Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion

Organisiert im Interesse von Bibliotheken – DBV und BID

Website des DBV; © DBVWebsite des DBV; © DBVAls „geistige Tankstellen der Nation“ hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal die Bibliotheken in Deutschland bezeichnet. Für deren Erhalt und Ausbau setzen sich seit 60 Jahren der Deutsche Bibliotheksverband (DBV) und seit 20 Jahren der Dachverband, Bibliothek & Information Deutschland (BID), ein. Sie bewegen damit Leser, Bücher und Meinungen.

Kinder sitzen auf niedrigen Stühlen und grabbeln lachend in einer Holzkiste mit Bilderbüchern, während ihre Väter sich unterhalten. Die Stadtteil-Bibliothek in Köln-Nippes ist auch ein Begegnungszentrum. Sie ist ein niedrigschwelliges, weil nachbarschaftliches Leseangebot an die 100.000 Bewohner des Bezirks. Einige Kilometer entfernt sitzen Studenten mit ihren Notebooks in der Universitätsbibliothek und bereiten sich auf das nächste Semester vor. Wer Theologie studiert, nutzt auch die Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln, eine der größten theologischen Spezialbibliotheken im deutschsprachigen Raum.

All diese Büchereien sind im Deutschen Bibliotheksverband (DBV) zusammengeschlossen. Sie zeigen die große Bandbreite der rund 1.900 Mitglieder. Weit über die Hälfte von ihnen befinden sich in Orten mit einer Einwohnerzahl unter 50.000. „Das sind sehr häufig Bibliotheken mit ganz wenig Personal, manchmal ist es nur eine halbe Stelle“, sagt DBV-Geschäftsführerin Barbara Schleihagen. „Diese Bibliothekare sind sehr darauf angewiesen, sich auszutauschen und von der Erfahrung und den Ideen der anderen zu profitieren.“ So gehöre die Vernetzung der Mitglieder neben der Lobbyarbeit in der Politik zu den Hauptaufgaben des Verbandes.

„Bibliothek des Jahres“

Stadtbücherei Biberach; © Stadtbücherei BiberachWas Bibliotheken leisten können, zeigt der Preis „Bibliothek des Jahres“. Bereits zum zehnten Mal vergab der DBV 2009 den einzigen nationalen Bibliothekspreis. „Preiswürdig sind nicht nur die großen, wichtigen historischen Bibliotheken, sondern oft auch kleine, sehr spezialisierte Büchereien, wie zum Beispiel die in der Justizvollzugsanstalt Münster“, sagt Barbara Schleihagen. Durch die Auszeichnung für die Münsteraner (2007) hätten viele Bürger erstmals erfahren, dass es überhaupt Gefangenenbüchereien gibt.

„Mit der Zeit-Stiftung haben wir einen starken Partner“, betont die DBV-Geschäftsführerin. Diese Kooperation ermöglicht ein beachtliches Preisgeld in Höhe von 30.000 Euro. Das erhielt in diesem Jahr die Stadtbücherei in Biberach an der Riß (Oberschwaben). Die Jury überzeugte unter anderem die „Erweiterung der Öffnungszeiten ohne Personalaufstockung durch Automatisierung der Ausleihe“ sowie die enge Kooperation mit Schulen. So wurde die „Mediothek“ der beiden Gymnasien in Biberach als Zweigstelle der Stadtbücherei in Betrieb genommen und erfolgreich in den Lehrplan und den Unterrichtsalltag integriert. Zudem zeichne die Stadtbücherei aus, dass sie bereits mehrfach den ersten Platz beim Bibliotheksindex (BIX) gemacht habe.

Bibliotheksindex: Auch ein schlechter Platz ist hilfreich

Barbara Schleihagen; © privatBIX – dieses Kürzel für den Bibliotheksindex lehnt sich an den DAX, den Deutsche Aktienindex, an. Ähnlich wie sein Vorbild an der Börse ist er ein Leistungsbarometer. Im zehnten Jahr wurde der BIX 2009 anhand von verschiedenen Indikatoren wie Wirtschaftlichkeit, Kundenorientierung und Auftragserfüllung erstellt. Der BIX ist ein Wettbewerb, bei dem selbst Verlierer auf den hinteren Plätzen noch dazugewinnen können: „Wir haben festgestellt, dass gerade auch Bibliotheken, die nicht so gut abschneiden, es sehr gut als Argumentationshilfe nutzen können“, berichtet Barbara Schleihagen. „Wenn sie zu ihrem Gemeinderat oder Kämmerer gehen, können sie darauf verweisen, dass vergleichbare Bibliotheken viel bessere Dienstleistungen anbieten können, weil sie mehr Geld haben.“ Da fühlten sich manche Kommunalpolitiker bei der Ehre gepackt, mit der Bibliothek im Nachbarort gleichzuziehen.

Zum Frühstück beim Bundespräsidenten

Logo von „Deutschland liest“ © DBVZur politischen Lobbyarbeit des DBV gehörte auch die Teilnahme an der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Kultur in Deutschland“. Hier haben elf Abgeordnete und elf Experten vier Jahre lang Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Kulturpolitik erarbeitet. Bundespräsident Horst Köhler hat nicht nur bereits Vertreter des DBV zum gemeinsamen „Kulturfrühstück“ empfangen, sondern ist auch Schirmherr der bundesweiten Aktionswoche „Deutschland liest. Treffpunkt Bibliothek“, die der DBV federführend organisiert. Hauptförderer ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Welche Positionen die großen politischen Parteien in Deutschland zu bibliotheksspezifischen Fragen haben, erfährt die Öffentlichkeit über so genannte Wahlprüfsteine. Die hat der DBV gemeinsam mit Bibliotheken & Information Deutschland (BID) erarbeitet. Vor 20 Jahren gehörte der DBV zu den Gründungsmitgliedern der BID, die als Dachverband auch den Berufsverband Verein deutscher Bibliothekare, die Bertelsmann-Stiftung und das Goethe-Institut zu ihren Mitgliedern zählt. Darüber hinaus koordiniert die BID auch die internationale Zusammenarbeit mit ausländischen Bibliotheksfachverbänden.

Bibliotheken als Pflichtaufgabe

Webauftritt von Bibliotheken und Information Deutschland; © BIDEine große Herausforderung für die Zukunft ist für Barbara Schleihagen das Urheberrecht. „Es ist wichtig, dass dort die Bedingungen in der digitalisierten Welt nicht zu restriktiv werden und dass Forschung und Lehre, aber auch ein privates Studium ungehindert möglich sind“. Zudem befürchtet die Geschäftsführerin des DBV Einsparungen bei den Bibliotheken: „Aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise ist damit zu rechnen, dass wir in den nächsten Jahren alle den Gürtel enger schnallen müssen.“ Im Moment sind Bibliotheken freiwillige Aufgaben der Kommunen. Schleihagen fordert, öffentliche Bibliotheken als Pflichtaufgaben zu sichern. Dazu sieht sie zwei Möglichkeiten: entweder über ein Bibliotheksgesetz oder über landesweite Bibliotheksentwicklungspläne.

Das würde auch der Stadtteil-Bibliothek in Köln-Nippes zugute kommen. Bereits 2003 hätte sie wegen der angespannten Finanzlage der Stadt Köln geschlossen werden sollen. Nur vielfältige Proteste konnten dies – unter Einschränkung der Öffnungszeiten – abwenden.

Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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