Klassiker

Chaos und skurille Figuren – Manfred Schmidt

Copyright: Lappan VerlagManfred Schmidts Detektiv-Comic Nick Knatterton war eine direkte Reaktion auf die ersten amerikanischen Comics im Nachkriegsdeutschland. Die GIs der Besatzungsmacht verschenkten ihre Superhelden-Comics an deutsche Jugendliche, deren Eltern davon überhaupt nicht begeistert waren. Auch Manfred Schmidt gehörte zu den Erwachsenen, die die actiongeladenen und bunten Bildergeschichten aus den USA als eine der „primitivsten aller Erzählformen“ ansahen.

Mit der Figur und Serie Nick Knatterton machte er sich daran, das Medium zu parodieren und mit seinen eigenen Mitteln zu persiflieren. Er entwickelte seinen karoanzugtragenden und pfeiferauchenden Protagonisten aus Dick Tracy und Sherlock Holmes, und im Gegensatz zu den Superhelden brillierte Knatterton nicht mit Muskelkraft, sondern mit seinem unschlagbaren logischen Verstand. Sein in besonders kniffligen Situationen beliebter Ausspruch „Kombiniere!“ wurde zu seinem Markenzeichen und zum geflügelten Wort der deutschen Sprachkultur.

Da die Comics im Allgemeinen für ihre „unruhige Erzählweise“ gerügt wurden, setzte Schmidt genau dort mit seiner Parodie an. Er lässt das Chaos in seinen Comic-Strips walten und füllt seine Geschichten mit skurrilen Figuren, die in Charakter und Habitus extrem überzeichnet dargestellt sind, an. Und die Einzelbilder sind so mit zeitgleichen Handlungsabläufen, überbordenden Textblöcken und Sprechblasen vollgestopft, dass man beim Lesen trunken zwischen Wort und Bild hin und her taumelt. Was als Persiflage gedacht war, wurde nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland zum absoluten Renner.

Mit viel Klamauk und Spannung begeisterte Schmidt sowohl eine jugendliche als auch eine erwachsene Klientel. Besonders die männlichen Leser erfreuten sich an der für die damalige Zeit frivole Darstellung der weiblichen Figuren und dem chauvinistischem Frauenbild. Die ersten Slapstick-Abenteuer erlebte der Meisterdetektiv in Knickerbockerhosen 1950 in der Illustrierten Quick und schon zwei Jahre später erschien aufgrund des großen Erfolgs der erste von insgesamt sieben Nick Knatterton Sammelbänden. Als Werbeträger, Zeichentrick- und Realfilmfigur lebt Nick Knatterton auch trotz der relativ schnellen Absetzung der Comic-Serie im Jahr 1959 bis heute weiter.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut Stockholm
Mail Symbolinfo@stockholm.goethe.org
März 2005