Autoren-Comics

Selbstbewusst und experimentierfreudig – Arne Bellstorf

Arne Bellstorf gehört zu einer neuen Generation von jungen deutschen Comiczeichnern. Selbstbewusst und experimentierfreudig erforscht er die Darstellungsmöglichkeiten des Comics und hat seinen individuellen Erzähl- und Zeichenstil entwickelt. Studiert hat Bellstorf bei Anke Feuchtenberger an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg im Fachbereich Illustration. Seine Abschlussarbeit ist zugleich auch sein äußerst beachtenswertes Comic-Debüt, das den Titel acht, neun, zehn trägt.

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Comics von Arne Bellstorf
Die Zahlenfolge ist ein Verweis auf das Kinderstraßenspiel „Himmel und Hölle“, das meist mit Kreide auf den Gehweg gemalt wird und bei dem man nach Vorgaben in Felder hüpft und einen Stein bewegt. Dabei gilt es, dass der Stein nicht in der Hölle landet. Christoph Bachmann ist der Protagonist des Comics. Christoph, der mit sich selbst nichts anzufangen weiß, befindet sich im Nirgendwo, irgendwo zwischen Himmel und Hölle. Es ist die unerträgliche Schwere des Seins, mit der der Jugendliche zu kämpfen hat, nachdem er in der zehnten Klasse sitzen geblieben ist und einem noch langweiligerem Schuljahr entgegensieht. Kein Grund also, Luftsprünge zu machen.

Hinzu kommt, dass er mit seiner geschiedenen Mutter die Sommerferien zu Hause verbringt, in einer beklemmend bürgerlichen Wohnsiedlung eines Vororts. Während seine Schulkameraden Sommer, Sand und ferne Länder genießen, steht für ihn die Zeit still. Tag für Tag verschenkt er die Gegenwart an die Zukunft und ist die Zukunft da, ist sie doch nur wieder Gegenwart. Kontaktscheu und menschenfremd zieht er sich in sein Zimmer zurück zu Fernseher und Videospiel. Seine vordergründige Coolness lähmt ihn und potenziert seine alltägliche Tristesse und Einsamkeit. Ein undurchdringbarer Schutzpanzer, den er nicht einmal ablegen kann, als sich Miriam, die eine Klasse unter ihm ist, für ihn interessiert.

Mittels Miriam wird ihm erstmals bewusst, wie leer sein Dasein ist, wie fremd er sich im eigenen Körper und in seinem Leben fühlt. Miriam ist neugierig auf den Menschen, für den sie Gefühle empfindet, und will ihn kennen lernen. Doch Christoph weiß nicht einmal eine Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingsessen, -getränk oder -tier. Überhaupt, er kann nichts von sich preis geben, weil selbst er sich nicht kennt. Und wenn er sein Leben schon langweilig findet, warum sollte sich jemand anderes dafür interessieren?

Selbst wenn Bellstorfs Figuren etwas sagen, sprechen ihre Gesichter nicht. Ihre Mimik ist so leer, so lustlos, so konturlos, wie ihr Leben. Christoph ist in der Spirale der Pubertät gefangen, in einem lähmenden Selbstfindungsprozess, dessen beklemmende Stimmung der Autor und Zeichner Bellstorf einfühlsam in seinem Comic aufzeigt.

Inspiriert von Chris Wares suburbaner Tristesse und Daniel Clowes pubertären Abenteuern inszeniert Bellstorf seinen Protagonisten als „small kid“ in einem deutschen „Ghost-World“-Vorort. Für Christoph gibt es nur einen Ausweg aus dieser Situation: er musssich endlich für etwas entscheiden, den Stein ins Spiel bringen, egal ob er nun dabei im Himmel oder in der Hölle landet. Den Schlüssel für die Lösung der Probleme formuliert Bellstorf nicht aus, sondern lässt ihn äußerst subtil und sensibel in die Narration einfließen. Bellstorf erlöst seine Figuren nicht aus ihrem Zustand, aber dafür gelingt es ihm, ihre Situation umso berührender darzustellen.

In Baby's in Black erzählt er von der tragischen Liebe zwischen der jungen Fotografin Astrid Kirchherr und dem Beatles-Musiker und Künstler Stuart Sutcliffe. Für den Comic führt er mehrere persönliche Gespräche mit Kirchherr und beschäftigte sich intensiv mit der Hamburger Musikszene der Sechzigerjahre. Mit knappen Worten und wenigen Strichen beschreibt er, wie sich die beiden im Hamburger Star Club begegnen und ineinander verlieben - eine zarte, melancholische Liebesgeschichte, die mit dem tragischen Tod Sutcliffes endet.

Arne Bellstorf schleift die Zeit in seinen Erzählungen. Er verweilt bei seinen Protagonisten und hört ihnen ganz genau zu, um ihre innerste Gefühlswelt umso nachhaltiger aufzeigen zu können.

Die Comic-Anthologie Orang, die Bellstorf gemeinsam mit dem Comic-Zeichner Sascha Hommer herausbringt, nutzt er für die Publikation von freieren und experimentelleren Geschichten. Für die Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel zeichnet er seit 2006 den Strip „Vom Leben gezeichnet", in dem Hamburger Magazin ZEIT Geschichte erscheint seit 2009 eine Folge mit dem Titel „Zugabe". Außerdem arbeitet er regelmäßig für Anthologien und Magazine wie die Musikzeitschrift Rolling Stone oder das Magazin der Tageszeitung Süddeutsche Zeitung.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Januar 2013

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