Cartoon/Humor

Eine ungewöhnliche Sicht auf die Gesellschaft – Katharina Greve

Aus: Katharina Greve: Ein Mann geht an die Decke, Verlag Die BiblyothekKatharina Greve
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Wenn Katharina Greve sich hinsetzt und arbeitet, kann etwas sehr Komisches dabei herauskommen: Die Comiczeichnerin hat Humor. Als „Freizeitdenkerin“, wie sie sich selbst nennt, kultiviert sie eine ungewöhnliche Sicht auf die Gesellschaft. Ihre Cartoons sind feinsinnige Alltagsbeobachtungen, die die gegenständliche Welt entlarven und hinterfragen. Ihre Comicfiguren scheren sich nicht um Naturgesetze und Konventionen, sondern leben in einem ganz eigenen, zuweilen sehr skurrilen Universum.

Von der Architektin zur Freizeitdenkerin

Katharina Greve, 1972 in Hamburg geboren, ist keine Illustratorin im herkömmlichen Sinn, sondern Architektin. Ihr Studium an der Technischen Universität Berlin schloss Greve zwar ab, doch bezweifelte sie alsbald die eigene Berufswahl: „Als Architektin muss ich mich an die Schwerkraft halten und Räume schaffen, in denen die Menschen tatsächlich leben und arbeiten, das ist mir viel zu realistisch und ernst“.

Nach der Diplomarbeit im Jahr 1999 verdiente sich Greve ihren Lebensunterhalt mit einem Job in einer Werbeagentur. Parallel dazu versuchte sie sich als Performance-Künstlerin, Drehbuch-Autorin und „Situationsdesignerin“. „Dann beschloss ich, meinen Humor zu professionalisieren“, sagt Greve. Inspiriert durch die Ideen von Douglas Adams und David Sedaris und die Zeichnungen von Kriki und Ol entstanden erste Cartoons und Comic-Szenen.

2004 schickte die Zeichnerin ein paar Cartoons an das Satiremagazin Titanic. Das Anschreiben und die Zeichnungen signierte sie mit den Initialen KA Greve – „ganz bewusst, weil ich damals den Eindruck hatte, dass Humor ein Männergeschäft ist“. Wenige Tage später erhielt sie eine Postkarte, auf der sie mit „Lieber Herr Greve“ angesprochen wurde. Ein Anruf beim Bildredakteur klärte nicht nur die – weibliche – Urheberschaft, sondern legte auch den Grundstein für die bis heute andauernde Zusammenarbeit.

„Witze zeichnen ist eine einsame Angelegenheit“

Kleine Kostproben aus den Titanic-Arbeiten sind auch auf Greves Internetseite nachzulesen. „Wenn man Lust auf After Eight hat, aber gerade keins im Haus ist, hilft auch herkömmliche Zartbitterschokolade mit gleichzeitigem Zähneputzen weiter“, lautet etwa ein Kulinarischer Tipp. Auch die Serie Die Dramatik der Dinge, die seit 2005 im Verlag für Bildschirmcomics von Ulli Lust erscheint, ist dort in Auszügen zu finden.

Für diese Serie erweckt Greve die Welt der Gegenstände zum Leben. Drei Panels genügen für eine ganze Geschichte: Da hängt ein abstraktes Gemälde in einem Museum, gelangweilt spaziert ein Erwachsener mit Kind vorbei. „Und jetzt denken sie wieder: 'Das kann meine kleine Tochter auch'“, kommentiert das Gemälde. Zweites Bild, dieses Mal ohne Menschen: „Schnickschnack!!!“. Drittes Bild: „Das blöde kleine Gör könnte sich niemals Jahrzehnte an diesem einen Nagel festhalten!“.

Ein Cartoon muss witzig sein, darf gemein sein und Tabubrüche beinhalten, findet Greve. Nur über Schwächere dürfe man sich nicht lustig machen. Getreu diesem Motto durchforstet die Zeichnerin ihre Umgebung – immer auf der Suche nach einem guten Witz, einem schönen Einfall, der richtigen Pointe.

Das Medium bietet ihr dabei ein weites Spielfeld: „Als Comiczeichnerin kann ich meine Welt selbst definieren“, sagt Greve, „da bin ich nicht nur Regisseurin, sondern bestimme Bühnenbild, Maske und Drehbuch“. Der Rest ist harte Arbeit, denn: „Witze zeichnen ist eine einsame Angelegenheit“. Und nicht immer rentabel, weshalb sie immer noch regelmäßig für Werbeagenturen arbeitet.

Schwerelose Fahrstuhlführer, Transplantationsforscher und philosophierende Pflanzen

Im Jahr 2009 erschien im Leipziger Verlag Die Biblyothek der Comic Ein Mann geht an die Decke. Darin geht es um den Fahrstuhlführer Franz Fink, der im Berliner Fernsehturm einer Frau begegnet und ihr folgt. Er lernt eine Welt kennen, in der die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr gelten und die Menschen an Wand und Decke laufen können. Die schnörkellosen Zeichnungen und die reduzierten geometrischen Figuren kamen bei Fachpresse und Publikum gut an: Für das herausragendes Artwork wurde das Buch 2010 auf dem Erlanger Comicfestival mit dem ICOM Independent Comic Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr bekam Greve als erste Frau den Deutschen Cartoonpreis, der vom Carlsen Verlag und der Frankfurter Buchmesse verliehen wird.

Beim Comic Patchwork – Frau Doktor Waldbeck näht sich eine Familie, der im Herbst 2011 erscheint, bastelt sich eine Transplantationsforscherin aus Resten in ihrem Labor ein paar Wunschkinder. Eines besteht nur aus Kopf und Händen, ein anderes hat Tintenfischtentakel als Arme. Das Familienleben geht so lange gut, bis eine neugierige Nachbarin die Kinder entdeckt und die Boulevard-Presse informiert. Nun beginnt eine wilde Jagd auf die Familie.

Toleranz und Selbstbestimmung gehören zu den wiederkehrenden Themen im Werk von Greve. Und der Mut zur Veränderung. Den beweist die Comiczeichnerin, indem sie mit anderen Zeichnern arbeitet (wie etwa jüngst mit Kittihawk) oder für ein Neuköllner Kunstprojekt die Pflanzen mit Sprechblasen über ihr Leben philosophieren lässt. Denkt der Samen in einem Haufen brauner Erde: „Hmmm. Schon Ende Juni. Ob ich jetzt noch keimen soll? Och nö, was soll der Stress …“

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

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August 2010

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