Bibliotheken in Deutschland – Fachdiskussion

„Räume des Wissens“ – Uwe Jochum über seine Geschichte der abendländischen Bibliotheken

Uwe Jochum; © privatUwe Jochum; © privatVon den Höhlenmalereien bis zur digitalen Bibliothek im Netz: In sechs reich bebilderten Kapiteln spannt Uwe Jochum, leitender Bibliothekar an der Universität Konstanz, in seiner 2010 erschienenen „Geschichte der abendländischen Bibliotheken“ den Bogen über rund 20.000 Jahre Bibliotheksgeschichte. Goethe.de sprach mit dem Autor.

Herr Jochum, was hat Sie dazu bewogen, Ihre Geschichte der Bibliotheken bereits vor rund 20.000 Jahren in den Höhlen von Lascaux und Altamira beginnen zu lassen?

Mich hat die Idee geleitet, dass Bibliotheken bis in die jüngste Vergangenheit hinein immer Orte und dreidimensionale Räume des Wissens waren, ganz egal, ob Wissen nun in Büchern, Zeitschriften, auf Papyri oder Pergamentcodizes gespeichert wurde.

Das beginnt bereits mit den Höhlenmalereien. Diese sind – anders als es der Begriff vermuten lässt – eben keine ästhetischen Abbildungen von Wirklichkeit, sondern sehr komplexe Zeichensysteme, die man bis heute nicht genau entschlüsseln kann. Hier fand das erste Mal in der Geschichte der Menschheit eine mediale, in räumlicher Form stattfindende Aufzeichnung von Wissen statt.

Repräsentieren oder funktionieren?

Wie hat sich im Laufe der Bibliotheksgeschichte die Architektur der Bibliotheken gewandelt?

Cover von „Geschichte der abendländischen Bibliotheken“; © Primus Verlag Was man feststellen kann, ist eine Spannung in der Bibliotheksarchitektur: Phasen repräsentativen Bauens wechseln sich ab mit Phasen einer rein funktionalen Gebrauchsarchitektur. So wollten die Fürsten in der frühen Neuzeit etwa ihren eigenen Status durch repräsentative Bauwerke – darunter auch Bibliotheksgebäude – zum Ausdruck bringen. Selbst im 19. Jahrhundert, als das Bürgertum in die Rolle der Fürsten eintritt, findet man in den großen Nationalbibliotheken, die in Europa gebaut werden, interessanterweise zunächst einmal noch Kopien dieser Repräsentationsarchitekturen.

Ob die neuen Bibliotheksgebäude, die jüngst in Cottbus oder Berlin entstanden sind, eher in die Ecke der Repräsentations- oder der Gebrauchsarchitektur gehören, darüber lässt sich streiten.

Bürokraten in Bibliotheken

Seit wann gibt es den Beruf des Bibliothekars, wie wir ihn heute kennen?

IKMZ der BTU Cottbus; © Brandenburgische Technische Universität CottbusDer Beruf des Bibliothekars ist relativ jung. Es gibt ihn in einem modernen Sinne erst seit Ende der 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts, als in Europa und Amerika die staatliche Bürokratie perfektioniert wird, und daraus das Bedürfnis erwächst, für bürokratische Prozesse Verwaltungsfachleute anzustellen.

Vorher ist man Bibliothekar geworden, wenn man Wissenschaftler war, und hat als Professor an einer Universität eben im Nebenamt die Bibliothek geleitet. Der Beruf hat sich weltweit von einem akademisch-wissenschaftlich geprägten Beruf zu einem Verwaltungsberuf entwickelt.

Die Klosterbibliotheken im Mittelalter waren allein dem Klerus vorbehalten. Wann wurden Bibliotheken zu öffentlichen Einrichtungen, die allen zugänglich sind?

Philologische Bibliothek der FU Berlin; © Freie Universität Berlin/Bernd WannenmacherIn den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts machte sich das Bürgertum stark und reklamierte ein Recht auf den unbeschränkten Zugang zu Bibliotheken. Im 18. Jahrhundert hatten sich bereits bürgerliche Vereine als Lesevereine konstituiert. Sie sind der Nukleus der bürgerlichen, selbstverwalteten Bibliothek. Aus den Vereinen gehen im 19. Jahrhundert öffentliche Bibliotheken hervor, die der Staat für die Bürger bereitstellt.

Wissen auf digitalen Endloslisten

Heute wird Wissen verstärkt im Netz verfügbar gemacht. Sie sehen darin aber auch Gefahren. Welche?

Um mit einem spezifischen Bibliotheksproblem zu beginnen: In der gesamten Bibliotheksgeschichte konstruierte man Bibliotheken als dreidimensionale Räume des Wissens. Seither konnte man die Regale abgehen und sich topografisch orientieren. Dies ist ein sehr leichter und sehr effektiver Zugang zu Überlieferung. Die Digitalisierung führt nun dazu, dass Wissen am Bildschirm abrufbar gemacht wird. Anstelle einer dreidimensionalen, räumlichen Logik tritt die zweidimensionale Bildschirmpräsentation.

Grazer Büchertisch im Digitalisierungszentrum der Universitätsbibliothek; © Universitätsbibliothek HeidelbergDiese Form der Präsentation von Wissen bedeutet im Grunde einen Entzug von Wissen. Sie können zwar über Google, als populärste Suchmaschine, wahnsinnig schnell wahnsinnig viel finden ...

... ungefähr 14 Millionen Ergebnisse in 0,15 Sekunden zum Stichwort „Bibliothek“ zum Beispiel ...

... aber das Ergebnis ist eine riesige lange Liste an Wissen, eine Art Endlosliste Klopapier, durch die Sie sich hindurchscrawlen müssen. Hier gibt es nur noch ein Oben und ein Unten, und Sie können überhaupt keine Relevanzen mehr abbilden, außer, dass Google behauptet, in seinem „Page-Ranking“ stünde das Wichtigste oben.

Die Leichtigkeit des Zugangs zu ungeheuren Massen von Dokumenten und Wissen gerät in ein Missverhältnis zu unserer Möglichkeit, diese Massen sinnvoll in einer geordneten Form auf uns zu beziehen. Wir kriegen ganz viel ganz schnell, aber es ist immer egaler, was wir kriegen.

Uwe Jochum: Geschichte der abendländischen Bibliotheken. Primus Verlag 2010. 160 Seiten, ISBN: 3896786695, 39,90 Euro. 

Verena Hütter
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Autorin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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