Manga

Kulleraugen und schwarze Tinte: Die Germangaka kommen!

Alexandra Völker/EMASie sind jung, talentiert und selbstbewusst. Manga-Zeichnerinnen aus Deutschland haben Erfolg: Die Verlage verzeichnen steigende Auflagen, die Fangemeinde wächst. Ein Streifzug durch die deutsche Manga-Szene zeigt, wie vielfältig das Genre ist.

Anike Hage ist seit frühester Jugend eine „Germangaka“, wie deutsche Manga-Zeichnerinnen liebevoll von ihren Fans genannt werden. Seit einem Talentwettbewerb, bei dem sie den zweiten Platz belegte, arbeitet Hage, die 1985 in Wolfenbüttel geboren wurde, hauptberuflich als Comiczeichnerin. Für ihre Mädchen-Fußballgeschichte Gothic Sports bekam sie 2007 auf der Frankfurter Buchmesse den Sondermann-Preis verliehen, 2011 folgte ein weiterer Sondermann für die Adaption des Jugendbuchklassikers Die Wolke von Gudrun Pausewang.

Die Geschichte der fünfzehnjährigen Janna, die einen atomaren Supergau erlebt, ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich deutsche Zeichnerinnen vom traditionellen Genre gelöst und eigene Inhalte und Formen entwickelt haben. Anike Hages Charaktere haben keine riesige Augen und ausgeprägte Stupsnasen und leben in typisch deutscher Umgebung. In der Serie Gothic Sports tragen die Mädchen nicht nur extravagante Trikots, sie sind auch mutig und frech und lassen sich nicht beirren.

„Wer von Mangas leben will, muss schon etwas verrückt sein“

Die Zahl der Mangaka, die sich mit ihren Zeichnungen den Lebensunterhalt verdienen kann, ist gering. „Der Arbeitsaufwand für Mangas ist hoch, das Gehalt ist im Verhältnis dazu gering“, erzählt Inga Steinmetz. Die 1983 in Berlin geborene Illustratorin hat mit Dojinshis – im Selbstverlag herausgegebene Mangas – begonnen und veröffentlichte zunächst Cartoons im Berliner Stadtmagazin tip. „Wer von Mangas leben will, muss schon etwas verrückt sein“, sagt sie, „aber ich finde darin viel Erfüllung“.

Inga Steinmetz, © Inga SteinmetzFür die Adaption der Romanreihe Freche Mädchen von Autorin Bianka Minte-König hat sich Steinmetz gründlich vorbereitet: „Ich habe sieben Bücher der Reihe gelesen und Notizen gemacht, wenn auf das Aussehen der Mädchen eingegangen wurde“, erzählt sie, schließlich sollten die Charaktere der Vorlage entsprechen. Ihre zarten Federzeichnungen und die ausgewogenen Panels beschreiben einfühlsam die Lebenswelt der Mädchen mit ihren Komplexen, Wünschen und Sehnsüchten. Weil Steinmetz gerne modische Kleidung und schöne Frisuren zeichnet, arbeitet sie derzeit an einer eigenen Serie: Alpha Girl soll im Frühjahr 2012 erscheinen und spielt im 18. Jahrhundert. „Lustig soll es werden und verspielt, deshalb gibt es viele Kleider, Rüschen und sexy halboffene Hemden“, kündigt sie an.

Auf die Modewelt setzt Alexandra Völker in ihrem Manga Catwalk: Die schüchterne Blanche wird in der Metropole Xela City als Model entdeckt. Doch der Traumberuf entpuppt sich als harter Job mit vielen Schattenseiten. Völker, Jahrgang 1986, mag es gerne grell: Ihre Figuren tragen extravagante Kleidung und schrille Frisuren. Starke Konturen und ausgeprägte Schattierungen geben den Zeichnungen eine artifizielle Stimmung, die gut zu dieser Glitzerwelt passt. In ihrem Manga-Märchen Dark Magic erzählt Völker von einer skurrilen Hexe ohne Zaubertalent. Mit witzigen Dialogen, schrägen Bildideen und bizarren Figuren erschafft sie eine singuläre Welt, die sich in kein Genre einordnen lässt.

