Nox

Suhrkamp, Frankfurt/M 1995, 159 Seiten
Ist das der langersehnte Wende-Roman, das neue deutsche Wiedervereinigungsepos, 160 Seiten kurz, sieben Kapitel dünn, eine Nacht lang? Nox, das ist die Nacht, in der ein Mord geschieht, in der eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Namen die taumelnde Stadt durchstreift, in der die „Narbe“, die Deutschland teilte, „wie schlecht verheiltes Gewebe“ aufbricht und sadomasochistisch veranlagte Leute aus Ost und West die Vereinigung unter der Gürtellinie vorantreiben. Das ist die Nacht, in der Saturn seinen höchsten Stand erreicht hat, in der die „geistige kreative Elite des Landes“ bekifft und besoffen auf einem Schiff den Landwehrkanal Richtung Osten hinabtreibt, in der ein „Geräuschemacher" den Ton angibt und ein sprechender Grenzhund den Todesstreifen durchquert. Dieser Text steht unter Strom. Nox, Nacht, ist eine Phantasmagorie auf die Nacht, in der die Mauer fiel, düster illuminiert und gleichwohl lichterloh halluziniert. Ein Erzähler ist hier am Werk, der den Sirenengesang der Verführung beherrscht – suggestiv, kunstfertig und berechnend.
Thomas Hettche – Biografie
Bernard Imhasly: „Das Atmen der Dinge, das Droehnen des Sterbens“
© Neue Zürcher Zeitung, 23.03.1995













