Autoren-Comics

Kati Rickenbach

Spuren der Nacht findet Lela an ihrem Hals, als sie, frisch aus ihrem Bett geschlüpft, erstmals in den Spiegel schaut. Beim Anblick eines riesengroßen Knutschflecks schreckt sie auf, denn ihr wird schlagartig bewusst: sie hat einen Filmriss. Es ist Sonntagnachmittag, Lela hat den halben Tag verschlafen und ihr Kopf dröhnt wie verrückt. Sie fühlt sich elend, nicht nur körperlich, da sie weder weiß, wer ihr die Liebesbezeugung verpasst hat, noch wie die Nacht verlief oder wie sie nach Hause gekommen ist. „Hmmm ... also ich ging mit Nina zu dieser Party ...“ Immerhin kann sich Lela an den Auftakt des Abends erinnern, bei dem bereits reichlich Alkohol floss. Doch was geschah danach? Es hilft nichts, sie muss umgehend ihre beste Freundin anrufen, um den Hergang des Abends rekonstruieren zu können.

Filmriss heißt das überzeugende Comicalbumdebüt der Schweizerin Kati Rickenbach, die 1980 in Basel geboren ist und inzwischen in Zürich lebt und arbeitet. Mit einer großen Portion Ironie erzählt die Comiczeichnerin und Illustratorin den chaotischen Verlauf eines Partyabends, an dem die Sehnsüchte von Jugendlichen miteinander kollidieren. Ihre jungen Protagonisten kämpfen mit den Widrigkeiten der unerwiderten Liebe und den unerwünschten Folgen des Drogenkonsums. Denn je rauschhafter die Partynacht, desto größer ist die Katerstimmung am nächsten Morgen. In ihrer unterhaltsamen Episodenerzählung entwirft Rickenbach einen Reigen der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Parallelen zu Arthur Schnitzlers gleichnamigem Buch aufweist. Auch bei Rickenbach dreht sich unentwegt das Beziehungskarussell, da ein jeder befürchtet, den Partner des Lebens zu verpassen. Egal, ob sich die Protagonisten in festen Händen befinden oder solo sind, „gemeinsam einsam“ geben sie sich dem Rausch der Nacht hin, und sind dabei unfähig zu erkennen, wenn sie dem oder der Richtigen begegnen. Doch Kati Rickenbach geht es nicht nur um die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens. Denn je mehr Lela über den Hergang der Nacht erfährt, umso bewusster wird ihr, dass die anfänglich heitere Partystimmung in das Gegenteil umgekippt ist.

In einem Interview betont Kati Rickenbach, dass Filmriss nicht autobiografisch ist, „zumindest vordergründig nicht“. Die Personen sind jedoch in ihrem Verhalten sowie in ihrer Sprache, „sehr nahe an meiner eigenen Welt“ sagt Rickenbach. Denn die Zeichnerin lässt sich mit Vorliebe vom alltäglichen Leben inspirieren. Da verwundert es nicht, dass Rickenbach eigentlich Journalistin werden wollte. Gezeichnet hat sie schon immer gerne, weshalb sie einen Kurs an der Schule für Gestaltung in Basel belegt. Dort fasst sie den Entschluss, Erzählen und Zeichnen zu verbinden, wodurch sie zum Comic kommt. Sie studiert an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern. Während ihres Auslandssemesters in Hamburg kommt sie in Kontakt mit der regen jungen deutschen Comic-Szene um Sascha Hommer und Arne Bellstorf, und veröffentlicht erste Comicgeschichten in deren Comic-Anthologie Orang. Weitere Comicerzählungen Rickenbachs erscheinen in Panik Elektro und Flitter sowie der Zeitschrift Strapazin. Aus dem talentierten Comicnachwuchs Rickenbach ist längst eine anerkannte Zeichnerin geworden. Als sie im Sommer 2006 den Züricher Lokalmatadorkarikaturisten Mike van Audenhove in dem Stadtmagazin Züritipp vertritt, kommt dies einem Ritterschlag gleich. Rickenbachs launige Comicstrips über die alltäglichen Erlebnisse einer jungen Baslerin in einem ihr feindlich gestimmten Zürich erreichen schnell Kultstatus und machen sie einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Es sind die vermeintlichen Banalitäten des Alltags, die Rickenbach sorgfältig herausfiltert und kongenial mit ihrem pointierten Humor anreichert. Ihr unvergleichlich hinreißend schwungvoller Strich betont die Leichtigkeit, mit der sie Geschichten erzählt.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut Schweden
Mail Symbolinfo@stockholm.goethe.org
Dezember 2008

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