als Nischenprodukt. Inzwischen haben Graphic Novels, Comics und Mangas einen festen Platz in der deutschen Verlagsszene erobert.

Die Comic-Branche befindet sich auf Wachstumskurs: 1991 erschienen in Deutschland laut Statistik des Comic-Jahrbuchs 607 Comics in rund zehn verschiedenen Verlagen. 2014 verzeichneten die Deutsche Nationalbibliografie/VLB insgesamt 1.749 neue Titel im Bereich Comics, Cartoons und Karikaturen. Neben den rund 2.000 Comic-Fachgeschäften haben inzwischen viele Buchhandlungen das Marktsegment entdeckt und verfügen über eigene Verkaufsflächen für Mangas und Comics.

Wurden früher vor allem Lizenztitel aus dem Ausland verkauft, haben die Verlage inzwischen viele deutsche Autorinnen und Autoren im Programm und scheuen sich auch nicht davor, anspruchsvolle und hochpreisige Graphic Novels zu publizieren. Gleichwohl gelten für die meisten Verlage verkaufte Auflagen von 2.000 bis 5.000 Stück als Erfolg. Einzige Ausnahme bildet der Manga-Markt, der weiter wächst – und zuweilen verkaufte Auflagen von 50.000 Exemplaren verzeichnet.

Die Branche entwickelt sich stetig weiter, auch deshalb kann die Liste der Verlage, die im Folgenden vorgestellt werden, nur als exemplarisch gelten.

Carlsen

Der Carlsen Verlag in Hamburg wurde 1953 gegründet und gehört heute zur schwedischen Bonnier-Gruppe. Er veröffentlichte zunächst Bildergeschichten des kleinen Bären Petzi, und kleinformatige Pixi-Bücher für Kinder. Ab 1967 kamen die frankobelgischen Comic-Klassiker wie Tim und Struppi, Spirou und Fantasio oder Gaston hinzu, in den 1980er-Jahren amerikanische Serien und Comic-Strip-Klassiker wie die Peanuts oder Calvin & Hobbes. Inzwischen veröffentlicht der Verlag auch Graphic Novels von deutschen Autoren wie Isabel Kreitz, Reinhard Kleist oder Flix und bietet Manga-Titel an.

Egmont-Ehapa-Verlag

Die Egmont-Ehapa-Verlagsgruppe besteht seit 1951 und ist eine Tochter der skandinavischen Mediengruppe Egmont. Hier erscheinen Klassiker wie die Lustigen Hefte mit Donald Duck, Micky-Maus-Hefte oder Serien wie Asterix und Lucky Luke. Ein eigenes Verlagsteam kümmert sich um die Themenwelten von Manga und die kleinen Omake-Zugaben.

Mosaik-Verlag

Der Mosaik-Verlag entstand 1976 in der DDR und ging 1991 in den „Mosaik Steinchen für Steinchen Verlag“ auf. Zentrale Figuren des Comicmagazins Mosaik sind die Abrafaxe. Die drei Helden Abrax, Brabax und Califax reisen durch die Zeit. Sie besuchen die Griechen der Antike, leben für eine Episode im Mittelalter oder fliegen in den Weltraum. Weitere Serien sind die Mauseabenteuer von Fix & Fax und die Rennfahrergeschichten von Michel Vaillant.

Avant-Verlag

Seit 2001 publiziert der Avant-Verlag (Berlin) grafische Literatur. Zum Programm gehören Graphic Novels aus dem In- und Ausland wie zum Beispiel Werke des französischen Zeichners Joann Sfar oder der libanesischen Illustratorin Zeina Abirached. Unter Vertrag sind deutsche Autoren wie Simon Schwartz, Birgit Weyhe, Ulli Lust, Thomas Gilke und Tim Dinter. 2016 wurde der Verlag für seine Klassikerausgaben mit dem Max-und-Moritz-Spezialpreis ausgezeichnet.

Reprodukt

Der Verlag Reprodukt wurde 1991 in Berlin gegründet und gilt als einer der wichtigsten Vertreter für deutsche Autoren, darunter ATAK, Arne Bellstorf, Anke Feuchtenberger, Fil, CX Huth, Reinhard Kleist, Mawil, Andreas Michalke, OL, Martin tom Dieck und Minou Zaribaf. Der Verlag versteht sich als Netzwerk für Kreative. Verlagsleiter Dirk Rehm setzt bei der Produktion deshalb auf Teamarbeit mit wechselnden Herausgebern. Seit 2013 gibt es ein Comic-Programm für Kinder ab drei und Erstleser ab sechs Jahren – mit Autoren wie Patrick Wirbeleit, Uwe Heidschötter oder Ferdinand Lutz.

Comicplus-Verlag

Der Berliner Comicplus-Verlag wurde von Eckart Sackmann und Peter Hörndl gegründet. Anfangs brachten die Verleger Funny-Serien von André Franquin oder Uderzo/Goszinny aus Frankreich nach Deutschland, später kamen deutsche Autoren wie Dieter Jüdt, Martin Frei, Ronald Putzker und Matthias Schultheiss hinzu. Von 1987 bis 2001 erschien die Comic-Fachzeitschrift Raah!, die inzwischen durch die Comic-Info und die Website comic.de ersetzt wurde. Einmal im Jahr erscheint außerdem das Jahrbuch des Vereins Deutsche Comicforschung.

