Cartoon/Humor

Die witzigste Frauenrechtlerin der Republik – Franziska Becker

Franziska Becker: Ich will ein Baby (2000)Gängige Klischees für Geschlechterrollen besagen, dass Satire eine Männerdomäne sei. Seit über 35 Jahren zeichnet und malt Franziska Becker gegen Rollenzuschreibungen dieser Art an – und sie gehört zu den bedeutendsten Karikaturist(inn)en in Deutschland.

Intellektuelle schlürfen Sekt auf einer Vernissage. Die großformatigen Porno-Gemälde an den Wänden zeigen allesamt Frauen. Eine Sprechblase schwebt über einer Kunstliebhaberin: „Der Künstler spendet die Hälfte vom Verkaufserlös an die Initiative gegen Ausländerhass! Sehr nobel!!“ – Franziska Becker hat diese Karikatur „Menschenfreund“ genannt.

Seit mehr als 35 Jahren begleitet die Cartoonistin die bundesdeutsche Geschichte und die Geschichte der Emanzipation mit bunten und detailreichen Bildern. Franziska Becker gilt als scharfe Beobachterin, vor deren Röntgenblick nichts sicher ist. Sie ist eine feministische Moralistin, einfühlsam und sarkastisch. Ihre kulleräugigen und knubbel- oder langnasigen Figuren haben stets etwas Liebenswürdiges und Heiteres; sie geben ihre Schöpferin als Menschenfreundin zu erkennen.

Franziska Becker: Ich will ein Kind
Diashow


Von William Hogarth bis zu Wilhelm Busch

Für ihr satirisches Werk ist Franziska Becker vielfach ausgezeichnet worden. Im Sommer 1988 erhielt sie auf dem Comic-Salon in Erlangen den Max-und-Moritz-Preis als Bester deutscher Comic-Künstler. Im Januar 2012 wurde ihr der wohl bedeutendste deutsche Satirepreis, der Göttinger Elch, für ihr Lebenswerk verliehen. Damit befindet sie sich in illustrer Gesellschaft vieler Männer – wie Chlodwig Poth, Robert Gernhardt, Gerhard Polt, F.W. Bernstein, Hans Traxler – und nur einer Frau: der Karikaturistin Marie Marcks.

Im September 2013 ist für Franziska Becker nun noch der Wilhelm-Busch-Preis hinzugekommen, der satirische Erzähler mit einer ästhetisch hochwertigen Zeichenkunst auszeichnet. Die Künstlerin mag sich dadurch besonders geehrt fühlen, schließlich ist Wilhelm Busch seit ihrer Kindheit „ein absoluter Liebling“. Fragt man sie nach weiteren prägenden Gestalten, nennt sie Tomi Ungerer und für die letzten Jahre immer stärker die großen englischen Karikaturisten von William Hogarth bis Thomas Rowlandson.

Von der Kunstakademie zur EMMA

Franziska Becker wird 1949 in Mannheim geboren. Sie nimmt ein Studium der Ägyptologie auf, macht eine medizinisch-technische Ausbildung und geht 1972 an die Kunstakademie Karlsruhe, wo sie sich allerdings weit weniger zu Hause fühlt als in der Heidelberger Frauenbewegung, für die sie sich engagiert.

Im Herbst 1976 bewirbt sich die Studentin bei der von Alice Schwarzer neu gegründeten Zeitschrift Emma. Sie wird genommen, schmeißt ihr Studium und arbeitet seither als freischaffende Karikaturistin und Malerin. „Manchmal ist es eben richtig, aufs Gefühl und nicht auf Sicherheit zu achten. Man muss den Zipfel des Schicksals ergreifen“, so kommentiert sie ihren mutigen Entschluss.

„Frau Knöbel macht das Beste aus ihrem Typ“, heißt Beckers parodistischer Beitrag für die allererste Ausgabe der feministischen Zeitschrift Emma, die sie bis heute als Haus-Cartoonistin begleitet. Daneben kommentiert ihr Federstrich unter anderem auch im Satiremagazin Titanic, im Stern, im Kölner Stadtanzeiger und dem Magazin des Züricher Tagesanzeigers pointiert die aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. In rund 20 Büchern sind ihre Bilder zusammengefasst: vom ersten Band Mein feministischer Alltag (1980) bis zur Letzten Warnung (2010). Darüber hinaus hat sie zahlreiche Bücher – darunter Kinder- und Kochbücher sowie Ratgeber – illustriert; ihre Werke wurden im In- und Ausland ausgestellt.

Vom Rollentausch zur Einsicht

Franziska Becker lebt und arbeitet heute in Köln, im Bergischen Land und immer öfter auch in Philadelphia (USA). Ihre Ausdrucksformen reichen von der tagespolitischen Karikatur über die satirische Bildgeschichte, den Comic und die pointierte Illustration bis zu großformatigen Gemälden.

Die Themen für ihre Cartoons gibt ihr das Leben vor: Kinderwunsch und Reproduktionstechnologie, Familie und Beruf, Mode und Schlankheitswahn, Kopftuch und Kirche, Abtreibungsparagraph und Viagra, Finanzkrise und Hartz IV, Alter und Jugendwahn, Partnerschaft und Parteitage. Doch bei aller Nähe zu den aktuellen Trends altern ihre Bilder erstaunlicherweise kaum. Sie spielen jenseits des gesellschaftspolitischen Rahmens eher auf einer tieferen Ebene weiter und bilden dort allgemein Menschliches ab.

Viele ihrer Cartoons basieren auf dem so verblüffend einfachen wie effektvollen Trick, die Geschlechterverhältnisse einmal umzudrehen: Ein Großraumbüro voller Frauen. Ein Mann geht mit einem großen Stapel Akten durch den Gang zwischen den Schreibtischen. Eine der Bürodamen greift ihm unverhohlen von hinten in den Schritt – zur sichtlichen Freude der Kolleginnen. „Attacke“ heißt das Bild, das wie so viele Werke aus der Feder von Franziska Becker gleichzeitig erheiternd und beklemmend wirkt – und dabei ganz ohne Worte auskommt.

Dagmar Giersberg arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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November 2012

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