Institutionen

Comic-Verlage in Deutschland

Die Comic-Verlagsszene in Deutschland ist überschaubar. Lange Zeit gab es nur eine Handvoll Comic-Verlage, die in erster Linie damit beschäftigt waren, Comic-Geschichten aus dem Ausland zu kaufen und für den deutschen Markt zu übersetzen.

Im Jahr 1991 war die Comic-Buchproduktion in Deutschland überschaubar: Damals erschienen laut Statistik des Comic-Jahrbuchs 607 Comics in rund zehn verschiedenen Verlagen. Die meisten dieser Titel kamen aus dem Ausland und wurden für den deutschen Markt übersetzt; nur 17,6 Prozent der Comics stammten von deutschen Autoren. Im Jahr 2008 verzeichnete der Katalog des Comic-Salons Erlangen immerhin rund achtzig Comic-Verlage. Und auf der Frankfurter Buchmesse feierte der Themenbereich Faszination Comic im Jahr 2009 sein zehnjähriges Bestehen. Comics, so macht diese Entwicklung deutlich, haben längst eine breite Leserschaft in der Gesellschaft gefunden.

Rasante Veränderung

Auch in den kommenden Jahren wird sich die Verlagsbranche rasant verändern. Mit den neuen elektronischen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten eröffnen sich für die Verlage neue Geschäftsfelder. Technische Entwicklungen verändern die Arbeitsabläufe. Comics sind für eine multimediale Vermittlung geradezu perfekt geeignet. Auch deshalb kann die Liste der Verlage, die im Folgenden vorgestellt werden, nur als exemplarisch gelten.

„Die Dramatik der Dinge“; Copyright: electrocomics

Carlsen-Verlag

Der Carlsen Verlag in Hamburg wurde 1953 gegründet und gehört heute zur schwedischen Bonnier-Gruppe. Er veröffentlichte zunächst Bildergeschichten des kleinen Bären Petzi, und kleinformatige Pixi-Bücher für Kinder. Ab 1967 kamen die frankobelgischen Comic-Klassiker wie Tim und Struppi, Spirou und Fantasio oder Gaston hinzu, in den 1980er-Jahren amerikanische Serien und Comic-Strip-Klassiker wie die Peanuts oder Calvin & Hobbes. Heute bietet der Verlag auch Graphic Novels an mit Titeln deutscher Autoren wie Isabel Kreitz und Reinhard Kleist und verfügt über ein großes Manga-Verlagsprogramm.

Egmont-Ehapa-Verlag

Der Egmont Ehapa-Verlag wurde 1951 gegründet, er gehört inzwischen zur dänischen Mediengruppe Egmont. Hier erscheinen Klassiker wie die „Lustigen Hefte“ mit Donald Duck, Micky-Maus-Hefte und die Serien Asterix und Lucky Luke. Zur Mediengruppe gehören Verlagsgesellschaften in Berlin und Köln, die sich auf Bereiche wie Manga, Fantasy und Krimi oder Graphic Novels spezialisiert haben. Zu den ungewöhnlichen Verlagsprojekten gehören die Veröffentlichung einer Comic-Bibel oder ein Comic über den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943.

Mosaik-Verlag

Der Mosaik-Verlag wurde Anfang der 1970er-Jahre in der DDR gegründet. Hier erscheinen die Geschichten der Abrafaxe. Die drei Helden Abrax, Brabax und Califax reisen durch die Zeit. Sie besuchen die Griechen der Antike, leben für eine Episode im Mittelalter oder fliegen in den Weltraum. Weitere Serien des Mosaik-Verlags sind die Mauseabenteuer von Fix & Fax und die Rennfahrergeschichten von Michel Vaillant.

Avant-Verlag

„Drüben“, von Simon Schwartz; Copyright: Avant-VerlagDer Berliner Avant-Verlag wurde 2001 von Johann Ulrich gegründet und hat sich auf grafische Literatur spezialisiert. Zum Programm gehören Graphic Novels aus dem In- und Ausland wie der Comic Die Katze des Rabbiners des französischen Zeichners Joann Sfarr, der 2004 mit dem Max-und-Moritz-Preis des Comic-Salons Erlangen ausgezeichnet wurde. Zu den deutschen Autoren des Verlags gehören ATAK, Ulli Lust, Thomas Gilke oder Tim Dinter.

