Aneignungen der Stadt

Die Stadt im Urwald, der Urwald in der Stadt

Foto: Marcelo Lourenco

Ilha de Marajó, Pará; Foto: Marcelo LourencoDie Stadt im Urwald, der Urwald in der Stadt. Die Amazonas-Indianer haben ihren Platz unter den Träumern von der Stadt der Zukunft. Die Erfahrungen städtischen Lebens sind jedoch viel prosaischer.

Ich erinnere mich daran, wie besorgt ich vor 15 Jahren die Reisen der Yaminawa in die Stadt beobachtete. Es waren Reisen ohne Sinn, ohne Aussicht, sich darauf zu konzentrieren und ohne Möglichkeit, sie zu genießen. Die Reisen waren für mich verlorene Zeit. Ich war als Ethnograf hierher gekommen, um das Leben der Yaminawa zu studieren, und das musste im Dorf vor sich gehen. Ein Amazonas-Indianer in der Stadt war wie ein Buch ohne seine Siegel, ohne den Schatten eines Cuzco oder Tenochtitlan, die die Stadt in das Repertoire ihrer Tradition aufgenommen hätten. Es waren beschwerliche Reisen unter miserablen Umständen unter unterschiedlichsten Vorwänden, nie ausreichend, um den hohen Preis zu rechtfertigen. Die Yaminawa reisten in die Stadt, um eine Rentenzahlung abzuholen oder das Gehalt für den Lehrer der indigenen Schule oder um einen Verwandten im Krankenhaus zu besuchen oder einen Chef, der mit den Behörden verhandeln wollte. Sie schnürten ihre Sachen zu einem Bündel zusammen, beluden ein oder zwei Kanus mit frisch geernteten Bananen oder Yuca und reisten flussabwärts; Männer, Frauen, Kinder, Alte, immer zu viele für den beabsichtigten Zweck. Manchmal zogen auch ein, zwei oder drei junge Leute zu Fuß los, wateten den Fluss entlang, liefen durch das von Rochen übersäte Flachwasser oder schlugen sich quer durch den Urwald.

Auch heute treffen die Yaminawa in der Stadt auf dieses schwierige Leben, wo alles mit Geld bezahlt werden muss. Es ist schwer jemanden zu finden, der einen zum Essen einlädt, jedoch ziemlich leicht jemanden, der einen zum Trinken einlädt, denn Alkohol gibt es im Überfluss. Sie betteln auf den Strassen, die Frauen wühlen in den schmutzigen Abfällen um den großen Markt herum oder verkaufen sich als Prostituierte. Früher oder später werden die Reisenden müde und beschließen heimzukehren, oder die zuständigen Behörden haben das Spektakel der bettelnden Indianer satt und schicken sie in ihr Reservat zurück. Man hält ihnen lange Vorträge, man macht ihnen Vorwürfe, weil sie ihr Dorf verlassen, wo sie Boden, Gärten, Jagd und Fischfang haben, und stattdessen in die Stadt gehen und sich Infektionen, Hunger, Kälte und Angriffen aussetzen. Das verstehen sie weitgehend, aber wer ihnen ein bestimmtes Vertrauen entgegenbringt, dem gestehen sie ihre Sehnsucht, etwas von der Welt zu sehen. Sie reden von der Einsamkeit des Dorfes und von der Schönheit dieser Strassen voller Menschen, dieser wirren Menge von Gesichtern und Dingen. Sie sind keine verblendeten Tölpel, sie kennen den Bach seit ewigen Zeiten wie kein anderer, und ihre hingerissene Betrachtung dieser Straßen, die jeden europäischen Reisenden entmutigen würden, ist ohne eine besondere Ästhetik unvorstellbar.

Zur dieser Ästhetik gibt es einiges zu sagen. Im Dorf, wenn sie Ayahuasca trinken, dieses berauschende Getränk, dieses Paradigma der Mysterien des Amazonas, dann sehen die Yaminawa genau solche Städte. Lichter, Mengen, tausende verschiedene Gesichter. Ähnlich wie den Urwald, den man unter Ayahuasca auch als eine Unmenge von Geistern und funkelnden Mächten sehen kann. Das ist keine Besonderheit der Yaminawa, nicht einmal eine kürzlich aufgetauchte Vision eines wiedererfundenen Schamanismus. Im Vorwort zu dem Buch, in dem er die Werke von Pablo Amaringo, einem Maler aus dem Amazonasgebiet, vorstellt, zitiert Luis Eduardo Luna eine Vielzahl von ähnlichen Aussagen, einige davon reichen sogar bis ins XIX. Jahrhundert zurück. Die kolumbianischen Indianer versprachen William Burroughs die Vision von Städten, wenn sie ihm Yage anboten. Im Rausch besuchen sie Schamanenstädte, Zentren geheimen Wissens unter dem Wasser oder in irgendeinem Ödland im All. Und so sehen die Städte aus, die auf den visionären Gemälden Amaringos erscheinen: hohe Gebäude, Kuppeln, Nadeln, Türme, Flugplätze mit Flugzeugen oder Raumschiffen, phantastische Städte, die an urbane Phantasien, an La Défense de Paris oder mehr noch - Luna selbst schlägt diesen Vergleich vor - an die Städte, die El Bosco am Horizont seines Gartens der Lüste platzierte, erinnern. Die weißen Flächen vor einem dunklen Hintergrund erinnern an den nächtlichen Glanz der Metropolen und an eine Architektur aus Stahl und Glas. Die Amazonas-Indiander haben ihren Platz unter den Träumern von der Stadt der Zukunft.

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Oscar Calavia

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