Uwe Tellkamp

Der Schlaf in den Uhren (Teil 2)

Die Zeit im Grund, Quin-quin, die Zeit,
die ändert doch nichts an den Sachen.
Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie:

– meergrüne Schallplatte in der Nacht, schwappende Systole des auf dem Plattenteller schwimmenden Lichts, »Monarch Record«, kreppig klingende Kaiserzeit-Aufnahme, auf dem Etikett die lange Röhre des Grammophons mit dem weißen Hund davor, der sich rasend drehte
          Die Zeit im Grund, Quin-quin, die Zeit,
sang die Marschallin mit der Stimme von Margarethe Siems
– rote und graue Schalensitze in der Straßenbahn, das Brummen der Elektroheizungen unter den Sitzen der Fensterreihe in unregelmäßigen Abständen vom Knacken des anfahrenden oder abbremsenden Wagens unterbrochen; Wilhelminenstraße, wo es eine Blindenschule gab und die Bahn vor einem Zebrastreifenübergang wartete, bis die Blinden, geführt von einer Erzieherin, sich mit ihren langen weißen Stäben über die Straße getastet hatten, was in meiner Erinnerung stets zuerst lautlos geschieht, dann, je mehr die ohnehin gedämpft geführten Gespräche in der Bahn verstummen, allmählich lauter wird, das Tacktack der einen Sektor vor den Füßen absuchenden Stäbe, dieses Geräusch der Heimgesuchten, die mit weißen Gesichtern und leicht schräggeneigten, wie nach innen lauschenden Köpfen die Straße überquerten, die verschlossenen Mienen, seltsam unzugehörig zu den Händen, die mit den Stöcken den Weg freitasteten und also, so empfand ich damals, etwas mit der Gegenwart zu tun haben mußten, während die Gesichter oder besser: die Masken, zu denen die Gesichter geworden waren, in einem anderen Raum lebten, Tacktack in der Stille der stehenden Bahn, dieses Geräusch nicht nur der Heimgesuchten, sondern auch der Heimsuchenden; aber die Uhren, Muriel
– »Pionierpalast«, die gepflasterte Auffahrt, der Springbrunnen im geisterhaften Licht der wenigen Laternen, die dort zu dieser Stunde brannten, selten stieg hier jemand ein oder aus, das alte Schloß mit seinem drachenhaft gezackten Umriß lag schwarz und leer (...)

(...)
– drei, vier … Ich hörte die Uhr der Marschallin schlagen
– die Bahn beschleunigte vor der letzten Steigung des Bergs, der links jäh in den buchenbestandenen Mordgrund abfiel und rechts, die Straße war in die Bergflanke geschnitten, ebenso jäh anstieg zu den ersten Ausläufern des Turms, schnörkelig verbauten, mit Erkern, Dachreitern und Balustraden verzierten Schwalbennestern; Lahmanns Sanatorium kam in Sicht, roter Sowjetstern am Tor, im Regen frierende Posten in durchnäßten Wettermänteln, der von Bogengängen gerahmte Garten mit seinen Hermen und dem mit silberner Silikoneinbrennfarbe gestrichenen Lenin-Gipskopf in der Mitte, links der luftig verglaste ehemalige Gesellschaftssaal, Kur- und Wandelhalle, die bei Lahmann »Wanderhalle« geheißen hatte; weit hinten, von der Bahn aus nur kurz zu sehen, das Herrenbad; jetzt liefen Soldaten und Offiziere mit verbundenen Armen und Köpfen, an Krücken, in Bademänteln unter den mit Delphinen und griechischen Mäandern verzierten Gebäuden, deren zerbrochene Scheiben und schiefhängende Fensterläden den Eindruck starrer Traurigkeit erweckten
– fünf, sechs … Ich hörte die Uhr der Marschallin schlagen
– Schallplatte, ist es Niklas Tietze, der mit Glacé-Handschuhen die Platte wendet, so daß sie beim Adventskerzenlicht für einen Moment wie Kupfer schimmert: Das ist der Schlaf, hörte ich flüstern, das ist die Spindel in der Zeit, der tiefe Schlaf; es war nicht Niklas, dessen Grandseigneursgesicht mit der vom Punsch glühenden Adlernase sich über den furnierholzverkleideten Plattenspieler beugt, so daß sich in den Brillengläsern das anhebende Kreisen widerspiegelt, der in Zeitlupe sinkende Abtastarm und die ineinanderwandernden Lichtreflexe der unruhig dünenden »Eterna«-Schallplatte, die sich mit den Schattenflügeln der Pyramide an der Decke mischten; die weißen Glacé-Handschuhe wirkten wie selbständige Lebewesen im rotdurchspielten Dämmer, der im Zimmer herrschte; nicht Niklas, sondern Vater ging in die Hocke (...)

Aus:
Uwe Tellkamp: Der Schlaf in den Uhren : Roman (Auszug)
Noch nicht im Verlag erschienen. Den ganzen Auszug können Sie auf der Internetseite des Ingeborg-Bachmann-Preises lesen:
Rechts-PfeilIngeborg-Bachmann-Preisträger Uwe Tellkamp

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