Reprodukt-Verlag

Ebenfalls in Berlin angesiedelt ist der Verlag Reprodukt. Er wurde 1991 von Christian Maiwald und Dirk Rehm gegründet und veröffentlichte zunächst ein Album pro Jahr. Inzwischen vertritt der Verlag zahlreiche deutsche Autoren, darunter ATAK, Arne Bellstorf, Anke Feuchtenberger, Fil, CX Huth, Reinhard Kleist, Mawil, Andreas Michalke, OL, Martin tom Dieck und Minou Zaribaf. Der Verlag versteht sich als Netzwerk für Kreative. Die Produktion der meisten Buchtitel erfolgt deshalb auch in Teamarbeit mit wechselnden Herausgebern.

Comicplus-Verlag

„Causa Helvetica“; Copyright: Comicplus-VerlagDer Comicplus-Verlag in Berlin wurde von dem ehemaligen Carlsen-Lektor Eckart Sackmann und Grafik-Designer Peter Hörndl gegründet. Anfangs brachten die Verleger Funny-Serien von André Franquin oder Uderzo/Goszinny aus Frankreich nach Deutschland, später kamen deutsche Autoren wie Dieter Jüdt, Martin Frei, Ronald Putzker und Matthias Schultheiss hinzu. Von 1987 bis 2001 erschien die Comic-Fachzeitschrift Raah!, die inzwischen von der kostenlosen Comic Info und der Website www.comic.de ersetzt wurde. Einmal im Jahr erscheint in dem Verlag außerdem ein Band der Deutschen Comicforschung.

Edition 52

Grafische Comics der Ligne Claire prägen das Programm der Edition 52. Der Verlag mit Sitz in Wuppertal fördert vor allem Nachwuchskünstler. Zu den deutschen Autoren des Verlags gehören Ulf K., Reinhard Kleist, Boris Kiseliki, Uli Oesterle, Calle Claus, Frank Schmolke oder Jule K.

TokyopopTokyopop Verlag

Wer sich für Manga interessiert, kommt am Tokyopop-Verlag nicht vorbei. Die Niederlassung des gleichnamigen japanischen Konzerns besteht seit 2004. Zum Programm gehören vor allem japanische Manga-Serien – wie Bleach, Death Note oder The Legend of Zelda. 2005 erscheint die erste deutsche Eigenproduktion Yonen Buzz. Inzwischen werden regelmäßig Serien und Geschichten entwickelt, darunter die Manga-Fußball-Serie Gothic Sports oder die Grimms Manga. Zu den deutschen Autoren des Verlags gehören Anike Hage, Anna Hollmann, Anne Pätzke, Inga Steinmetz, David Füleki und Natalie Wormsbecher.

Gringo Comics-Verlag

Auf deutsche Zeichner spezialisiert hat sich der Gringo Comics-Verlag aus Esslingen. Im Programm befinden sich Action-Serien wie Mac Trap von Stephan Hagenow oder die Heftreihe Kurzer Prozess mit Horror- oder Mystery-Geschichten von verschiedenen Zeichnern. Zu den Funny-Serien des Verlages gehören die Kolkas von Holger Hofmann oder die Geschichten der Blondine Superbaby von Martin Frei.

Publikumsverlage

Neben den Independent-Verlagen trauen sich in den letzten Jahren zunehmend auch renommierte Publikumsverlage an das Thema Comics heran. Der Rowohlt-Verlag in Reinbek publiziert Cartoons von Katz & Goldt und Ralf König. Der Verlag Hoffmann & Campe aus Hamburg hat einen Sachcomic über Energie herausgegeben, und auch die Verlage S. Fischer aus Frankfurt am Main oder Kiepenheuer & Witsch veröffentlichen gelegentlich Cartoons und Comics.

electrocomics

Neu in der Branche ist der Verlag für Bildschirmcomics electrocomics. Auf der englisch-deutschen Website bieten Zeichner aus aller Welt ihre Comics als e-book oder PDF zum Download an. Als Lohn für ihre Arbeit bitten sie um Überweisung eines freiwilligen Honorars per Online-Bezahlsystem. Zwar ist der Verlag laut Verlagsgründerin Ulli Lust ökonomisch noch nicht erfolgreich. Doch weist er einen Weg in die multimediale Zukunft.

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.


Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2010
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