„Schwule Jungs“ – Mangas von und für Mädchen

Anna Hollmann, 1983 geboren, widmet sich einem „urtypischen" japanischen Genre: Die Mangaserie Stupid Story gehört zum „Schwule Jungs“-Genre (shonen-ai) und richtet sich an eine weibliche Leserschaft, die sich mit Hilfe männlicher Figuren in die Welt erotischer Beziehungen hineindenken sollen. „Ich mag am liebsten coole Typen“, sagt Hollmann, die bereits als 13-Jährige im Stil japanischer Comics zu zeichnen begann. Ihre langgliedrigen, androgynen Charaktere eignen sich perfekt für die romantische Geschichte von Stupid Story: Der Außenseiter Yanik kommt an eine neue Schule und trifft dort auf den Frauenschwarm Alan. Bei einer Party verkleidet sich Yanik als Mädchen und wird von Alan geküsst. Natürlich bedarf es diverser Verwirrspiele, Annäherungsversuche und Streitereien, bevor sich beide ihrer Gefühle bewusst werden.

Dem shonen-ai-Genre verpflichtet fühlt sich auch die Trilogie Lilientod von Zeichnerin Martina Peters und Autorin Anne Delseit. Für die Geschichte um den adligen Arin, der nach einer Mordserie auf seinem Schloss den Täter Amaryll entlarvt und prompt eine Liebesbeziehung mit diesem anfängt, setzten die Autorinnen auf eine Mischung aus Mystery, Geschichte und Romantik. „Wir haben die Geschichte überwiegend im Internet entwickelt“, erklärt Peters. Skizzen und Ideen für das Skript wurden per Mail ausgetauscht, Korrekturen ebenfalls. Peters, die ihre Zeichnungen auch unter dem Nickname Soen ins Netz stellt, arbeitet derzeit an der Boylove-Story Ten, die 2012 erscheinen soll.

Fantasy, Magie und Science-Fiction

Auf Fantasy hat sich Natalie Wormsbecher spezialisiert. „Wenn die Leserinnen Herzklopfen haben, bin ich zufrieden und der Manga hat seinen Zweck erfüllt“, sagt die Mangaka, die 1986 geboren wurde. In der Reihe Life Trees Guardian geht es um zwei Mädchen und einen Wolf, die sich auf die Suche nach einem magischen Lebensbaum aus einer anderen Welt machen. „Ich zeichne eher simpel und ohne viel Details“, beschreibt Wormsbecher ihren Stil. „Ich will den Leser mit einem hohen Lesetempo fesseln. Dazu müssen die Augen schnell über die Seite gleiten können, ohne von viel Schnickschnack aufgehalten zu werden“. Die Panelstruktur bricht Völker mit explosiven Actionszenen – ein gelungener Kontrast zu den kindlich-verspielten Charakteren, die sie für die Titelcover übrigens ganz altmodisch mit Buntstiften koloriert.

Aus dem Rahmen fällt auch Anne Pätzke, 1982 in Frankfurt an der Oder geboren. Für die Kinderbücher über den kleinen Hasen Kulla pinselt sie die Motive mit Acrylfarben auf Leinwand. Die verträumten Geschichten, die vor allem bei jungen Mädchen gut ankommen, erzählen von Freundschaft, Magie und Kindheitsträumen.

Doch Pätzke erschafft an ihrem Rechner auch fantastische Welten: Für das Sci-Fi-Spiel Space Mission entwickelte sie eine Galaxie mit düster lodernden Planeten und blinkenden Raumstationen. Für junge Mangaka, die ihre Zeichen- und Maltechniken mit der tragbaren Nintendo-Spielkonsole verbessern möchten, hat sich Pätzke außerdem für Tutorials vor die Kamera gesetzt. Ihre Empfehlung an den Nachwuchs: „Viel lesen und selbst schreiben, dann die Sachen für eine ganze Weile auf die Seite packen, weil man dann erkennt, was verbessert werden kann.“

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2011

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