Aneignungen der Stadt

Veracidade - eine Fotoausstellung über Stadt und Umwelt in Brasilien

Foto: Ivaldo Cavalcante Alves

Foto: Ivaldo Cavalcante AlvesEin Junge, der angestrengt ein gebrechliches Stück Holz wie ein Floß über ein von Abfall zugedecktes Wasser steuert; eine grotesk vermummte Müllsammlerin, kaum unterscheidbar von dem grellbunten Müllberg, der sie umgibt; ein einsamer Straßenverkäufer in einer nächtlichen städtischen Betonwüste; ein Baum, der seine verstümmelten Arme zwischen Hochhäusern reckt - aber auch: vergnügt planschende Kinder inmitten der artifiziell-menschenfeindlichen Architektur einer modernen Großstadt; Baumkronen, die wie eine grüne Welle zwischen den betongrauen Hochhäusern einer zum Meer führenden Straße dahinzurollen scheinen; kleine Gärten unter einem metallischen Wald gigantischer Hochspannungsmasten; blühende Topfpflanzen vor den zusammengestoppelten Holzhütten einer Favela; ein Baum, dessen Wurzeln ein verlassenes Haus langsam "auffressen" - in der Foto-Ausstellung "Veracidade", die seit Dezember 2003 in zahlreichen Städten Brasiliens zu sehen war und die mittlerweile als Dauerausstellung im brasilianischen Umweltministerium installiert ist, sind die vielfältigen Aspekte der Begegnung von Stadt und Natur facettenreich, eindringlich und ästhetisch anspruchsvoll wiedergegeben.

Foto: Gildo Joaquim de Lima Die Ausstellung ist das Ergebnis eines Fotowettbewerbs, den die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Rahmen des Projekts "Städtisches Umweltmanagement" ausgeschrieben hat und der in Partnerschaft mit dem brasilianischen Umweltministerium realisiert wurde. Knapp 400 Berufs- und Amateurfotografen aus allen Teilen Brasiliens haben rund 1300 Arbeiten eingesandt, aus denen eine Jury aus Journalisten, Fotografen und Stadtplanern die Preisträger ausgewählt hat. 35 Arbeiten dieses Wettbewerbs bilden die Ausstellung, die von einem Bildband begleitet wird.

Der Doppelsinn des Titels - "Wahrheit" und "Blick auf die Stadt" - ist programmatisch: Er weist darauf hin, wie die "Wahrheit" mit der Perspektive wechselt. Denn die Fotos geben nicht nur die großen Umweltprobleme wieder, mit denen die brasilianischen Städte konfrontiert sind, sie demonstrieren auch, wie sich die Menschen in einer oft lebensfeindlichen Umgebung behaupten, wie sich Nischen bilden, in denen der Gegensatz von Stadt und Natur aufgehoben scheint, oder wie man einer starren und kalten Architektur spielerisch trotzt. Von radikaler Kritik bis zu liebevoller Teilnahme reicht hier der Blickwinkel, und selbst zaghafte Andeutungen von Lösungsmöglichkeiten für scheinbar ausweglose Umweltprobleme werden in einigen Bildern präsentiert.

Aber die Ausstellung hat noch einen weiteren Aspekt: Es geht auch um die Diskussion des Begriffs "Meio Ambiente", der in Brasilien anders, enger gefasst ist als etwa in Deutschland. Obwohl mehr als 80 Prozent der Brasilianer in Städten leben, assoziiert man in Brasilien "Meio Ambiente" vor allem mit intakter Natur, mit Tropenwäldern, Nationalparks, einsamen Stränden. Der Mensch wird lediglich als "Besucher", nicht als Teil der Umwelt wahrgenommen. Und so bleibt das städtische Leben ausgeschlossen und damit die Probleme, die der Stadtbewohner mit seiner Umwelt hat: Verschmutzung von Luft und Wasser, Betonisierung, Dauerstau auf den Straßen etc. Indem Umweltschutz nur als Naturschutz verstanden wird, bilden in der brasilianischen Umweltdiskussion Stadt und "Meio Ambiente" meist einen unüberbrückbaren Gegensatz. "Es ging uns bei dieser Ausstellung vor allem darum, den hierzulande gängigen Umweltbegriff zu erweitern", erklärt der Leiter des GTZ-Projekts und Initiator der Ausstellung, Detlev Ullrich. "Wir wollen" - so der Organisator des Ausstellungsprojekts, GTZ-Mitarbeiter Andreas Nieters -, "dass sich die Menschen als Teil der von ihnen geschaffenen Umwelt verstehen. Insofern dienen die Fotos als Anstoß zur Diskussion." Die durch das Medium der Fotografie wahrgenommenen Ausschnitte städtischer Alltagsrealität werden so als ein Mittel der Umweltkommunikation eingesetzt.

Basierend auf der Fotoausstellung entwickelte das GTZ-Projekt die Umweltbildungsinitiative "Veracidade - jovens encontram a cidade" mit der Absicht, Jugendliche für das Thema "städtische Umwelt" zu sensibilisieren und zur Reflexion und Diskussion über das Thema anzuregen. Das dabei erarbeitete methodische Konzept, das auf der Interpretation der Fotos beruht, wurde zur Grundlage von Multiplikatorenschulungen, Workshops und einer Internetplattform. Mittels einer CD wurde das didaktische Material an 400 Umweltbildungszentren und NGOs in ganz Brasilien verteilt.

Durch hohe Besucherzahlen (ca. 70.000) und ein großes Medienecho (45 Beiträge in Presse und Fernsehen) erreichte die Ausstellung eine enorme Breitenwirkung. Somit bestätigte das Ausstellungsprojekt eindrucksvoll die Absicht der Initiative, Fotografie als Mittel der Umweltkommunikation und Fotointerpretation als Medium der Umweltbildung zu nutzen.

Sonja Zöller, Rio de Janeiro

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