Comics in …

Deutsche Comiczeichner im Ausland

Paul Hoppe: DestinationsIm Ausland zu arbeiten ist für viele Comiczeichner, Illustratoren und Künstler ein Traum, der nur selten in Erfüllung geht. Wer es geschafft hat und zumindest einige Zeit im Ausland gelebt hat, möchte diese Erfahrung aber meist nicht missen.

Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen: Als der Schweizer David Boller im Jahr 1992 an eine US-amerikanische Zeichenschule geht, bekommt er von einem Lehrer erst einmal eine Abfuhr erteilt: „Du wirst eh niemals zum Marvel-Superstar werden“, heißt es da. 17 Jahre später kehrt David Boller in die Schweiz zurück, gründet einen eigenen Verlag und veröffentlicht dreisprachige Comics.

Diashow David Boller
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Seine Erlebnisse in den Vereinigten Staaten verarbeitet er in der Graphic Novel Ewiger Himmel. Die Episoden enthalten skurrile Erlebnisse und romantische Momente – von der Wehmut kurz vor der Abreise, dem von der CD-Sammlung faszinierten Zollbeamten, von den eigensinnigen Mitbewohnern, Hoffnungen und Enttäuschungen und dem lang ersehnten ersten Auftrag für den Marvel-Verlag. David Boller hat die Auslanderfahrungen genutzt und umgesetzt: Sein biografischer Roman erschien nicht nur als Webcomic, sondern auch in Buchform, und wer möchte, bekommt sogar ein handsigniertes Blatt des Künstlers.

Comic-Szene New York

Selbstbildnis Paul HoppePaul Hoppe fühlte sich in Deutschland eingeengt: „Ich wollte weg vom humoristischen Stil und expressiver, malerischer arbeiten“, sagt der Illustrator. Hinzu kam die Sehnsucht: „Es ging mir nicht darum, in die USA zu gehen. Ich wollte nach New York“, erinnert er sich. Die Großstadt faszinierte den gebürtigen Polen, der in Deutschland aufwuchs und studierte, bevor er mit Hilfe eines DAAD-Stipendiums an die School of Visual Arts nach New York wechselte.

Die Begegnung mit berühmten Zeichnern, begabte Kommilitonen aus der ganzen Welt, ein Atelierplatz an der Universität: Paul Hoppe empfand diese Mischung als so inspirierend, dass er beschloss, in New York zu bleiben. Inzwischen kann er sich nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. „Ich kann hier Kinderbücher schreiben und illustrieren, für die New York Times zeichnen oder selbst Comics publizieren“, sagt Hoppe. Der Illustrator rief die Comic-Anthologie Rabid Rabbit ins Leben, die in Brooklyn erscheint und sich als Plattform für junge Künstler versteht.

Diashow Paul Hoppe
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Mal arbeitet der Illustrator für die Werbeindustrie, dann bekommt er Aufträge von Verlagen und Zeitschriften, gelegentlich unterrichtet er an der School of Visual Arts. Die bunte Mischung, die er früher als Manko empfand, ist inzwischen genau das Richtige für ihn. Außerdem stimmt die Auftragslage, denn wo ein größerer Markt ist, gibt es auch mehr Geld zu verdienen. All dies tröstet nicht darüber hinweg, dass Paul Hoppe seine frühere Heimat auch vermisst: „Ich sehne mich gelegentlich nach meinen Freunden in Europa“, sagt er.

Spazierengehen im Wald

Selbstbildnis Nora KrugDie Illustratorin Nora Krug hat sich von ihrer deutschen Heimat innerlich eher entfernt: „Ich vermisse das Brot und die Spaziergänge im Wald“, erzählt sie. Alles andere aber sei eher fremd geworden. „Mein Denken hat sich verändert, auch mein Verhalten, und natürlich die Sprache“.

Die Karlsruherin kam vor knapp zehn Jahren nach New York. Inzwischen ist sie mit einem Amerikaner verheiratet und Professorin an der Parsons The New School of Fine Arts in New York.

Die Arbeit an dieser speziellen Hochschule, die sich zur Aufgabe gemacht habe, politisches Denken und gesellschaftliches Engagement zu fördern, sei besonders und habe sie und ihre künstlerische Herangehensweise sehr geprägt.