Edition 52

Grafische Comics der frankophonen Ligne Claire prägen das Programm der Edition 52. Der Verlag mit Sitz in Wuppertal fördert vor allem den Nachwuchs. Zu den deutschen Autoren gehören Ulf K., Reinhard Kleist, Boris Kiseliki, Uli Oesterle, Calle Claus, Frank Schmolke oder Jule K. Die komische Kunst wird vertreten durch den Essener Zeichner Jamiri alias Jan-Michael Richter.

Panini-Verlag

Der Panini-Verlag in Stuttgart produziert nicht nur die begehrten Sammelhefte, sondern auch Comics und Graphic Novels. Neben den großen US-amerikanischen Serien wie Marvel und Star Wars fördert der Verlag deutsche Autoren wie Daniela Schreiter und Nils Oskamp sowie Fachpublikationen wie Die Kunst des Comic-Sammelns. Der Verlag betreibt darüber hinaus eine Online-Plattform für den Vertrieb von E-Books.

Tokyopop

Wer sich für Manga interessiert, kommt an Tokyopop nicht vorbei. Die Niederlassung des gleichnamigen japanischen Konzerns in Hamburg besteht seit 2004. Zum Programm gehören vor allem japanische Manga- und Manhwa aller Kategorien und Genres – wie etwa Shojo, Yosei, Shonen, Seinen oder Boys Love. Deutsche Autorinnen und Autoren des Verlags sind Mikiko Poncszeck, Anike Hage, Anna Hollmann, Anne Pätzke, Inga Steinmetz, David Füleki und Natalie Wormsbecher.

Gringo Comics

Auf deutsche Zeichner spezialisiert hat sich der Gringo Comics-Verlag aus Esslingen. Im Programm befinden sich die Horror-Serie Dead Love von Stephan Hagenow, die Weltraum-Folge Battlecarrier Yuma von Sebastian Sommer oder die Heftreihe Kurzer Prozess mit Horror- oder Mystery-Geschichten. Zu den Funny-Serien des Verlages gehören die Blog-Comics Kurt von Holger Bommert oder Bela Sobottkes Comic Utas Truckstop.

Jaja

Die Illustratorin Annette Köhn gründete 2011 in Berlin den Jaja-Verlag, um „fein illustrierte Machwerke“ zu publizieren. Neben Comics und Graphic Novels veröffentlicht der Verlag auch Papierkunst, Koch- und Sachbücher sowie Kalender. Im Programm finden sich vor allem junge Autoren wie Christopher Burgholz und Joachim Brandenberg, Tine Pape oder Anja Vogel. Darüber hinaus begleitet der Verlag Projekte wie den 24-Stunden-Comic und verkauft Originale.

Publikumsverlage

Neben den kleineren Independent-Verlagen publizieren inzwischen auch renommierte Publikumsverlage Graphic Novels und Comics. Der Rowohlt-Verlag in Reinbek hat Autoren wie Katz & Goldt und Ralf König im Programm. Auch die Verlage Hoffmann und Campe aus Hamburg, S. Fischer aus Frankfurt am Main und Kiepenheuer & Witsch veröffentlichen Comics und Graphic Novels.

Comics im Web

Auf die Digitalisierung hat die Verlagsbranche inzwischen reagiert. Verlage wie Panini Digits bieten E-Comics an, Carlsen hat eine eigene App programmiert. Auch im Netz gibt es immer häufiger multimediale Produktionen, die Comicgeschichten mit Animationen und interaktiven Elementen verbinden.
Einige Verlage haben sich inzwischen zusammengeschlossen und bieten ihre Comics im Web an. Nach einer Anmeldung können die Nutzer über Applikationen die Comics, Cartoons oder Graphic Novels herunterladen und auf ihrem Smartphone, dem Computer oder dem Tablet lesen. Abgesehen von einem stufenlosen Zoom bieten die meisten Anwendungen aber noch keine besonderen Features an.
Eine der bekanntesten Plattformen für den Vertrieb von Comics über das Netz ist das Label „Mad Dog Comics“. Über eine App können hier rund 1.000 Comics, Cartoons und Graphic Novels zu Kategorien wie Abenteuer, Kids, Comedy, Steam Punk oder Fantasy heruntergeladen werden.
Ein weiterer großer Anbieter im Netz ist der Amazon-Ableger ComiXology: Auf der App können rund 40.000 Titel von knapp 40 Verlagen geladen werden. Allerdings präsentiert die Applikation überwiegend US-amerikanische Superhelden-Comics oder Star-War-Folgen.
Der Verlag Egmont Ehapa bietet ebenfalls eine App an. Das Angebot umfasst die Lustigen Taschenbücher und das Micky Maus-Magazin.
In der deutschen Online-Comicverlagsszene ist allerdings noch viel Luft nach oben. Das zeigt auch ein Blick auf das kostenlose Webcomic-Verzeichnis. Hier stellen Comic-Zeichner ihre Projekte selbst vor – und zeigen, in welch erstaunliche Richtungen die Kunst der Grafik gehen kann.
Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2016

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