Katz & Goldt

Katz und Goldt – das Duo, das das tut, was Duos tun sollten

Copyright: Katz und GoldtNiemand sonst in Deutschland hat einen so unverwechselbaren gezeichneten Witz zu bieten wie das Künstlerduo Katz & Goldt. Er speist sich aus der Sprachvirtuosität des preisgekrönten Schriftstellers und Comicszenaristen Max Goldt und dem Können des Cartoonisten Stephan Katz.

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Katz und Goldt: Die Hausverwaltung im Morgengrauen

Stephan Katz und Max Goldt wissen, was der deutsche Comic an ihnen hat. In der fünften Episode ihrer kleinen Serie Die beiden netten Homos besuchen die zwei Titelhelden Chicago und dort ein anderes homosexuelles Paar, dem sie von Walter Moers, Ol, Rattelschneck und Tex Rubinowitz erzählen – lauter deutschen Zeichnern mit recht skurrilem Humor.

Als sich die Herren wieder trennen, rufen die amerikanischen Gastgeber den beiden Deutschen hinterher: „Before tonight we knew little about German cartoons. Thank you for changing this.“ („Bis heute Abend haben wir wenig über den deutschen Cartoon gewusst. Danke, dass Ihr das geändert habt!“)

Es ist jedoch nicht vermessen, dieser hübschen Bildfantasie ein gravierendes Versäumnis vorzuwerfen: Die beiden netten Homos haben ihre eigenen Schöpfer Katz und Goldt unterschlagen. Denn dieses Gespann, das unter dem Motto „The duo that does what duos should do“ („Das Duo, das das tut, was Duos tun sollten“) arbeitet, passt nicht nur in die eindrucksvolle Humoristenreihe von Moers bis Rubinowitz, es führt sie an. Niemand sonst in Deutschland hat einen so unverwechselbaren gezeichneten Witz zu bieten.

Er speist sich aus der Sprachvirtuosität Max Goldts, eines Schriftstellers, der für sein literarisches Schaffen unter anderem mit dem Kleistpreis ausgezeichnet wurde (und damit der höchstdekorierte Comicszenarist im Lande ist), und aus dem Cartoonkönnen von Stephan Katz, der einen scheinnaiven Zeichenstil entwickelt hat, zu dem die feinziselierten Texte von Goldt im größtmöglichen Kontrast stehen. Zumindest glaubt man das, und diese Diskrepanz bewirkt die Komik der Comics.

Erste Begegnung, erste Publikation

In Wahrheit aber begegnen sich die Bilder von Katz und die Worte von Goldt auf gleicher Höhe. Beide Künstler lieben das Doppelspiel aus Beobachten und Begutachten – sie nehmen Alltagsphänomene akribisch auf und kommentieren sie lustvoll. Dieses gemeinsame Interesse an einer spöttischen Phänomenologie erkannte Max Goldt, als ihm Stephan Katz 1994 einige Comics schickte, die nach seinen Texten entstanden waren.

Der Schriftsteller und der Zeichner taten sich zunächst für gelegentliche Arbeiten zusammen, doch im Laufe der Jahre intensivierte sich die Kooperation derart, dass das Duo Katz und Goldt schließlich fünf Jahre lang, von 2002 bis 2006, einen regelmäßigen Comic-Strip für die Wochenzeitung Die Zeit zeichnete und noch heute eine feste monatliche Rubrik im Satiremagazin Titanic bestreitet.

Der erste gemeinsame Auftritt aber fand bereits 1996 statt: in denkbar anspruchsvoller Form, nämlich gleich als ein ganzes Album, das bei dem damals hochangesehenen Comic-Avantgardeverlag Jochen Enterprises erschien. Wenn Adoptierte den Tod ins Haus bringen hieß dieser Band, und der Titel setzte bereits den Ton für alles, was danach noch kommen sollte.

Markenzeichen Katz und Goldt

Solch pointierte verbale Abstrusität ist eines der Markenzeichen von Katz und Goldt, und sie verdankt sich vor allem dem 1958 geborenen Max Goldt, dessen Karriere ihren Anfang in den frühen Achtzigerjahren nahm, als der Schriftsteller mit seiner Band Foyer des Arts die Neue Deutsche Welle ums Prinzip des Sprachspiels bereicherte. Später erreichte sie ihren Höhepunkt in der Titanic, weil die Kolumne Aus Onkel Max’ Kulturtagebuch eine neue Form der Alltagskritik etablierte, die ausgerechnet Benimmregeln in den Mittelpunkt stellte.

Unübersetzbare Wortvirtuosität

Diese Texte faszinierten Stephan Katz, weil sie mit allen intellektuellen Moden brachen. Der 1970 geborene Zeichner setzte sie zunächst mit Figuren um, die sich an jenem eher grob gehaltenen Comicstil orientierten, den nach 1990 Protagonisten wie Fickelscherer, Atak, Beck und Ol geprägt hatten. Doch schon im zweiten Album von Katz und Goldt, dem 1998 erschienenen Koksen, um die Mäuse zu vergessen, zeigte sich ein grafischer Trend hin zu piktogrammatischer Stilisierung, und das dem Underground entlehnte Schwarzweiß wurde durch meist farbige Bilder abgelöst. Die Zeichnungen wurden detail- und anspielungsreicher und gern durch Kommentare zur Handlung ergänzt, die sich als kleine Nebenszenen am Rande der Seiten abspielen.

Dieses Erzählprinzip, das den Assoziationsreichtum der Texte von Goldt kongenial aufnimmt, ist von dem Duo danach konsequent beibehalten worden, und auch wenn sie häufig den Verlag gewechselt haben – auf Jochen Enterprises folgten Carlsen, Rowohlt und schließlich die Edition Moderne –, gelang es Katz und Goldt, ein unverkennbares Erscheinungsbild ihrer Cartoonbände beizubehalten, für das Katz selbst in einem seiner Comics das Vorbild der amerikanischen Zeichner Roz Chast und Chris Ware beschworen hat.

Das sind große Namen, aber Katz und Goldt werden ihnen gerecht, wenn sie auch den Fokus mehr auf Witz als auf grafische Originalität legen. Im deutschen Sprachraum ist ihr Humor unverwechselbar, und leider ist er durch seine Wortvirtuosität auch unübersetzbar. Er hat alles verändert, was man bislang hierzulande unter Witzzeichnungen verstanden hat. Thank you for changing this. („Danke, dass Ihr das geändert habt.“)

Andreas Platthaus
arbeitet als Feuilleton-Redakteur bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ).

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Februar 2012

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