Diashow Nora Krug
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Nora Krug beschäftigte sich mit Krieg, Vertreibung und Versöhnung. Es entstand eine Comic-Reihe, in deren Mittelpunkt Biografien historischer Randgestalten stehen. Damit will Krug den „Krieg fassbar und emotional spürbar machen“.

Ebenso wie ihr Kollege Paul Hoppe schätzt Nora Krug den amerikanischen Markt: „Hier gibt es viele Organisationen, die Illustratoren fördern, und sehr unterschiedliche Auftraggeber“. Wer gut arbeite und sich engagiere, könne viel erreichen: „Auf Initiative unserer Fakultät hin wurde in New York inzwischen neben der Fashion-Week auch eine Illustration-Week eingerichtet“, erzählt sie.

Totengräber in Mexiko

Selbstbildnis Felix PestemerEin Studien-Sprachkurs in Mexiko wurde für Felix Pestemer zum Schlüsselerlebnis. „An Allerheiligen wurde in den Schule ein Totenaltar errichtet, und die Lehrer nahmen uns mit auf den Friedhof: Diese Erlebnisse haben mich nie mehr losgelassen“, erzählt er. In den Semesterferien kehrte Pestemer nach Mexiko zurück, ein Jahr später bewarb er sich für ein DAAD-Jahresstipendium im Bereich Bildende Kunst mit der Idee, eine Geschichte über den Tod in Mexiko zu zeichnen.

Diashow Felix Pestemer
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Der Start in Mexiko City war hart: „So viel Lärm, so viel Stress und so viel Aufwand für jede Kleinigkeit“. Gleich zu Beginn sollte er eine extrem hohe Studiengebühr entrichten. Das Problem konnte er aussitzen. Arbeitsmaterial war nur mühsam zu ergattern. An der Universität bedurfte es einiger Mühe, die Professoren davon zu überzeugen, dass er keine Aktzeichenkurse absolvieren, sondern frei arbeiten wollte. Nach einigen Monaten hatte er es raus: „Dein Wille trifft auf eine zähe Masse, also nicht zu stark wollen, dafür lange“.

Pestemer reiste durch Mexiko, lernte Volkskunst und Wandmalereien kennen, schaute sich das Werk von Künstlern wie José Guadalupe Posada an und blätterte durch Splatter-Porn-Comics von Straßenhändlern. „Mexikaner tragen das Herz auf der Zunge. Wer mit Tacos, Obst und Hängematte zufrieden ist, lebt sehr billig“, sagt Pestemer. Wer sich dann noch auf den Rhythmus des Landes einlasse, also zwei Gänge zurückschalte, verbringe eine wunderbare Zeit. Von seinem Aufenthalt in Mexiko brachte Pestemer den Comic-Roman Der Staub der Ahnen mit – und die Erkenntnis, dass sich eine Auslandsreise „auf jeden Fall lohnt“. Schließlich gebe es „da draußen eine neue Welt zu entdecken“.

Klägliche Auftragslage

Foto Ulrich ScheelDie Liebe führte Ulrich Scheel ins Ausland. „Meine Frau war der Grund nach Warschau zu kommen, das Land hat mich nie so interessiert“, sagt Scheel. Doch dort an neue Aufträge zu kommen, erwies sich als Illusion. „Klägliches Feedback auf mein Portfolio bin ich gewohnt und halte es für normal, aber hier kam irgendwie gar nichts zurück“, musste der Illustrator feststellen. Die Mehrheit der Aufträge bekommt Scheel nach wie vor aus Deutschland. Die Korrespondenz erfolgt per Mail oder über Skype, und gelegentlich fährt der Illustrator nach Berlin, um dort Kunden zu treffen oder Aufträge zu erfüllen.

Diashow Ulrich Scheel
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Für Ulrich Scheel hat der Aufenthalt in Polen kaum Auswirkungen auf die Arbeit. „Unsere Freunde in Polen finden meine Arbeit total spannend und haben anfangs gestaunt, wie bodenständig ich bin. Sie denken immer, ich sei Künstler, und Künstler haben hier den Ruf, sehr unnahbar und überheblich zu sein“, erzählt Scheel. Derzeit kann sich der Illustrator nicht vorstellen, für immer in Polen zu bleiben. Genau so wenig denkt er aber an eine Rückkehr nach Berlin.

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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