Köln: Servicestelle Stadtbibliothek
Nicht der Zoo oder der Fußballverein 1. FC sind der Publikumsrenner in Köln. Es ist die Stadtbibliothek! Damit sie so erfolgreich bleibt, setzt sie auf den Nachwuchs – bei den Besuchern und den Mitarbeitern. „Bipp!“ sagt der zweieinhalbjährige Tony und legt ein Buch beiseite. Er sitzt in seinem Kinderzimmer, räumt Bilderbücher von einem Stapel auf den nächsten und spielt „Ausleihtheke“. Regelmäßig geht er mit seiner Mutter in die Stadtbibliothek Köln. Sie sind nur zwei von 1,8 Millionen Menschen, die jährlich dieses städtische Angebot nutzen. „Wir sind die meistbesuchte Kultureinrichtung in der Stadt“, sagt Bibliotheksleiterin Hannelore Vogt. Zum Vergleich: „Der Zoo hat 1,5 Millionen, der 1. FC Köln 1,2 Millionen und alle Kölner Museen zusammen 800.000 Besucher.“ Die Stadtbibliothek Köln besteht aus der Zentrale in der Innenstadt, elf Zweigstellen in den Stadtteilen und einem Bücherbus. Zu den 900.000 Medien des Gesamtbestands gehören Bücher, Zeitschriften, DVDs, CDs und CD-ROMs. Per elektronische Ausleihe lassen sich auch Musik-CDs, Hörbücher, Zeitungen und Zeitschriften auf den eigenen Rechner herunterladen.
Leserwünsche im Eilverfahren
„Wir sind ein Dienstleister für alle Bürger in Köln“, so formuliert Hannelore Vogt das Selbstverständnis der Stadtbibliothek. Es gibt PC-Arbeitsplätze mit kostenlosem Internetzugang und wer vergebens nach einem Sachbuch sucht, kann es sich wünschen. Innerhalb einer Woche wird es dann in der Regel besorgt: „Natürlich dürfen die Wünsche nicht zu speziell sein, sie müssen ins Portfolio passen. Sonst verweisen wir auf die Fernleihe.“ Trotz der Etatkürzungen wegen der Finanzkrise hält man an diesem Service fest: „Uns war sofort klar: Gerade jetzt müssen die Leserwünsche berücksichtigt und verstärkt die Leute zufriedengestellt werden.“Azubis managen die Stadtteilbibliothek
Die städtische Bibliothek hat ein junges Publikum, 70 Prozent sind unter 60 Jahren. In den Stadtteilen sind es sogar 60 bis 80 Prozent Kinder und Jugendliche mit ihren Begleitpersonen, berichtet Vogt. Was junge Menschen brauchen, wissen am besten diejenigen, die selbst jung sind. Darum haben die elf Auszubildenden der Stadtbibliothek unter Leitung eines jungen Kollegen die Zweigstelle in Bocklemünd-Mengenich umgekrempelt. Den Bedarf der Bürger ermittelten sie bei Umfragen auf der Straße, in Schulen und Kindertagesstätten. Das Ergebnis ist eine „Familienbibliothek“ mit gemütlichen Leseecken. „Unsere Auszubildenden sollten selbstständiger und der Altersunterschied zwischen den Nutzern und dem Bibliothekspersonal geringer werden.“ Auch das Angebot im Kölner Stadtteil Chorweiler, wo viele sozial Benachteiligte und Menschen ausländischer Herkunft leben, ist mit einem Alphabetisierungskurs auf seine Bewohner zugeschnitten. „Ein Drittel unserer Besucher hat einen Migrationshintergrund“, sagt Hannelore Vogt. Darum gibt es für diese Zielgruppe spezielle Angebote. Dabei kooperiert die Stadtbibliothek mit anderen Einrichtungen wie der Universität, Schulen, der Volkshochschule und Anbietern von Integrationskursen.Ein gemütlicher Arbeitsplatz hinter Glas
Während in den Stadtteilen hauptsächlich Kinder- und Jugendbücher sowie Belletristik gefragt sind, bietet die Zentralbibliothek darüber hinaus viele Sachbücher. Besonders gemütlich sieht ein Arbeitsplatz auf der zweiten Etage aus: Ein Stuhl mit einem Schaffell steht vor einem Schreibtisch, auf dem gespitzte Bleistifte und mehrere Bögen Briefpapier liegen. Eine Kaffeetasse wartet darauf, gefüllt zu werden; Brille, Pfeife und Feuerzeug sind so abgelegt, als habe hier jemand nur kurz die Arbeit unterbrochen und komme gleich wieder. Es ist das letzte Arbeitszimmer von Heinrich Böll. Hinter Glas ist das Original ausgestellt, denn hier befindet sich das Heinrich-Böll-Archiv. Es bewahrt nicht die Handschriften des Kölner Autors auf – sie sind Bestand des Kölner Stadtarchivs – sondern Sekundärliteratur wie ein Zeitungsausschnittarchiv. Ebenfalls auf der zweiten Etage ist ein großzügiger Ausstellungsbereich, der sich der „Literatur in Köln“, kurz LIK, widmet. Wechselnd wird hier über Kölner Schriftsteller informiert, zum Beispiel über Hilde Domin oder eben Heinrich Böll. Er war 1959 Mitbegründer einer weiteren Spezialabteilung der Kölner Stadtbibliothek: Die „Germania Judaica“ ist eine der größten Sammlungen zur Geschichte des deutschen Judentums in Europa.Bauen für die Bücherbabys
Im Herbst 2010 bietet die Zentralbibliothek auch einen Automaten mit Ohrstöpseln. Denn gleich auf zwei Etagen wird umgebaut, finanziert unter anderem vom Land Nordrhein-Westfalen. Der eigene Etat hätte dies nicht hergegeben. Hannelore Vogt wünscht sich für die Zukunft vor allen Dingen „einen gesicherten Medienetat, denn das ist das A und O, dass wir aktuelle Medien haben.“
Und eine zeitgemäße Kinderbibliothek sei wichtig. Zumindest die ist in greifbarer Nähe: Im Untergeschoss wird schon kräftig an ihr gebaut. Wenn sie fertig ist, gibt es auch wieder die Krabbelgruppe für die „Bücherbabys“, also für Kinder zwischen einem halben und zwei Jahren. An fünf Terminen werden die Babys über Lieder und Singspiele an die Bücher herangeführt und lernen: Man kann nicht nur an ihnen nuckeln, sondern sie auch anschauen. Und die Eltern bekommen Tipps für die Sprach- und Sinnesförderung ihrer Kinder. „Wir wollen damit auch signalisieren: Junge Familien, auch mit schreienden Kindern, sind willkommen hier im Haus! Wir sind nicht nur Ort der Stille.“ Aber so richtig still ist es eigentlich nie in der Stadtbibliothek. Auch ohne Bauarbeiten macht spätestens bei der Ausleihe der Scanner laut und deutlich „bipp!“.
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.
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August 2010
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